(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Audiovisuelle Selbstbetrachtung

Gestern war ich wieder mal in der Logopädie und kam erstmals in den “Genuss”, mich filmen zu lassen und was noch schlimmer war, das Ganze auch noch anzusehen. Schon das gefilmt-werden ist ein Graus für sich. Das führte bei mir schon zu Greenpeace Zeiten zu Gänsehaut. Ich werde nervös, verkrampft und möchte am liebsten im Boden versinken. Filme sind grausam, sie lassen nix aus und eine einmal gemachte Aufnahme bleibt wie sie ist. Damals hatte ich nur die Pflicht, cool und ernsthaft dreinzublicken, was auch in verkrampftem Zustand relativ gut geht. Diesmal sollte ich ganz natürlich sein, um zu sehen, wie ich von aussen her betrachtet wirke. Und dabei erstarrt man natürlich noch mehr als vor dem Spiegel. Gerade wir T-Girls haben so eine Zerrbrille, wenn wir uns betrachten, sehen wir immer diesen Kerl, der eigentlich nie existiert hat und uns doch ein Leben lang begleitet. Die Angst, dass Andere uns so sehen, drückt uns ebendieses Bild aufs Auge. Aber es kam ganz anders, als ich gedacht hätte.

Zuerst war ich zwar wie erwartet irritiert und mochte das was ich da im TV sah nicht so richtig. Ich sah mir zu, hörte was ich sagte, wie ich es sagte, wie ich mich bewegte oder eben auch nicht. Zuerst gabs nur ne Menge zu meckern. Aber nach ner Weile veränderte sich dieser Eindruck. Irgendwie gelang es mir, die Zerrbrille loszuwerden und das Wesen da vor mir anzuschauen, ohne meine Ängste in sie hinein zu projezieren. Plötzlich sah ich da eine Frau, mit wunderschönen Haaren, der ganze Gesamteindruck wär der einer netten Lady. Die Stimme war zwar tief – viel zu tief – aber irgendwie war sie mir sympathisch. Zwischendurch bemerkte ich Gesten, die absolut mädchenhaft waren, beispielsweise als ich mal die Haare aus dem Gesicht wischte. Ich war mir dieser Bewegung während der Aufnahme nicht mal bewusst, aber als ich es sah, grinste ich breit vor mich hin und sagte: “ach ist die süss, ne richtige Lady”.

Es blieb der Eindruck, dass ich eine zu tiefe Stimme habe, sanfter als früher aber eben doch zu tief. Und es blieb der Eindruck, dass mein Gesicht zu starr war. Aber wenn ich während dem Plaudern mal lächelte und mich vergass, dann veränderte sich alles, dann war da einfach ein nettes Mädel, bei der eigentlich nichts daran erinnerte, wie sie früher mal aussah oder wofür man sie früher gehalten hat. Das starre Gesicht dürfte auch damit zu tun haben, dass ich mich durch das gefilmt-werden stark verkrampfte. Aber gesamthaft gesehen war ich mir viel sympathischer als ich angenommen hätte. Und der Grad der Weiblichkeit, den ich ausstrahlte, war weit über dem was ich mir erhofft hatte.

Diese audiovisuelle Selbstbetrachtung hat im Gegensatz zu meiner Erwartung mein Selbstbewusstsein gehörig aufgepeppt. Ängste, die mich immer ein bisschen begleiten, wurden relativiert. Die Art wie ich rüberkomme ist mir sympathisch und ich wirke auf mich sehr feminim. Das hat mega gut getan und es wird mir in Zukunft helfen, an mich zu glauben – resp. daran zu glauben, dass Andere in mir doch das sehen, was ich bin – eine ganz normale Frau.


 

7 Reaktionen zu “Audiovisuelle Selbstbetrachtung”

  1. Juliet

    Vielleicht wäre Dein Eindruck von Dir selber noch positiver ausgefallen, wenn Du nicht gewusst hättest, dass Du gefilmt wirst.
    Aber jetzt hast Du mal das gesehen, was ich schon die ganze Zeit sage, bzw. wie mein Eindruck von Dir ist.
    Die Art, wie Du den Kopf hältst, wenn Du etwas erzählst, das Haare aus dem Gesicht wischen oder schütteln, Mimik und Gestik, wie Du die Zigarette hältst, wie Du gehst, stehst oder sitzt, ja sogar, wenn Du laufen musst, um den Zug noch zu erwischen..das ist alles absolut Mädchen.

  2. Bad Hair Days

    Und deine Stimme finde ich jetzt auch nicht so schlimm. Klar gibt es Verbesserungspotential, sonst wärst du ja nicht in der Logopädie, aber es ist nicht so, dass man vor Schreck zusammenzuckt, wenn du den Mund aufmachst, weil das so gar nicht zu der Dame passt, die man gerade noch in dir gesehen hat.

  3. Diana

    @Juliet: was mich an all Deinen Beobachtungen am meisten freut, ist die Tatsache, dass ich das Meiste davon nie eingeübt habe und überrascht war, als Du mir davon erzählt hast. Es scheint wirklich so, als ob mit dem *freilassen der Frau in mir” vieles sich verändert, so als ob ich eine Zwangsjacke ausziehen würde und einstige Konditionierungen wegfallen.

    @Sarah: da hast Du Recht, ich hab zum Glück keine extreme Bass-Stimme und die Logopädie hilft auch, das Ganze etwas zu verfeinern. Trotzdem habe ich natürlich wie die Meisten das Problem, dass ich z.B. am Telefon immer in männlicher Form angesprochen werde. Wenn man mich sieht, wirkt das nicht so heftig, aber wenn die Stimme zuerst wahrgenommen wird, drückt halt doch ein falscher Eindruck durch. Das Seltsame daran ist, dass es viele Frauen gibt, die eine tiefe Stimme haben, manche sogar tiefer als ich. Trotzdem werden sie eher als Frau wahrgenommen. Das wiederum sind Aspekte die man in der Logopädie verbessern kann, nicht wie hoch man spricht sondern wie man etwas ausspricht, macht die Geschlechterzuweisung so klar.

  4. Juliet

    Das habe ich auch nie so empfunden, dass Du etwas einstudiert hättest, alles an Dir wirkt ganz natürlich, so als wäre es nie anders gewesen.
    Und was Deine Stimme betrifft, da bin ich ganz Sarah’s Meinung, man erschrickt nicht. Aber wir sind da auch im Vorteil, wir kennen Dich persönlich und wenn ich Dich am Tele habe, habe ich Dich dadurch vorm geistigen Auge.
    Meist ist man von seiner eigenen Stimme eh nicht so begeistert, wenn man sie vom Band hört, aber ich empfinde Deine Stimme als angenehm.

  5. Diana

    das mit der Stimme kenn ich, ich hab schon als Kind fast n’Schock gekriegt wenn ich mich hörte, von aussen klingt die Stimme sowas von anders als wenn man sie via Schädeldröhnen oder so hört, da denkste nur, boah wer spricht denn da? Trotzdem ist die Stimme nicht das Gelbe vom Ei und das muss es auch nicht sein, hauptsache ich hab schöne Beine *kicher*.

    das mit dem Natürlichsein fasziniert mich extrem. Es gibt wirklich kaum etwas, was ich mir ankonditioniert habe, ausser, dass ich beim Sitzen den Rücken etwas gerader halte als früher. Alles Andere kommt einfach und fühlt sich viel freier und natürlicher an als früher. Das ist für mich einer der “Beweise”, dass mein altes Rollenmodel wirklich nur ein Fake war.

  6. Svenja-and-the-City

    Das habe ich noch nicht gemacht, mich beim Sprechen gefilmt. Aber ich habe einmal meinen Anrufbeantworter besprochen und war ganz erstaunt, wie das klingt. Ich muss noch an meiner Stimme arbeiten, aber eigentlich ist es mir ziemlich egal, ob die noch etwas zu männlich klingt.
    Ich finde es aber klasse, mit welcher Energie und Konsequenz du selbst an dir arbeitest. Toll…

  7. Diana

    @Svenja: ich mach mich deswegen auch nicht verrückt, ich strebe ja auch ein Voll-Passing an, für mich ist es ok, wenn man mich als T-Girl wahrnimmt – bin ich ja auch ;-)

    Trotzdem ist es angenehm, wenn die Leute nicht grad zusammenzucken wenn man am Kiosk was bestellt und wenn die Diskrepanz zwischen Äusserem und Stimme etwas abnimmt, ist mir das mehr als genehm.

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string ZoPZSE to the field below:



Copyright © 2019 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.