(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Bilanz einer Geschlechtsangleichung

Wie versprochen folgt nun mein letzter Tagebuch-Eintrag, in dem ich Bilanz ziehe über diese zweieinhalb Jahre dauernde “Geschlechtstransition”, mit dem ich dieses “Tagebuch einer transsexuellen Frau” abschliesse. Mal schauen ob es mir gelingt, dieses durchlebte Wunder ein wenig zu umschreiben…… also ein letztes mal heisst es hier: Bier und Popcorn holen – Vorhang auf!

Albträume die nicht enden

Und wenn Zarah tanzt, iIst sie ganz allein
Denn noch nie war sie zum Tanzen aus
Nur in ihrer Welt war sie groß und stark
Doch sie kam aus ihrer Welt nie raus
(Rosenstolz – Zarah in Ketten)

Aus Albträumen aufzuwachen hat immer etwas surreales, etwas beängstigendes. Man öffnet die Augen, zweifelt daran, ob der Albtraum wirklich zuende ist, blickt zurück und kann irgendwie nicht fassen, dass man soeben noch in diesem Horrorkabinett war, in dem jede Grausamkeit denkbar resp. träumbar ist. Man hält es kaum für möglich, dass man wirklich in dieser Hölle war und tatsächlich daraus entfliehen konnte. Es ist vorbei, denkt man erleichtert, es ist vorbei…… das wahre Leben hat mich wieder.

Mein Albtraum dauerte über vierzig Jahre, ein halbes Leben lang und er endete erst, als ich aus der Narkose erwachte und realisierte, dass der letzte Schritt vollbracht ist, dass mein Körper nun endlich meinem Ich entspricht, dass mein Äusseres nun endlich so weiblich erscheint, wie ich innerlich stets war und so lange nicht sein durfte.

Vier Jahrzehnte lebte ich in diesem Albtraum, als Mädchen, das im Körper eines Jungen dahin vegetieren musste. Jahre verbrachte ich mit der Hoffnung, dass dieser Albtraum irgendwann enden würde. Jahrezehnte verbrachte ich in der Hoffnungslosigkeit, die mir vorgaukelte, dass dieser Albtraum unendlich sein würde.

Der Albtraum dauerte solange, bis ich realisierte, dass ich alleine die Macht habe, diesen Albtraum zu beenden. Von alleine wird er weiter andauern, bis ans Ende meiner Zeit. Ich bin diejenige, die aufwachen muss, die Augen öffnen muss und das Leben annehmen, das ich bisher verdrängte. Auf ein Wunder zu warten ist müssig, weil ich selbst das Wunder vollbringen muss.

Wenn man so lange geträumt hat und ein Leben hinter verschlossenen Augen führte, ist es eine enorme Herausforderung, plötzlich mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, an der Welt teilzunehmen und sich selbst zu sein.

Es gilt, eine neue Welt zu entdecken, fern jeglicher Schauspielerei, sich selbst suchen, finden und zu sein. Eine Welt, die einem in vielen Aspekten sehr unfreundlich begegnet. Man wird mit Ängsten konfrontiert, die denen der Albträume in Nichts nachstehen, muss Schmach erdulden, das Missverstanden-sein ertragen. Aber der grosse, unerträgliche Albtraum ist zuende, man ist frei und kann beginnen sich selbst zu entfalten.

Vorbei ist die Zeit, in der man wie in einer Nussschale auf stürmischen Wogen durch Meere geschaukelt wird, ohne Ende in Sicht, dahingetrieben von Kräften, die man nicht versteht, von denen man einfach getragen wird, durch eine unendlich scheinende Welt aus Hoffnungslosigkeit. Die Zeit hat begonnen, zu leben und das Schicksal selber in die Hand zu nehmen……. und endlich, endlich, nichts mehr und nichts weniger als eine Frau zu sein, einfach sich selbst, ohne jede Selbstverleugnung, die jede Realität zur Illusion verkommen lässt. Das Tor ist offen, das Leben ruft……….

Vier Jahrzehnte Hoffnungslosigkeit

Hoffnungslosigkeit ist die vorweggenommene Niederlage.
(Carl Jaspers)

Wenn ich zurückblicke in meine erste Lebenshälfte, die geprägt war von einer kompletten Sinnlosigkeit und getragen war von einer ganzheitlichen Hoffnungslosigkeit, dann erschaudere ich bei der Frage, wie ich all das aushalten konnte. Wie oft haderte ich mit dem Leben, stellte das Leben selbst derart in Frage, dass ich immer wieder dagegen ankämpfen musste, es zu beenden. Wozu denn leben, wenn ich nicht wirklich am Leben teilnehmen kann? Wozu denn sein, wenn das einzige Sein das mit zusteht, nur auf Selbstverleugnung basierte? Einzig meiner Hartnäckigkeit verdanke ich es, dass ich nie aufgeben konnte und trotz aller Hoffnungslosigkeit doch immer wieder weiter ging, einer nicht geglaubten Zukunft entgegen, einfach weil ich zu renitent war um aufzugeben.

Wenn ich zurückblicke in meine Kindheit, vorallem meine Jugendzeit, dann empfinde ich soviel Trauer und Verzweiflung, soviel Fassungslosigkeit, dass ich auf diese gespenstische Weise in einem nicht zu mir passenden Körper eingesperrt war, dass niemand mich sehen konnte, dass ich jede Gefühlsregung und jedes Agieren in der Welt stets auf Geschlechtskonformität überprüfen musste. Tagtäglich sah ich Mädels, die sich selbst sein durften, so wie es mir nie erlaubt wäre und tagtäglich sah ich Jungs, die so sind wie ich sein sollte, an denen ich abgucken musste wie ich zu sein hätte. “Im Leben zählt wie in einem Bühnenstück, nicht die Länge sondern das gekonnte Spiel”, sagte Seneca einst. Ein Stück weit hat er Recht, aber wenn dem Leben nichts Anderes bleibt als Bühnenspiel zu sein, dann ist es kein Leben sondern nur noch ein Theater, in dem jemand anders Regie führt – mit Leben hat das wenig zu tun.

Wenn ich zurückblicke in meine ersten zwei Erwachsenen-Jahrzehnte, dann sehe ich einen Menschen, der sich durchs Leben kämpfte, an allerlei Ersatzschauplätzen Ersatzkriege führte, für die Umwelt, gegen Rechtspolitik, ein Mensch der alles tat um einem sinnlosen Leben doch Sinn einzuhauchen. Für irgend etwas muss ich doch hier auf Erden sein, irgend einen Sinn muss mein Leben doch haben. Und wenn zu leben selbst frei von Sinn ist, so muss doch wenigstens mein Tun einen Sinn haben. So wurde ich zur Kriegerin, sei es zur Regenbogenkriegerin unter der Flagge von Greenpeace oder als Lichtkriegerin gegen politische Brandstifter oder einfach als Ruferin in der Wüste, die meist erfolglos versucht aufzuklären und Menschen zum Nachdenken aufzurütteln – stets mit dem Ziel, aus dieser Welt eine Bessere zu machen – weil es unmöglich schien, aus meinem Leben ein Besseres zu machen.

Schlussendlich kam es wie es kommen musste, ich scheiterte bei all diesen übermütigen Versuchen, die Welt zu verändern. Die Natur wird nachwievor ausgebeutet und zerstört und rechtspopulistische Politiker vergiften mehr denn je das Hirn der Völker, wir metzeln uns immer noch in unzähligen sinnlosen Kriegen nieder und unsere grössten Werte sind nachwievor unser Status und unsere einzig höheren Werte werden an Börsenkursen bewertet. Es war die Erkenntnis einer Totalniederlage, der Sinn meines Lebens demaskierte sich als Trugschluss, die Ziele unerreichbar, aller Lebensersatz genauso utopisch wie der Wunsch nach wahrem Leben. Was blieb war ich selbst, doch wer war ich, wo war ich, warum war ich nicht?

Die letzte Schlacht

Hier stehe ich, ich kann nicht anders,
Gott helfe mir, Amen
(Martin Luther)

Erst als alle Ersatzkriege verloren waren und die Hoffnung auf ein Heil ausserhalb meinerselbst erlosch, war ich soweit auf mich selbst zurück geworfen, dass ich meinen Lebenssinn nur noch da suchen konnte, wo er eigentlich von Anfang an hingehört hätte, bei mir selbst. Es war jener Tag an dem ich sagte: “Ich gehe diesen Weg und wenn es das Letzte ist was ich tue”, an dem ich begriff, dass ich mich mir selbst endlich stellen musste und mein Recht auf Selbstbestimmung einfordern musste, aller drohenden Diskriminierung zum Trotz. Vielleicht würde man mir das Leben zur Hölle machen, vielleicht würde man mich auslachen und verspotten, vielleicht würde ich alles verlieren was mir etwas bedeutet, vielleicht würde man mich eines Tages todschlagen, aber alles war besser als diese Resignation und diese Selbstverleugnung, die das Wort “Leben” verhöhnte.

So begab ich mich vor zweieinhalb Jahren auf den Weg zu mir selbst und durchlebte eine Odyssee von Gefühlen, im Guten wie im Schlechten. Dieser letzte Kampf war härter als alles was ich vorher je erkämpft hatte, es war schmerzhafter und grausamer, ich musste mich Ängsten stellen, vor denen jeder normale Mensch davonlaufen würde, musste Mut aufbringen, wo jeder normale Mensch verzagen würde, aber so hart und schwer dieser Weg auch war, vom ersten Tag an war er erfüllt von einem Licht, das mir bisher unbekannt war, es war ein Licht das mir den Weg wies, das ein scheinbar unerreichbares Ziel als erreichbar auswies. Unzählige Male fiel ich, immer wieder lag ich in Trümmern und immer wieder stand ich auf, schrie meinen Schmerz hier in diesem Tagebuch hinaus und ging weiter, manchmal stehend, manchmal auf Knien und manchmal kroch ich nur noch.

Aber es gab soviele Lichtblicke in dieser Zeit, soviel das mir unvorstellbare Kraft gab, alles, wirklich alles zu erdulden und auszuhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, dass ich am morgen aufwachte und mich freute, dass wieder ein neuer Tag begonnen hatte. Das Gefühl, am Leben zu sein und das Leben zu leben, war so intensiv, wie nie zuvor. Selbst in den dunkelsten Stunden dieser Zeit brannte in mir ein Feuer, das mich wärmte und mir Licht spendete, das mich antrieb, weiter zu gehen.

Wenn ich zurück denke an all die Strapazen, die menschenrechtswidrigen Behandlungsstandards, die zermürbende Bürokratie, die immer wiederkehrende Hilflosigkeit im Bühnenspiel dieser Behandlungsstandards, all die Ängste und Unsicherheiten, all die mich belächelnden Blicke, das stete Bewusstsein, dass mich zwar viele respektieren aber kaum jemand auch nur ansatzweise erahnt, dass ich kein Mann bin der eine Frau sein will sondern eine Frau, die nicht mehr bereit ist ein vermeintlich männliches Leben in einem scheinbar männlichen Körper zu leben, all dieses Missverstandensein….. dann erstaune ich ob meiner Renitenz, dass ich all das überstanden habe.

Ein Tagebuch als Zeugnis eines Leidensweges

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen,
was von selber aus mir heraus wollte.
Warum war das so schwer?
(Hermann Hesse, Demian)

Dieses Blogtagebuch hier wurde zu einem Zeugnis für den Leidensweg einer Frau, die das Unmögliche wagt, die jeden unerdenklichen Preis zu zahlen bereit ist um sich ihre Menschenwürde zu erkämpfen. Und es wurde zu einem Ventil, über das ich all den Druck ablassen konnte. Ich schrie meinen Schmerz hinaus, ich weinte meine Tränen und ich genauso oft erschall mein Gelächter in diesem Tagebuch. Viele Menschen kamen hierher und lasen und fühlten mit, sie lachten mit mir, weinten mit mir und gaben mir so sehr viel Kraft, im steten Wissen, nicht allein zu sein mit all meinen Gefühlen. So wurde dieses Tagebuch nicht nur zu einem Zeugnis über das Leiden transsexueller Menschen sondern auch ein Zeugnis dafür, dass man auch das Unmögliche möglich machen kann, wenn man widerspenstig genug ist und wenn man aller Strapazen zum Trotz nie verlernt zu lachen.

Ihr alle, sowohl die Kommentierenden als auch die still Mitlesenden, habt mir mit Eurem Dasein unglaublich viel geholfen, dafür bin ich Euch dankbar bis ans Ende meiner Zeit. Und es freut mich auch ungemein, dass ich sovielen Betroffenen mit meinem Tagebuch Hoffnung geben konnte. “Du bist mein Licht”, schrieb mir kürzlich mal eine Betroffene – das ist die höchste Auszeichnung, die mein Tagebuch bekommen kann. Gerade wenn man so eine dunkle Zeit durchlebt, wie es eine Geschlechtstransition nunmal ist, braucht man ein Licht das einem den Weg weist, sei es in einem drin oder sonstwo draussen, man muss wissen, dass das Unmögliche aller Vernunft zum Trotz doch möglich ist. Dass ich das schaffte, erfüllt mich mit grosser Freude, so hat meine Selbstbefreiung mir nicht nur mein Leben geschenkt sondern auch noch Sinn eingehaucht.

Angekommen bei mir selbst

Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen.
Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren,
aber aufgehört haben zu leben.
(Mark Twain)

Wenn ich auf all das zurückblicke, kann ich kaum fassen, dass das einst wirklich mein Leben war, da ist soviel Schmerz, soviel Verzweiflung und soviel Unruhe, all das hat so wenig zu tun mit dem Leben das ich heute führe. Da sind keine Kriege mehr in mir selbst, der ganze Kriegslärm ist vorbei und ich höre nur noch diese Stille des Lebens, die wie ein Fluss durch mich hindurch fliesst, eine stetige sanfte Bewegung, die mich weiter trägt und immer weiter. So spektakulär mein Leben war, so unspektakulär ist es heute. Da ist nur noch eine stille Zufriedenheit, ein Frieden mit mir selbst, der mich erfüllt und mein Leben auch sinnvoll macht wenn es gar keinen Grund gibt dazu, allein das Sein ist so wertvoll, dass ich eine Lebensfreude und Lebenslust verspüre, die ein unglaubliches Wohlgefühl verbreitet.

Natürlich habe ich all die Alltagssorgen wie alle Anderen, mir steht grad eine Weisheitszahnextraktion und eine Zahnkrone bevor, mir bangt es vor zukünftigen Diskriminierungen beispielsweise auf Job- oder Wohnungssuche, es bleibt eine latente Angst vor Übergriffen an der Öffentlichkeit und manchmal schmerzen auch heute noch dümmliche Blicke von oberflächlichen Mitmenschen und dass die Meisten mich wohl nie wirklich als das wahrnehmen was ich bin – eben kein Mann der jetzt eine Frau ist sondern eine Frau, die erst jetzt als die Frau lebt die sie schon immer war – all das und vieles mehr gehört zu meinen ganz normalen alltäglichen Sorgen. Aber selbst all das in seiner Summe ist verschwindend wenig im Vergleich zu diesem Wunder, das sich für mich erfüllt hat.

Nichts ist unmöglich,
denen, die das Unmögliche wagen.
(Diana)

Dieser Slogan zieht sich durch mein Blogtagebuch und hat mich durch diese Zeit getragen. Was zu Beginn eher ein renitenter Motivationsslogan war, ist einer wirklich erfahrenen Tatsache gewichen. Auch wenn ich zeitweise selber nicht daran geglaubt habe, mich aber trotzdem daran festgehalten habe, so hat es sich doch erfüllt – ich habe das Unmögliche geschafft und ihm damit die Unmöglichkeit entzogen – das ist die wahre Magie des Lebens :-)

Und so dreht sich in meinem Kopf nun vieles nicht mehr, was früher zu wahren Orkanen führen konnte in mir. Ich glaub, ich fasse es bis heute noch nicht in seiner Ganzheit, dass nun wirklich alles vorbei ist, dass aus einer transsexuellen Frau eine Frau mit transsexueller Vergangenheit wurde. Aber das Gefühl dessen erfüllt mich tagtäglich, nur der Verstand scheint noch eine Weile zu brauchen um das zu verstehen. Wesentlich ist das nicht mehr, ich muss nicht alles verstehen, es reicht völlig, wenn ich es fühle und wenn ich es lebe.

Bilanz – ein unfairer Vergleich

Als ich diesen letzten Blogbeitrag begann, war der Leitgedanke der, dass ich eine Bilanz ziehen möchte im Vergleich von damals zu heute. Aber nachdem ich all das da oben geschrieben habe, scheint es mir nicht möglich, so einen Vergleich ernsthaft zu ziehen, es ist einfach zu offensichtlich, wie unerträglich das Leben einer transsexuellen Frau ist und wie beglückend die Erlösung aus diesem lebendig gewordenen Albtraum ist.

Der von mir hoch verehrte Philosoph Albert Schweitzer sagte einst: “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will”. Die zweite Hälfte konnte ich schon immer nachfühlen und versuchte danach zu leben. Aber die erste Hälfte hat sich mir bisher entzogen, das nun empfinden zu dürfen, ist wunderschön.

Die Zeit vor der Transition war einfach nur von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt, die postoperative Transitionszeit war geprägt von Euphorie und Lebenslust, aber auch von Schmerz und Verzweiflung. Das hier und heute ist geprägt von einer stillen und stets gegenwärtigen Zufriedenheit

Ich sitze im Kino meines bisherigen Lebens, der Film ist vorbei, der Nachspann rollt über die Leinwand und ich bin heilfroh, dass dieser Horrorfilm endlich vorüber war, er war einfach zu grausam und nervenzerfetzend – und ich erschaudere zutiefst wenn ich mir bewusst mache, dass dieser Film keine Fiktion war, dass es mein eigenes Leben war, dass ich all das durchlebt und überlebt habe. Es gibt ein Lied von meiner Lieblings-Gothic-Band Lacrimosa, die in diesem Blog so oft in dunklen Momenten zitiert wurden, das im Lied “Reissende Blicke” genau von diesem Kino des Lebens erzählt, das ich hier in diesem Blogtagebuch vorführte. Ich hatte in den letzten zweieinhalb Jahren manchmal Angst, dass dieses Tagebuch irgendwann mit diesem Lied endet, weil es Ausdruck meiner Totalkapitulation gewesen wäre. Und so freut es mich, dass ich diesen einen Satz den ich immer so fürchtete, heute trotzdem zitieren kann, ausnahmsweise aber nicht in der Originalfassung sondern meinem entfalteten Leben entsprechend umgekehrt:

Ich erinnere mich an damals
Die Frage um Leben und Tod
Heute weiss ich die Antwort
Damals nicht – Ich habe RICHTIG entschieden

Hokahe – ein tief empfundener Schlachtruf

Wenn Sioux-Indianer früher in die Schlacht zogen, dann schrien sie einen Schlachtruf der lautete “Hokahe”, was soviel heisst wie “heute ist ein guter Tag zum sterben”. Dieser Ruf machte ihnen Mut und nahm ihnen die Angst vor dem möglichen Tod, es scheint mir eine ähnliche Art von zynischer Renitenz zu sein, die auch mir eigen ist.

Früher fürchtete ich den Tod nicht, weil ich nie den Eindruck hatte, dass ich durch den Tod etwas verlieren würde, es wäre mehr Erlösung als Verlust gewesen. Hätte ich damals dem Tod ins Auge geblickt, hätte ich auch gerufen: Hokahe, heute ist ein guter Tag zum sterben, denn meine Seele lechtzt nach Erlösung vom Leben.

Vor zweieinhalb Jahren veränderte sich das total, ich bekam zum ersten Mal im Leben Angst vor dem Tod, weil ich nun etwas zu verlieren hatte. Ich sah vor mir die Erlösung im Leben, nicht die Erlösung vom Leben und die wollte ich erreichen, koste es was es wolle. Die Vorstellung, zu sterben bevor ich Ich selbst sein könnte, erschien mir unsäglich grausam, ich begann wirklich den Tod zu fürchten.

Heute fürchte ich den Tod wieder nicht mehr, es wäre zwar traurig, das nun Gewonne zu verlieren, ich wünsche mir nichts mehr als mein endlich gelebtes Ich möglichst lang und ausgiebig zu geeniessen, gerade auch wenn ich an meine gemeinsame Zukunft mit Juliet denke. Und doch, würde ich heute dem Tod ins Auge blicken, würde ich ihm entgegen rufen: Hokahe, heute ist ein guter Tag zum sterben, denn heute bin ich ein wahrhaft glücklicher und wirklich freier Mensch.

Deutlicher kann ich nicht ausdrücken, was die Bilanz ist im Vergleich meiner Vergangenheit mit heute.
Es ist vollbracht, ich lebe!

שָׁלוֹם עֲלֵיכֶם — shālôm ʻalêḵem

Shalom ist der Friede, der allein versöhnt und stärkt, der uns beruhigt und unser Gesichtsbild aufhellt, uns von Unrast und von der Knechtung durch unbefriedigte Gelüste frei macht, uns das Bewusstsein des Erreichten gibt, das Bewusstsein der Dauer, inmitten unserer eigenen Vergänglichkeit und der aller Äusserlichkeiten.
(Claude J. G. Montefiore)

PS: wenn ich hier geschrieben habe, dass das mein letzter Blogbeitrag wäre, so stimmt das nur insofern, dass es der letzte inhaltlich essentielle Beitrag ist in diesem Blog. Es folgt nun noch eine offizielle Verabschiedung und Ankündigung der Schliessung dieses Blogs………… und dann blogge ich weiter in meinem neuen Blogtagebuch…………
dann bin ich einfach nur noch: a girl called Diana


 

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