(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Die verbeulte Kugel


Sehn Sie mich bitte nicht so an, ich weiss dass ich etwas seltsam aussehe….. nein ich bin kein Würfel, ich bin eine verbeulte Kugel….. ja ich weiss dass ich ähnlich aussehe wie ein sehr seltsamer Würfel, aber das liegt daran dass ich eben kein Würfel bin sondern eine verbeulte Kugel.

Ich weiss das mit Bestimmtheit, ich kam schon als Kugel zur Welt. Schon damals wollte mir das niemand glauben, alle hielten mich für einen unförmigen Würfel. So begannen sie, an mir rumzudrücken, rumzuwürgen, rumzuhämmern, schlugen mir mal links eine, mal rechts eine und so kam es dann, dass aus mir halt mit der Zeit eine ziemlich verbeulte Kugel wurde. Irgendwie schafften sie es in all der Zeit nicht, mich in eine Würfelform zu kriegen. Ist ja auch kein Wunder, ich bin ja eine Kugel. Wie in aller Welt soll aus einer Kugel ein Würfel werden?

Immer und immer wieder habe ich es ihnen gesagt, bin sogar demonstrativ rumgerollt, damit wirklich auch der hinterst und letzte Depp merkt, dass ich eine Kugel bin. Aber nein, jedesmal nur dieses „Ach jetzt rollt dieser Scheisswürfel schon wieder“ und dann sofort n’paar links, n’paar rechts und dann ab in eine Ecke.

Das Leben als unvollkommener Würfel ist echt anstrengend, fast so anstrengend wie das als verbeulte Kugel. Aber was will man machen, hätten sie mir doch nur von Anfang an geglaubt, dass ich eine Kugel bin. Ich wette, aus mir wär eine richtig schöne Kugel geworden, aber eben, im Nachhinein ist man ja oft schlauer…….. oft, ja aber leider nicht immer.

So ich muss jetzt eins weiter, hab noch n’Termin bei meinem Psychiater. Der behandelt mich weil er denkt, ich würde mich für eine Kugel halten. Irgendwie bin ich froh um meinen Psychiater, das Leben ist manchmal wirklich sehr sehr verwirrend.

Rosenstolz – Zarah in Ketten

Und wenn Zarah lacht
ist sie jung und schön
wenn sie träumt
kann keiner sie versteh’n

Denn sie träumt im Hier wie es ihr gefällt
mit viel Licht und langsam wird sie geh’n
Zarah hat nie die Wirklichkeit geseh’n
das hat sie nie interessiert
im weißen Kleid sah’ man sie oft steh’n
und der Blick war fasziniert

Zarah in Ketten, nicht mal der Wind erzählt ihr Lied
nicht von dem, was nie war und es wird nie sein
Zarah im Dunkeln und es wird nie wieder hell
diese Trauer macht blind, sie erkennt nichts mehr

Und wenn Zarah tanzt, ist sie ganz allein
denn noch nie war sie zum Tanzen aus
nur in ihrer Welt war sie groß und stark
doch sie kam aus ihrer Welt nie raus

Dann hätt’ sie gern die Wirklichkeit geseh’n
doch zu spät die Tür war zu
Im schwarzen Kleid hab’ ich sie geseh’n
und der Blick war ohne Ruh’

Hermann Hesse – Demian – Blicke ins Feuer

Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein!
Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen,
und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat,
dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauss machen wollen.
Sie halten sich manchmal für sonderbar,
Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten.
Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer,
blicken Sie in die Wolken,
und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen,
dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst,
ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa
oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei!
Damit verdirbt man sich!

(Hermann Hesse, Demian)

Mila Mar – Was bleibt / Like a cannibal / Merdina

Mila Mar ist sozusagen die Elfe unter den Sängerinnen, mir ist keine Musikerin bekannt, die so sphärenhaft und gefühlsvoll singt. Mila Mar zu hören heisst, tiefste Gefühlswelten zu durchleben.

Was bleibt (live) …….

Like a cannibal (live) …..

Merdina (Video-Montage) …..

Quadrat im Kreis

Hin und wieder stell’ ich fest,
dass ich nicht mehr lachen kann,
über Sachen die ich früher lustig fand.

Hin und wieder merk’ ich auch,
dass ich keine Menschen brauch’
und lieber ganz alleine bin.

Doch der Schmerz ist zuckersüss
und irgendwie auch so vertraut,
ich hab’ mich dran gewöhnt.
So fehlt zur letzten Konsequenz
einmal mehr das bisschen Mut
und die paradoxe Wut darüber
wird im Traum ertränkt
von der beschissenen Leichtigkeit des Scheins.

Hin und wieder wird mir klar,
dass alles anders geworden ist,
als es scheint, dass es früher einmal war.

Hin und wieder spüre ich,
dass ich die Sonne nicht mehr mag,
weil ich das helle Licht nicht mehr ertrag’.

Doch der Schmerz ist zuckersüss
und irgendwie auch so vertraut,
ich hab’ mich dran gewöhnt.
So fehlt zur letzten Konsequenz
einmal mehr das bisschen Mut
und die paradoxe Wut darüber
wird im Traum ertränkt
von der beschissenen Leichtigkeit des Scheins.

Wie ein Quadrat in einem Kreis,
eck’ ich immer wieder an,
obwohl ich doch schon lange weiss,
dass ich niemals ändern kann,
was sich niemals ändern wird,
weil das Schlechte immer bleibt
und doch die Sonne wieder scheint,
scheissegal was auch passiert.

Immer wieder stell ich fest,
dass das “hin und wieder” immer öfter “ständig” ist.

(WIZO – Quadrat im Kreis)

Happy Birthday, Mam

Heute hat meine verstorbene Mutter Geburtstag, wie immer ist das ein eher trauriger Tag, weil ich ihr nicht gratulieren kann und weil es mir wieder bewusst wird, dass sie viel zu früh gehen musste. Ich weiss nicht, ob’s im Himmel Internetanschlüsse gibt, trotzdem schreibe ich hier, was ich sonst nicht sagen kann.

Meine Mutter bedeutete mir sehr viel. Sie war zwar in vielerlei Hinsicht schwierig (so wie ich), aber sie war immer für mich da, wenn sie dazu in der Lage war. Ihr Leben war nicht leicht, schon früh hatte sie mit Krankheiten zu kämpfen und im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass auch für sie das Leben selbst eine grosse Herausforderung war.

Immer wieder, wenn ich an sie denke, frage ich mich, wie sie damit umgegangen wäre, dass ihr vermeintlicher Sohn eines Tages zur Tochter wird. Hätte sie es so gut angenommen wie mein Vater, oder wäre sie daran verzweifelt? Ich weiss es nicht, werde es nie erfahren, und doch bin ich davon überzeugt, dass sie mich weiterhin geliebt hätte und als ihre Tochter angenommen und respektiert hätte.

Sie war ein liebevoller Mensch und gab alles für Andere. Und sie liess Andere so leben wie sie sind, egal ob sie das für richtig oder falsch hielt. Ja ich glaube, sie wäre zu mir gestanden und es macht mich traurig, dass sie mich nie so kennen lernen konnte, wie ich wirklich bin, eine stolze Frau die ihren schwierigen Weg mit derselben Hartnäckigkeit geht, wie sie selbst es getan hat.

Meine Mutter war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für mich, vorallem eines hat sie mir radikal vorgelebt, ihre Renitenz. Sie war störrisch wie ein Muli, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann hat sie das durchgezogen auf Teufel komm raus. Ich bezweifle, dass ich heute da wäre wo ich bin, wenn sie mir diese Renitenz nicht vorgelebt hätte.

Sie war in vielen Dingen sehr selbstlos, setzte sich ehrenamtlich für Terre des hommes ein und half denen, die ihrer Hilfe bedurften, auch wenn sie eigentlich oft diejenige gewesen wäre, die diese Hilfe gebraucht hätte. Das habe auch ich verinnerlicht und so ist es kein Wunder, dass ich irgendwann zur Greenpeace Aktivistin wurde und mich politisch und sozial für Andere einsetze.

Und sie gab mir noch etwas anderes mit auf den Weg, den schwärzesten Humor den die Welt je gesehen hat. Dieser schwarze Humor, der sich zwischen Ironie und Zynismus bewegte, ist heute noch eine meiner grössten Kraftquellen. Worüber wir lachen können, das macht uns auch nicht kaputt.

Ich gäbe so verdammt viel, wenn sie mich wenigstens einmal so erleben könnte, wie ich heute endlich sein kann, dass sie das wahre Ich ihres Kindes wenigstens einmal erleben darf. Vielleicht sieht sie es ja, vielleicht ist sogar sie diejenige, die mir immer wieder diese Kraft gibt, aufzustehen und weiter zu gehen, diese Kraft von der ich selbst nicht weiss, woher sie kommt.

Ich bin glücklich, sie gehabt zu haben und auch wenn sie viele Seiten hatten, die sehr schwierig waren, so wünschte ich mir doch nichts an ihr weg, weil sie ein wundervoller Mensch war, nicht obwohl sondern weil sie so war wie sie war.

Wirklich tot sind nur die, an die niemand mehr denkt.
Ich werde Dich nie vergessen.

Ich liebe Dich, Mam, und ich hoffe, dass wir uns irgendwann wieder begegnen können.

Die verpasste Jugend eines T-Girls

Die Tatsache, dass ich vier Jahrzehnte im falschen Körper verbrachte, raubte mir in meinem Leben viele Dinge, viele Zeiten gingen vorüber ohne dass ich sie in mir entsprechender Art hätte leben können. Am meisten traure ich um meine Jugendzeit, die Jahre in denen aus Mädchen Frauen werden, die aufregend sind und neue Erfahrungen im Multipack bringen, die Zeit in der man sich sucht, findet und präsentiert. Ich glaube, keine Zeit des Lebens ist so abenteuerlich, es ist die Zeit der geschlechtlichen Entfaltung – sofern einem dies erlaubt wird.

Bei uns Transsexuellen ist das definitiv nicht der Fall. Wir haben in der Regel bis dahin längstens verstanden und gelernt, wie wir sein müssen. Aber ein Mädchen kann sich nicht zum Mann entfalten und sie kann sich auch nicht zur Frau entfalten, sie bleibt irgendwie stehen. Für mich war es die Zeit, in der ich anfing mich mit Computern zu beschäftigen. Die stellen keine Geschlechternormen auf, da gibt es nur klare Fakten und als Programmiererin habe ich die Kontrolle über diese kleine Welt – ganz im Gegensatz zur Welt da draussen, die mir mit der pupertären Entfaltung ein unlösbares Problem stellt.

Was wäre aus diesem Mädchen geworden, wenn es damals schon Diana hätte sein können, was hätte sie erlebt, wie hätte sie sich entfaltet? Wir werden es nie erfahren.

Auch heute, als ich im Kino “Alvin and the Chipmonks 2″ schaute, rutschte ich trotz des lustigen Films zeitweise ab. Der Film spielte an einem College, in der Zeit die ich am meisten vermisse, die Zeit an dem mein Leben innerlich stehen blieb. Wenn ich in solche Welten hinein blicke, öffnet sich ein Tor zu meinem Inneren, des eine Leere zeigt, eine Lücke die nie wieder gefüllt werden kann und es entsteht eine ungeheure Sehnsucht nach dieser verpassten Zeit – ich wünschte mir, ich hätte wenigstens einmal an einem Schüllerball tanzen können.

Auch wenn ich mich heute des Öfteren pupertär fühle wie verrückt und auch wenn ich teilweise pupertäre Gefühlswallungen habe, kann diese Lücke nie wirklich gefüllt werden. Jede Zeit ist einmalig, man kann die Jugend nicht nachholen, jedenfalls nicht vollumfänglich.

Ich habe gelernt mit Verlusten umzugehen, was verloren ist, wird losgelassen. Nur in ganz seltenen Fällen gelingt mir das nicht, weil der Verlust einfach zu gross ist um loszulassen. Meine verpasste Jugend gehört definitiv dazu.

Also wenn ich wieder mal eine girlige Phase habe, habt Verständnis, da ist einfach zu viel was verpasst wurde…… und deshalb halte ich es nachwievor für ok, dass ich mich auch mit 43 Jahren noch T-Girl nenne, weil etwas in mir diesen Sprung zum Frausein nie schaffte und nie schaffen wird…… und auf eine gewisse Weise schätze ich das sogar. Das was ich nie wirklich hatte, geht mir dafür im Gegensatz zu Anderen auch nie verloren – hat ja irgendwie auch was Schönes.

Ich habe schon vor langer Zeit gesagt, ich sei ein “ewiges Kind”, wie Recht ich habe und weshalb dem so ist, wird mir erst jetzt so richtig klar.

Das Mädchen das ein Junge war?

In der gestrigen Stern-TV Reportage über Kim Petras wurde einmal mehr das Bild präsentiert, dass eine transsexuelle Frau ein Junge ist, der ein Mädchen sein möchte. Ich glaube, es gibt nichts was eine transsexuelle Frau mehr verletzen kann und nichts was für eine Frau entwürdigender ist als diese Aussage und es gibt nichts, was ihr mehr Unrecht antut.

Ich bin nicht mein Geschlechtsorgan sondern ich bin eine Persönlichkeit.
(Brandon – ein TransMann)

Soweit ich mich zurück erinnern kann, gab es für mich nie Zweifel daran, dass ich ein weibliches Wesen bin. Ich lernte schnell, dass ich nicht so sein darf, dass meine Genitalien mein Geschlecht bestimmen und dass ich mich gefälligst so zu verhalten hätte, wie ich gemäss dem Zellklumpen zwischen meinen Beinen hätte sein sollen. Aber ich war nie ein Junge, Genitalien hin oder her, ich bin als weibliches Wesen geboren, meine gesamte Persönlichkeit, mein ganzes Selbst, war immer und jederzeit weiblich.

Was macht das Wesen eines Menschen aus, ist es die Ansammlung der Zellen, ist der Mensch nur ein Zellklumpen oder ist die Wesensart eines Menschen durch sein Innerstes begründet?

Wenn ich DICH frage, wer Du bist, würdest Du dann antworten: “Ich bin dieser Zellklumpen und dieser Organhaufen, frei jeglicher Persönlichkeit, frei jeglichen Selbst”? Oder würdest DU sagen: “Ich bin eine Persönlichkeit, die nicht auf Äusserlichkeiten beruht, ich habe eine Seele, ein Selbst und mein Innerstes macht mich aus”?

Wäre ich ein Mann, der eine Frau sein will, würde ich mich psychiatrisch behandeln lassen und mein Leben mit etwas Travestie aufpeppen. Aber das bin ich nicht, war ich nie und werde es nie sein. Auch wenn das in den hölzernen Schädel eines Menschen kaum reingeht, ich bin mehr als die Summe meiner Körperteile, mehr als meine Genitalien und mehr als meine Chromosomen. Ich bin Mensch, habe eine Seele, eine Persönlichkeit und ein Selbst. Und dieses ist nicht einfach der Erguss eines Zellklumpens.

Was macht den Menschen aus, bestimmt der Körper was der Geist ist, formt der Körper die Seele oder ist die Identität nur eine Projektion durchgeknallter Atome? Wer bist DU? Was macht DICH aus?

Es tut so unglaublich weh, derart verkannt zu werden. Es ist schon schwer genug, als Frau in so einem Körper aufwachsen zu müssen, aber es ist um ein Vielfaches schwerer zu ertragen, dass die Umwelt einem einreden will, man sei nicht sich selbst, nur weil eine anatomische Sonderbarkeit den Anschein erweckt, man sei nicht was man in Wirklichkeit ist.

Ich will keine Frau sein, ich bin eine – und ich wäre glücklich wenn ich ein normales Leben führen könnte und mein Körper mir selbst entsprechen würde. Aber dem ist nicht so und ich muss damit leben, dass sich die Natur mit mir einen grausamen Scherz erlaubt hat.

Aber ich bin nicht bereit zu erdulden, dass die Welt mir einredet, ich wolle nur sein, was ich in Wirklichkeit bin.

Man mag mich verkennen, man mag mich verurteilen, als Freak ansehen oder als “Transe” benennen. All das wird nichts daran ändern, dass ich bin was ich immer war und dass ich zu mir selbst stehe und nichts anders tue als mich selbst zu sein. Was auch immer man mir für Namen gibt, was auch immer man für Vorurteile über mich verhängt, all das ändert nichts daran, dass ich eine Frau bin, schon immer eine Frau war und für immer eine Frau bleiben werde.

Dieses Recht nehme ich mir heraus, weil ich der festen Überzeugung bin, dass der Mensch mehr ist als ein Zellklumpen und das die Persönlichkeit eines Menschen nicht durch Atome, Zellen oder Körperteile bestimmt wird.

Und auch wenn ich eines Tages blutige Tränen weinen werde, weil mich diese Welt in ihrem reduktionistischen Denken zu einem Zellklumpen degradiert, ich werde nie, wirklich nie aufhören, mich selbst zu sein. Weil das meine Bestimmung ist, weil ich so geschaffen wurde und weil alles andere pure Selbstverleugnung wäre.

Gefangen in den Tretmühlen einer pervertierten Sinnstiftung,
strampeln die Mäuse der Postmoderne in rasendem Tempo vor Ort,
um das Rennen der Flucht vor sich selbst zu gewinnen,
das sie immun und bewusstlos direkt in die Krematorien führt,
wo ihre sterbliche Hülle, die Hülle geblieben ist,
als ein Stück stumpfe Materie entsorgt wird.
(Author unbekannt)

Sich nicht verstanden fühlen

Es will mir nicht einfallen, wann dieses Gefühl zum ersten Mal auftauchte oder ob es sogar schon immer in mir war. Auf jeden Fall war es spätestens in der Schulzeit spürbar und verfolgte mich wie mein eigener Schatten. Das Gefühl, dass mich niemand versteht, dass ich ständig missverstanden werde. Es war mehr als ein Gefühl, es war eine Gewissheit. Was an mir nicht verstanden wurde, wusste ich selber nicht. Vielleicht, weil es keine einzelnen Missverständnisse waren sondern ein allumfassendes Gefühl, das im alltäglichen Leben gar keine Bestätigung braucht, das einfach aus sich heraus gefestigt ist.

Jedes Kind fühlt sich da und dort missverstanden, die Kluft zwischen dem Denken von Jugendlichen und Erwachsenen ist so gross, dass das Missverstandenfühlen ein wesentlicher Aspekt der Pupertät ist. Aber dieses Missverstandensein beruht auf unterschiedlichen Werten und begründet sich in alltäglichen Konflikten. Eltern verstehen nicht, weshalb Kids bis um zwölf im Ausgang sein wollen und Kids verstehen nicht, weshalb sie so früh ins Bett müssen nur weil sie morgens wieder zur Schule gehen. Ihr versteht mich nicht, dürfte einer der weit verbreitesten Sätze sein, die von Jugendlichen ausgesprochen werden. Aber es geht hier immer nur um Momente und einzelne Ansichten.

Diese Art der Missverständnisse kannte auch ich, aber das, was dieses allumfassende Gefühl des Missverstandenseins in mir so betonierte, hatte nichts mit all dem zu tun. Ich wusste in all der Zeit nicht mal ansatzweise, was denn falsch verstanden wird und wie es richtig hätte verstanden werden sollen. Es gab keine rationale Erklärung für dieses Gefühl.

Ich war gute achtzehn Jahre alt, als ich zuhause auszog und mit meiner damaligen Freundin ein kleines Häuschen mietete. Mein Auszug war gleichzeitig ein Bruch mit der gesamten Vergangenheit. Ich brach den Kontakt zu Verwandten und ehemaligen Freunden ab und begann ein neues Leben. Der bewusste Gedanke sagte mir, dass ich einfach neu anfangen will. Heute weiss ich, dass es um etwas ganz anderes ging, ich wollte dieser Gewissheit entfliehen, dass mich niemand versteht. Hätte ich wenigstens gewusst, was die Leute denn an mir richtig verstehen müssten, hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich zu erklären und Verständnis zu erarbeiten. Aber ich wusste ja selber nicht, was ich hätte erklären wollen, ich war auf eine mir völlig unverständliche Art anders, anders als alle Anderen, wusste selber nicht was, wer oder wie ich bin, wie hätte ich da etwas erklären können?

Etwa im dreiundzwanzigsten Altersjahr sah ich eher zufällig im TV die Dokumentation “Traum-Frau” über Coco, eine transsexuelle Frau hier aus Zürich. Ich glaub es war das erste Mal, dass ich mich nicht mehr alleine fühlte. Und ich begann zu erahnen, was an mir nie verstanden wurde, weder von all den Menschen die um mich herum waren noch von mir selbst. Kein Wunder, war diese Flucht vor den Menschen meiner Vergangenheit eine Illusion, das Unverständnis war ja vorallem Meinerseits und mir selbst konnte ich nicht entfliehen. Da sass nun diese Coco in meinem TV, so ganz anders als alle Anderen und so gleich wie ich selbst. Ich verstand sie bei jedem Satz den sie sagte und spürte, dass sie die Erste wäre, die mich verstehen würde.

Das war der Moment, als mir klar wurde, dass ich eine transsexuelle Frau bin. Diese Erkenntnis empfand ich alles andere als bereichernd, mir wäre lieber gewesen, ich wär diesbezüglich unwissend geblieben. Ich begann zu ahnen, dass mir ein Weg vorbestimmt war, den ich keinesfalls gehen wollte. Was Andere über mich denken war mir viel zu wichtig, wie in aller Welt käme ich dazu, einen Weg zu gehen, der mich in den Augen dieser Welt zum Freak macht? Ich hoffte, dass das alles nur ein böser Traum war und begann zu verdrängen und zu vergessen und zu leugnen, was nicht zu leugnen ist.

Doch ich begriff zu dem Zeitpunkt nicht, dass mein Gefühl des Nichtverstandenseins genau darauf beruht. Ich war eine Frau, gefangen im Körper des anderen Geschlechts, maskiert als etwas was sie nicht ist. Wie könnte jemand eine Frau als Frau wahrnehmen, wenn man ihr das wahre Geschlecht nicht ansieht? Ich begriff nicht, dass ich bis zum jüngsten Tag dazu verflucht wäre, nicht verstanden zu werden – oder bis zu dem Tag, an dem ich beginne mein wahres Selbst zu entfalten.

Zwei Jahrzehnte kämpfte ich vermeintlich erfolgreich dagegen an und genauso lange blieb die Überzeugung des Nichtverstandenseins an mir hängen. Dieses Gefühl war irgendwann so stark, dass ich der ganzen Welt den Rücken kehrte. Ich hatte noch eine Lebenspartnerin und ein Kind, dem Rest der Welt sprach ich jegliche Bedeutung ab. Ich bin anders als Ihr und Ihr werdet mich nie verstehen, was will ich dann noch von Euch? Meine Trauer über dieses innere Alleinsein wurde immer grösser und die Abneigung gegenüber meiner eigenen Spezies wurde immer mehr zu Verbitterung.

Selbst als ich vor einem guten Jahr meine Selbstentfaltung begann und mich der Welt erstmals so zeigte wie ich wirklich bin, war ich mir nicht bewusst, dass mein Gefühl des Nichtverstandenseins etwas mit all dem zu tun hatte.

Nun, ein Jahr später, blicke ich zurück auf dieses letzte Jahr und stelle verblüfft fest, dass ich mich seit einem Jahr verstanden fühle. Vielleicht nicht vollumfänglich, weil ich in den Köpfen vieler Menschen ein Mann bin, der jetzt halt eine Frau sein möchte. Ein völlig falsches Verständnis und dennoch werde ich getragen von einem Gefühl, dass Menschen mich nun sehen wie ich bin. Und dass sie jetzt erstmals die Gelegenheit haben, mich zu verstehen, wahrzunehmen wer und was ich wirklich bin.

Immer öfters in den letzten Monaten ertappe ich mich dabei, dass ich mir wünsche, Menschen von früher wieder zu sehen, Menschen denen ich vor zwanzig Jahren davongerannt bin und sie aus meinem Kopf und Herz verbannt habe. Ich spüre, dass sie mir nachwievor viel bedeuten. Und ich spüre, dass das, was mich solange von ihnen ferngehalten hat, nicht mehr existiert.

Und das ist irgendwie seltsam. Denn kaum jemand wird wirklich verstehen, dass ich wahrhaftig eine Frau bin, schon immer war und immer sein werde. Dass ich eine anatomisch weibliche Hirnstruktur habe, eine weibliche Seele und nur mein Körper vier Jahrzehnte die Lüge verbreitet hat, ich hätte ein männliches Geschlecht. Die Chance, rational korrekt verstanden zu werden, ist schlechter denn je. Trotzdem fühle ich mich nicht mehr missverstanden, jedenfalls nicht in so allumfassenden Ausmass wie bisher. Die Vorstellung, diesen Menschen irgendwann wieder zu begegnen, ohne diese männliche Fratze, die mein Ich solange verborgen hat, ist eine wunderschöne Vorstellung. Zum ersten Mal im Leben bin ich mich selbst und so gebe ich der Welt zum ersten Mal die Chance, mich wahrhaftig zu erleben und zu verstehen, wer und was ich bin.

Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mit Sätzen konfrontiert werde wie “früher als Du ein Mann warst” oder “heute wo Du eine Frau bist”. So Sätze zeugen von grossem Unverständnis und doch fühle ich mich dabei verstandener denn je. Vielleicht verstehen Leute nicht was Transsexualität wirklich bedeutet oder sie glauben, ich hätte früher ein anders Geschlecht gehabt. All das ist jedoch zweitrangig. Was für mich heute zählt ist, dass sie mich jetzt im hier und heute als eine Frau wahr!nehmen und mich so behandeln. Damit geben sie mir mehr Verständnis als ich es je vorher hatte, weil sie mir zumindest im hier und jetzt mein Ichsein zugestehen, es anerkennen……….. und mir damit etwas geben, was Allen zusteht……. die Würde des Menschen.

So stehe ich heute erstmals an einem Punkt, an dem ich mein Leben mit Würde tragen kann, an dem ich mich zumindest im Kern verstanden und respektiert fühle, als das was ich bin. Und das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, weil es dem grössten Schmerz meines Lebens ein Ende bereitet.

Der Tod der Tänzerin

Die meisten Menschen kennen so Momente, in denen einem einfach spontan die Decke auf die Birne knallt. Ein kleiner äusserer Reiz reicht und schon kommt etwas hoch, das irgendwo tief in einem modert. Oft sind es Dinge die seit Langem im Kerker der Seele vor sich hinfaulen, sie sind einem nur allzu gut bekannt, weil sie im Verlauf des Lebens immer mal wieder auftauchen, wie Schatten die man nicht los wird. Und dann ein kleiner Impuls, irgend etwas was einem daran erinnert und schon geht ein Feuerwerk von Gefühlen los. Man sagt solchen Auslösern “Trigger”, das englische Wort für “Auslöser”. Bei mir hat’s grad mal wieder getriggert und ich fühl mich wie zugebombt, eine Detonation nach der Anderen, eine Welle nach der Anderen….. Gut zu wissen, dass so Trigger-Tsunamis nur kurz andauern und schon bald wieder vergessen sind. Dumm nur, dass man die Gewissheit hat, dass man ihnen früher oder später wieder begegnen wird.

Und wenn Zarah tanzt, ist sie ganz allein
denn noch nie war sie zum Tanzen aus
nur in ihrer Welt war sie groß und stark
doch sie kam aus ihrer Welt nie raus
(Rosenstolz – Zarah in Ketten)

Begonnen hat es wie so Trigger nunmal sind, durch ein ganz harmloses Ereignis. Ich sass im Wohnzimmer und guckte DSDS, genoss den Gesang, die Auftritte und immer mal wieder beobachtete ich die Background-Tänzerinnen, die im Hintergrund für Ambiente sorgen. Normalerweise sind sie im Hintergrund, der Sänger absorbiert den grössten Teil der Aufmerksamkeit. Doch heute sah ich einen Moment lang nur noch eine Tänzerin im Hintergrund, die im Takt der Musik ihren wunderschönen Körper zu einem noch schöneren Kunstwerk verbog. Da war er wieder, dieser verfluchte Trigger – und die Achterbahn der Erinnerungen ging los.

Seit ich denken kann, war Musik für mich das Grösste was es gibt. Musik geht durch Mark und Bein, Musik kann die Seele streicheln oder sie erschüttern. Musik ist die Königin der Künste. Musik kann man hören, man kann sie auch selbst machen, oder man kann sich von ihr durchströmen lassen. Tut man Letzteres, beginnt der Körper sich zur Musik zu bewegen und daraus entsteht Tanz.Ich glaube, es gibt nichts Erfüllenderes als sich von Musik mitreissen zu lassen, nicht nur im Kopf sondern mit dem ganzen Körper. Tanz ist Ekstase, in ihrer reinsten Form. Ich glaube, dass dem so ist, aber ich weiss es nicht wirklich, weil mir der Zugang dazu nie vergönnt war.

Wann genau es war, weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch wie ich mich gefühlt habe, als ich zum ersten Mal in einer Schülerdisco stand, mich zur Musik gehen liess, die Musik meinen Körper durchströmte und ihn in Bewegung versetzte…….. und ich anschliessend ausgelacht wurde. Du tanzt ja wie ein Mädchen, hahaha, ach wie lustig. Ich war total irritiert. Ich hatte mich ja nur zu dieser Musik bewegt, mir nicht überlegt wie ich das tun soll sondern es dem Körper überlassen, was er damit anfangen will. Ich war mir nicht bewusst, etwas Weibliches zu machen, ich hörte einfach Musik und die bewegte mich. Dafür wurde ich ausgelacht, so wie ich schon viel zu oft für andere Sachen ausgelacht wurde. Dass ich irgend etwas tat das für einen vermeintlichen Jungen zu weiblich war, dürfte wohl der häufigste Grund gewesen sein, dass ich ausgelacht oder verspottet wurde.

An diesem Tag endete meine Tanz-Karriere. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, Verhaltensweisen u.s.w. kann man Tanz nicht vom Kopf aus steuern. Entweder man lässt sich tanzen oder man tut es gar nicht. Da gibt es keine Zwischenstufen, jedenfalls nicht für mich. Ich wollte nicht ausgelacht werden, wollte aber auch nicht Bewegungen zur Musik machen, die ich rational eintrainiert habe. Dazu war mir Musik viel zu wertvoll. So hörte ich auf, mich zur Musik zu bewegen, für sehr sehr lange Zeit.

Erst viele Jahre später, in der Pupertät, hatte ich eine Freundin, die fürs Leben gerne tanzte. Sie überredete mich, mit ihr an einen Tanzkurs zu gehen, indem man so Standardschritte lernt wie Foxtrott und so Quatsch. Tanzen lernen und koordinierte Schritte zu üben scheinen mir in totalem Widerspruch zu stehen zu dem, was ich unter Tanzen verstehe. Aber ich machte mit und überwand damit auch diese Angst, die mich soviele Jahre gefesselt hatte. In der ersten Tanzstunde, nach etwa einer Viertelstunde, schnauzte mich meine Freundin mitten im Tanzsaal an. Du bewegst Dich ja wie eine Frau. Du musst führen und nicht Dich führen lassen. Ich war fassungslos. Im Anschluss an diese Tanzstunde, die mal so nebenbei zum Albtraum wurde, drückte ich ihr unseren Ring in die Hand und beendete unsere Beziehung. Das Messer, das sie mir in dieser Stunde ins Herz rammte, war zu scharf, als dass ich da noch etwas hätte retten können.

Das war das Ende, bis zum heutigen Tag – und wohl bis zum Ende meines Lebens. Ich kann es nicht mehr, so sehr ich es mir wünschte. Immer wenn ich im TV Menschen tanzen sehe, bin ich total fasziniert, fühle eine unbändige Sehnsucht und gleichzeitig zerreisst es mir fast das Herz. Die Angst ist viel zu gross, als dass ich da je wieder ernsthaft einen Zugang finden würde. Auch wenn es noch so irrational ist, ich bekomme fast panische Zustände, wenn ich mir vorstelle, dass ich tanzen würde. Ich kann das nicht mal wenn ich alleine bin, weil ich mich dabei so doof fühlen würde.

Und das ist speziell irrational, denn heute dürfte ich mich ja weiblich bewegen. Aber das was mich hemmt, diese tiefsitzende Angst, ist nicht mehr eine Frage von männlich oder weiblich sondern die feste Überzeugung, dass ich mich lächerlich mache, wenn ich mich zur Musik bewege. Ich weiss, dass es nicht so wäre, aber die Angst sitzt viel zu tief, so tief, dass sie jeglichen Verstand auslöscht und für rationale Argumente nicht mehr erreichbar ist.

Es gibt viele Dinge, denen ich nachtraurere, weil ich sie verpasst habe und nie wieder nachholen kann. Aber es dürfte nur wenig Verluste geben, die so schmerzhaft sind, wie der Tod der Tänzerin in mir. So gross, wie die Sehnsucht danach ist und so gross wie die Bewunderung ist, denen gegenüber die wirklich tanzen können, bin ich der festen Überzeugung, dass ich eine leidenschaftliche Tänzerin geworden wäre. Vermutlich hätte ich lateinamerikanische Tänze gemacht, vielleicht wäre ich auch als Backgroundtänzerin in einer Band gewesen, vielleicht hätte ich einfach nur jedes Wochenende in irgendwelchen Schuppen getanzt. Aber auf jeden Fall wäre das Tanzen etwas ganz Zentrales in meinem Leben geworden.

Es sind Momente wie dieser jetzt, in denen ich zutiefst trauere, um diese Tänzerin, die sterben musste, bevor sie zu leben beginnen konnte.
R.I.P. my sweet little dancing queen

Zerbrochene Töpfe rinnen ewig

Und so geschehen –
es gibt kein zurück – was bleibt ist Schweigen
Und es bleibt der Verlust, gefolgt von Schmerz
Der Welt war sie eine Lichtgestalt – Doch nur für mich
war sie mein schlagendes Herz in meiner Brust
Doch an diesem Tag und an jenem Ort
Es brach der Stolz und so ihr Herz.

Heute – streif ich durch die Wälder, zurück in’s Tal
Heute – zieh’ ich durch die Schluchten, ziellos – rastlos
Heute – zieh’ ich Durch die Dörfer, ihr Bild in mir,
Heute brennen ihre Tränen, so trinke ich von ihr.
Hier bin ich Mensch – und ich küsse meine Sehnsucht wach
Hier bin ich fremd – und ich küsse meine Sehnsucht wach

Doch viel tiefer – tiefer als die Sehnsucht
Dort versteckt sie ihr Leben vor der Welt
Kraftlos zitternd – die Hände ausgestreckt
Blutbefleckt und verstümmelt ist ihr Leib

(Lacrimosa – Die Schreie sind verstummt)

Gestern hat’s mal wieder heftig gekachelt in mir drin. Wie so oft wenn das passiert, war der Auslöser relativ unspektakulär, die Wirkung dafür umso heftiger. Auf VOX kam eine Dokumentation “Stern TV Reportage: Früher Tim, heute Kim“. Ich kannte die Doku und erst Recht das Mädel um das es ging, Kim Petras. Sie hatte das grosse Glück, dass sie von klein an für sich einzustehen vermochte und man sie so ernst nahm, dass sie noch vor der Pupertät die Hormonbehandlung beginnen konnte und schon im Jugendalter die geschlechtsangleichende Operation hatte.

Das war auch der Punkt, an dem ich zerscherbelte, als der Satz fiel: “Als erstes bekam sie Hormone, um die Pupertät zu verhindern”…… und dann floss es in Strömen aus mir heraus. Das ist der grosse Fluch unseres Lebens, dass fast alle transsexuellen Frauen die Pupertät durchmachten, den Stimmbruch bekamen, der Bartwuchs begann und das Testosteron wie Säure unaufhaltsam den Körper veränderte. Ein Zurück gibt es nicht, niemals. Was in dieser Zeit zerstört wird, bleibt für immer zerstört, allem voran die Stimmbänder, die irreversibel vermännlicht werden.

Die Reportage ging weiter, man sah Kim tanzen, hörte sie mit zierlicher Stimme singen, vernahm ihr glückliches Lachen, da war einfach nichts, das auch nur im Ansatz ahnen liess, dass sie einst einen männlichen Körper hatte. Ich freute mich unsäglich für sie und noch mehr freute ich mich, dass so ein tolles Mädel der Welt ein anderes Bild von transsexuellen Frauen präsentiert. Doch genauso unsäglich schmerzhaft war der Gedanke, dass mir all das versagt bleibt. Was damals in der Pupertät kaputt ging, wird für immer so bleiben. Die Hormone können den Schaden zwar etwas glätten, aber ich werde nie diese eindeutige Weiblichkeit einer Kim Petras haben und werde nie so singen können – etwas was seit frühster Kindheit mein Traum gewesen wäre.

Heute kann ich immerhin als mich selbst leben, das ist ein grosser Trost, aber es ist keine Entschädigung und kein Ersatz. Ich erinnerte mich zurück daran, wie feminim ich vor der Pupertät ausgesehen habe und es zerreisst mich beim Gedanken, wieviel davon hätte erhalten bleiben können, wenn dieses Hormon nicht alles demoliert hätte.

Mit so Momenten müssen wir leben, weil uns solche Gedanken und Erinnerungen verfolgen wie unser eigener Schatten. Die Trauer um den Tod dessen, was nie wirklich zum Leben kam, ist etwas, womit man sich wohl nie wirklich abfinden kann. In so Momenten fühle ich mich als würde ich an meinem eigenen Grab stehen und trauern um mein eigenes Ich, das nie leben konnte und nie leben wird, jedenfalls nicht in dieser allumfassenden Ganzheit, die für Andere so selbstverständlich ist. Was mir bleibt ist ein Abbild meinerselbst, immerhin etwas, eigentlich sogar sehr viel, aber eben nicht das, was ein wahres Leben wäre.

Und was auch bleibt ist die Renitenz, aus den übriggebliebenen Scherben wieder ein Gefäss zu machen, das zwar nie ganz sein wird, ewig rinnen wird, aber das wenigstens ein bisschen Leben in sich aufnehmen kann…… und der unbeugsame Wille, alles aus dem Leben herauszuholen, was noch herauszuholen ist…….. und dank Juliet ist das jetzt schon mehr, viel mehr, als ich je erhofft hätte – weil ich erstmals als Frau geliebt werde :-)

Doch mein Durst ist nicht gestillt
Mein Durst ist nie gestillt
Aufsteigen werde ich erneut
Schon bald aus dem Wasser treten
Den Wind und die Wellen erlegen
Und mir nehmen wonach meine Seele schreit

(Lacrimosa – Vermächtnis der Sonne)

PS: Diesen Samstag um 13:30 kommt die Wiederholung auf VOX
PPS: seit gestern sind rund 500 Leute in meinem Blog gelandet wegen der Sendung
PPPS: ich hab mir heute über Mittag ein mega schönes Kleid bestellt, mein Durst ist wie gesagt nie gestillt :-)

Das letzte Kapitel – Blog geschlossen

Es war einmal ein Mädchen, sie hatte ein vergnügtes und umgängliches Wesen, war voller Liebe für diese Welt und es dürstete sie zu leben. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr, eine Laune der Natur bescherte ihr einen männlichen Körper und zwang sie dazu, ein Leben in der männlichen Geschlechterrolle zu leben. So wurde ihr Leben zu einem Albtraum, verborgen in den Tiefen ihrer Seele war sie gefangen, konnte nie wirklich am Leben teilzunehmen. Sie begann Regie zu führen, erfand eine Rolle die sie leben konnte, wurde Junge, dann Mann, dann Vater…… und sie spielte die Rolle die man zynisch “Leben” nannte weiter und weiter, litt daran, dass niemand sie selbst je zu sehen bekam, verzweifelte, weil sie nie selber leben konnte……… bis zu dem Tag an dem sie nicht mehr die Kraft hatte, diese Lüge ihres Lebens weiter zu inszenieren.

Sie begab sich auf einen neuen Weg, ein Weg, der zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich ihr eigener Weg war. Sie wusste, dass sie sehr viel erdulden müsste, sie wusste nicht, ob sie stark genug wäre um der nun drohenden Stigmatisierung zu widerstehen, sie wusste nur eines, sie musste sich endlich zulassen, selbst wenn sie dabei zugrunde ging. Vier Jahrzehnte hatte sie leise gelitten, nun wollte sie dieses Leiden durchbrechen und sie wollte diesmal nicht mehr leise sein, sie wollte ihre viel zu lange versteckten Gefühle laut hinausschreien.

So begann sie ein Blogtagebuch im Internet zu führen, dieses Tagebuch einer transsexuellen Frau, das Du gerade liest. Zweieinhalb Jahre lang beschrieb sie ihren Weg durch die “Geschlechtstransition” in diesem Tagebuch, offenbarte ihr Innerstes und berichtete kompromisslos selbst über intimste Gefühle. So entstand ein Tagebuch, das den Weg einer transsexuellen Frau miterleben lässt, das zeigt wie schwer dieser Weg ist, mit welchen Grausamkeiten man sich auf diesem Weg herumschlagen muss aber auch wie glücklich man dabei werden kann.

Dies ist das letzte Kapitel dieser Geschichte, die nun endlich zuende geschrieben ist. Aus dem transsexuellen Mädchen wurde eine Frau mit transsexueller Vergangenheit, ihre Selbstbefreiung und Selbstentfaltung ist vollbracht, nun kann sie endlich leben als das was sie immer war und doch nie sein durfte – einfach eine Frau die ihr eigenes Leben und sich selbst lieben kann.

Liebe Leserinnen und Leser…….

Es erfüllt mich auch mit Wehmut, dieses Blog heute zu schliessen, weil ich damit den letzten Teil meiner Transition zurücklasse und weil wir hier soviele schöne Gespräche führten, weil ich hier meine Lebenspartnerin fand, weil hier meine Befreiung inszeniert wurde, weil mir dieses Tagebuch soviel gegeben hat und weil ich mit diesem Tagebuch sovielen Betroffenen helfen konnte. Gerade heute, als ich den PC startete mit dem Vorsatz, diesen Beitrag zu schreiben, bekam ich ein Mail von einer transsexuellen Frau die ganz am Anfang ihres Weges steht, sie dankte mir herzlichst für die Hilfe die ich ihr mit meinem Blog gebe, erzählte wie sie mitlachte und mitweinte beim Lesen – und zeigte mir wie wichtig dieses Tagebuch ist für jene, die kaum einen Halt finden zu Beginn dieses Weges.

Aber die Schliessung dieses Blogs ist für mich auch Befreiung, es bedeutet loslassen und das ist der letzte und wichtigste Schritt auf dem Weg einer transsexuellen Frau – loslassen und sich ganz dem Leben widmen.

Das Leben der transsexuellen Frau namens Diana ist erzählt, die Metamorphose vollendet. Es war eine Geschichte voller Höhen und Tiefen und wie ich meine mit einem grandiosen Happy End. Deshalb soll hier nun Schluss sein, weiter geht es nun in meinem neuen Blog “A girl called Diana“.

Dieses Blogtagebuch ist nun geschlossen und wird so als abgeschlossene Geschichte stehen bleiben. Kommentare zu bestehenden Blogbeiträgen werden weiterhin zugelassen und von mir auch beantwortet. Aber neue Beiträge wird es nicht mehr geben, es sei denn, es gäbe noch eine für dieses Tagebuch wesentliche Ergänzung. Die Bilder die ich kürzlich selbst-zensurierend aus dem Blog entfernt habe, werde ich zu gegebener Zeit reaktivieren, bis dahin bleibt das Blog wohl oder übel so wie es momentan vorliegt.

Liebe Leserinnen und Leser…….

Ich möchte an dieser Stelle Euch allen von Herzen danken, für Euer Dasein, für Euer Mitfühlen und vorallem für all die Kommentare, mit denen Ihr mir beigestanden seid. Es war eine tolle und verrückte Zeit mit Euch und so hoffe ich, dass ich Euch auch in meinem neuen Blog wieder lesen werde.

Somit verabschiede ich mich nun hier von Euch, hier am Ende dieser Lebensgeschichte einer transsexuellen Frau……… und ich begrüsse Euch und lade Euch ein in meine zweite Lebensgeschichte, dem Tagebuch einer Frau mit transsexueller Vergangenheit, in dem ich nun bin was ich bin:
a girl called Diana.

Danke…… ich liebe Euch…….. wir lesen uns ;-)



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