(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

In der Stille des Wassers treibend

Wie fast jeden Sonntag, lag ich vorhin wieder mal in einem gut beheizten Bad, mit einem kühlen Bier am Badwannenrand, gab mich der Körperpflege hin und versank wie immer in dieser Stille, die nur das Wasser einem zu schenken vermag. Die Badewanne ist der Ort, an dem die Gedanken sich in alle Richtungen ausbreiten können, sie gleiten über das stille Wasser und wecken Gefühle die dann sanft aus dem Wasser aufsteigen.

Wie so oft kam dieser beiläufige Blick nach unten, der plötzlich magisch angezogen hängen blieb, das Erstaunen über den Anblick der sich mir bietet. Stille, glückseelige Stille, der Blick zwischen den Brüsten dem Venushügel entgegen, offenbart ein Bild der Harmonie, die mich tief berührt und mir Frieden schenkt. Nicht, dass dieser Anblick so toll wäre, dass ich daraus gleich einen Pinup-Kalender machen würde, darum geht es auch nicht. Es ist diese Stimmigkeit, nun wirklich im “richtigen Körper” zuhause zu sein, der mir soviel Frieden schenkt.

Ich erinnere mich an die unzähligen Moment, in denen ich in kindlichem Alter in der Badewanne sass, dieses fehlplatzierte Ding zwischen den Beinen “versteckend”, den Anblick dieser hügellosen Landschaft betrachtend, aller Vernunft zum Trotz an der Hoffnung hängend, dass sich das hier Hängende irgendwann auflöst – und der Schmerz, wenn ich mir mal wieder bewusst machte, dass diese Sehnsucht ein unerfüllbarer Traum ist.

Und nun liege ich da, erblicke dieses unerfüllbare und doch wahr gewordene Wunder – und entschwebe in das was ich nur als Stille annähernd umschreiben kann – keine tobenden Gefühle, keine stürmischen Gedanken, keine Hilflosigkeit, keine Hoffnungslosigkeit, keine Aufschreie – es ist wie wenn man einen Stein in einen stillen Teich wirft, der rundum Wellen produziert, die sich immer mehr verlaufen und dann irgendwann der Teich wieder zu vollkommener Ruhe kommt.

Natürlich werde ich weiterhin meine Probleme haben, Wellen die mir meine ruhe durchbrechen. Momentan droht mir der Zahnarzt, die Laserepilation, Kontrolltermin in der Chirurgie, Termin in der Endokrinologie, Augenarzt drängt sich wegen aufkommender Alterskurzsichtigkeit auf…….. mit nicht mal 45 Jahren, ey was soll denn der Scheiss – dann sind relativ knappe finanzielle Verhältnisse, Angst vor zukünftigen Stigmatisierungen und Diskriminierungen, die kaum bin ich frei zu Verblühen beginnende Jugend……. ich könnte noch lange aufzählen, was mir weiterhin Sorgenfalten ins Gesicht pflügt – aber das ändert nicht viel an der Tatsache, dass ich auf dieser “Stille des Wassers” gebettet bin, das ist trotz aller Unvollkommenheit des Lebens und Meinerselbst unglaublich stabil.

Im Frieden mit sich selbst leben zu dürfen, ist wohl das grösste Geschenk das einem das Leben bieten kann – abgesehen von einem Menschen den man über alles liebt und von dem man über alles geliebt wird – beides habe ich nun – shalom :-)

Die letzten paar Wochen

In letzter Zeit war von mir kaum noch was zu lesen, das hat einerseits damit zu tun, dass ich grad kein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis habe, mehr als das hat es aber damit zu tun, dass ich ziemlich erschöpft bin. Diese zweite Op war zwar viel kleiner und weniger anstrengend, aber die Summe des ganzen Prozesses hat mich schon ziemlich geschlaucht. Zweieinhalb Jahre lang ständig am rennen, waren sehr sehr anstrengend und die zwei Ops zum Schluss haben mich ebenfalls noch belastet. Nun fühle ich mich wie am Ende eines Marathons, möchte mich nur noch hinlegen und ruhen und den Triumpf des Sieges geniessen. Denn ein Sieg war es – und was für einer – so erschöpft ich auch bin, ich bin glücklich wie noch nie in meinem Leben.

In den letzten Wochen gab es noch ein paar berichtenswerte Ereignisse, die ich nun hier zusammenfassen möchte………

Die zweite Operation

Wie in meinem GaOp-Blogtagebuch berichtet, war die Korrektur-Op ein voller Erfolg. Die erste GaOp wurde abgeschlossen, die Harnröhre konnte soweit korrigiert werden, dass ich wieder sehr zufrieden bin damit und die Brustimplantate die ich mir bei dieser Gelegenheit noch einbauen liess, haben mein Äusseres nun definitiv soweit gebracht, dass ich auch nackt vor dem Spiegel genau das sehe was ich bin – einfach eine Frau wie alle Anderen. Seit dieser Woche muss ich auch diesen Sport-BH nicht mehr tragen und habe mit grosser Begeisterung die letzten Tage ohne BH verbracht – was für ein befreiendes Gefühl nach 6 Wochen einengender “Bandagierung”. Damit bin ich wirklich am Ende angelangt, dem Ende einer langen und beschwerlichen Reise. Schluss mit ich sollte dies und müsste das, ich muss gar nix mehr, kann einfach nur noch mein Leben leben – Fall abgeschlossen.

Kuschelweekends mit Juliet

Um die lange Zeit zwischen unseren Wochenenden erträglicher zu machen, haben wir uns entschlossen, unseren 4-Wochen Rhythmus auf 3 Wochen zu verkürzen. Meist gehe ich von Donnerstag Ende Nachmittag bis Dienstag früh nach Hamburg, was uns immerhin ganze 4 Tage und 5 Abende einbringt. Wenn Juliet dann am Freitag und Montag jeweils ein paar Stunden ackern geht, arbeite ich von dort aus um die Minusstunden gering zu halten (ausser wenn Silverline dann wie so oft einen Horrorfilm nach dem Anderen bringt *grins*). Dann bin ich zweieinhalb Wochen hier, arbeite dabei oft am Samstag die Minusstunden des gemeinsamen Weekends nach und schon geht’s wieder ins nächste Wochenende. Über das letzte gemeinsame Weekend habe ich nichts geschrieben, weil Juliet hier schon ausführlich geschrieben hat. Zu erwähnen wäre da höchstens noch, dass ich zu dem Zeitpunkt, als sie im Dachstock eingeschlossen wurde, auf Silverline grad einen Trash-Horror guckte und dort eine Frau von zwei Irren gefangen gehalten wurde. Als ich dann irgendwann ein Poltern hörte, war mein erster Gedanke, dass Juliet oben eingesperrt sein könnte. Aber ich verwarf den Gedanken gleich wieder und amüsierte mich darüber, was für Spukgeschichten ein Hirn ausspucken kann, wenn man grad Horrorfilme guckt. Ich hielt das für eine Art Projektion. Erst nach mehrmaligem Gepolter begann ich zu begreifen, dass das Gepolter da oben nicht nur eine Projektion ist von dem Mädel das da im Film ständig polterte – und so kam es zu meiner glorreichen und ruhmvollen Rettung meiner Liebsten ;-)

Heiteres Besäufnis am Firmenabend

Diese Woche hatten wir einen Firmenanlass, wir trafen uns nach der Arbeit nicht wie bei anderen Anlässen in einem Restaurant sondern in einer Waldhütte, in der wir von einem Partyservice gefüttert und getränkt wurden. Vorallem Zweiteres wurde ausgiebig genossen, so sehr, dass der harte Kern bis um zwei Uhr da im Wald rumstand und blöd kichernd die Reste der Flüssigkeiten verputzte. Wir waren uns alle einig, das war der beste Firmenanlass den wir je erlebten. In einer Waldhütte ist man einfach freier als in einem Restaurant, so wurde die Atmosphäre sowas von locker, dass es sich anfühlte als wär man mit den besten Freunden an einer Party. Vorallem die Entwicklungsabteilung erlitt dabei Kolateralschaden – höhö – einer einziger kam schon um Acht zur Arbeit, ging dann aber um Eins – ich wiederum schaffte es erst auf Elf, blieb dann dafür bis Feierabend – einer kam dann mal um Eins und einer kam gar nicht – jauh, die Party war wirklich gelungen :-) Gerade bei uns Techies sollte man Verständnis aufbringen, wir arbeiten tagtäglich so hirnlastig, dass uns fast das Hirn wegglüht, da tut es gut wenn man auch mal alle Rationalität über Bord schmeissen kann und sich einfach mal so sinnlos volllaufen lässt – ich find, es hat uns allen gut getan.

Trotz Transsexualität angenommen sein

Für mich persönlich gab es aber noch einen anderen Aspekt. Auch ich genoss, dass wir auf ein mal mehr Freunde als Arbeitskollegen waren, aber für mich war zusätzlich erstaunlich zu erleben, wie selbstverständlich ich in diese Truppe integriert bin und angenommen werde. Grad kürzlich erzählte mir eine Freundin, dass sie zwar mit allen gut auskommt in der Firma, dass man sie aber an so Anlässen links liegen lässt. Viele Menschen haben gegenüber transsexuellen Frauen halt schon Berührungsängste. In meiner Firma ist das nicht so und im Speziellen die Jungs von meinem Team lassen mich eine Akzeptanz spüren, die mich vergessen lässt, dass ich einst transsexuell war – was mich darin bestätigt: I’m just a girl called Diana :-)

Pöb und Ausgang und Trallalla…….

…….gibt’s momentan nicht gross, mein Pub hat Sommerferien bis Ende nächster Woche und wegen obenbeschriebener Erschöpftheit fehlt mir die Lust um sonst was zu unternehmen. So gehe ich zwar zufrieden und vergnügt zur Arbeit, schmeiss mich aber dann zuhause angekommen aufs Sofa, guck TV, videotelefoniere mit Juliet (täglich etwa 2 Stunden) und gönne mir neuerdings wieder ab und zu ein Computerspiel – aber darüber will ich gelegentlich mal ausführlicher schreiben – soviel in Kürze, ich habe soeben mit Rift begonnen und mime dort eine feuerballschmeissende Hochelfe :-)

Das zweite gedruckte Tagebuch

Dann wär noch anzumerken, dass ich es nun doch endlich geschafft habe, die Blogbeiträge des letzten Jahres zu einem Buch zusammenzufassen und vor einer Woche habe ich es in Druck gegeben. Diesmal sind es etwa hundert Seiten mehr, so kostet das Buch auch 17 statt 15 Euro. Ich denke, dass es in wenigen Wochen bestellbar ist.

Live goes on…….

Das war’s mal in Kürze, am Donnerstag geht’s dann wieder nach Hamburg, knuddäln, jauh. An dieser Stelle möchte ich mal wieder um Entschuldigung bitten, dass bei mir immer noch viele Kommentare und Mails in der Warteschlaufe rumschweben – ich werd mich dem noch annehmen, zu gegebener Zeit.

Dianas Blogtagebuch 2010 ist jetzt im Buchhandel

Nun habe ich es doch noch geschafft, seit dieser Woche ist mein Blogtagebuch 2011 im Buchhandel erhältlich.

Im Gegensatz zum letztjährigen Tagebuch kostet dieses nun 17 Euro anstatt 15 Euro, aber dafür gibt’s anstelle der letztjährigen 224 Seiten diesmal satte 284 Seiten. Das Buch kann in jedem anständigen Buchladen unter der ISBN-Nummer 978-3-8423-5866-9 oder dem Buchtitel “T-Girl Diana – Blogtagebuch 2010″ bestellt werden.

Diesmal habe ich keine eigenen Autorenexemplare bestellt, weil ich für die deutlich mehr zahlen müsste als den Preis des normalen Buchhandels (die Logik dahinter entzieht sich meinem Verständnis komplett).

Falls jemand in meinem persönlichen Umfeld ein Exemplar möchte, werde ich aber gerne die Bestellung durchführen.

Wer sich selber ein Exemplar bestellen möchte, kann dies beispielsweise bei diesen Online Bücherläden bestellen:

Amazon Deutschland für Euro 17.–
ExLibris Schweiz für Fr. 19.60
Libri Deutschland für Euro 17.–
Orell Füessli Schweiz für Fr. 25.90

Das Buch beinhaltet auf 284 Seiten alle wesentlichen Blogbeiträge des letzten Jahres, deshalb ist der Untertitel des Buches auch “Das zweite Lebensjahr einer transsexuellen Frau”. Die Bilder, mit denen ich meine Blogbeiträge jeweils verziere, sind aus rechtlichen Gründen nicht im Buch. Dafür hat es 6 meist ganzseitige Fotos von mir drin.

Falls jemand von Euch einen Account bei Amazon hat, würde ich mich riesig über eine Rezension freuen und natürlich eine 5-Sterne Empfehlung ;-) Ausserdem wäre es gut, wenn das Stichwort “Transsexualität” im Text drin vorkommt. Mein altes Buch hat es beispielsweise bei Amazon nur auf die zweite Seite geschafft, wenn man nach diesem Stichwort sucht. Vielleicht hilft eine Rezension ja, das Buch etwas zu pushen. Apropos, auch das erste Blogtagebuch ist noch ohne Rezension, wer mag, ist herzlich eingeladen, dort was Kurzes zu schreiben.

Ausserdem wäre es hilfreich, wenn diejenigen mit Facebook, Google+ oder Twitter Account bei den oben gelisteten Shops die entsprechenden Empfehlungsknöpfe drücken, vielleicht wertet das meine Bücher in den Shops etwas auf.

Für diejenigen die selber mal sowas machen möchten, das ist ganz einfach. Man eröffnet einen Account bei Books on Demand, wählt dort ein Layout aus, erstellt ein Word-Dokument mit dem entsprechenden Ausmass, exportiert es als PDF, lädt es hoch, bastelt sich online ein Buchcover zusammen und publiziert das Ganze – entweder für sich privat, dann zahlt man nur den Buchpreis oder man veröffentlicht es für Fr. 70.– mit ISBN-Nummer.

Definitiv: Ente gut, alles gut

Wie bereits im GaOp-Tagebuch, kann ich nun auch hier definitiv sagen: Ende gut, alles gut. Die Korrektur-Op ist super verlaufen, die Harnröhre läuft nun perfekt und die Brustimplantate haben sich in mir eingewöhnt und ich mich an sie. Diesen Freitag hatte ich noch den letzten Kontrolltermin in der plastischen Chirurgie und da wurde alles für gut befunden. Nächsten Freitag habe ich noch einen Termin bei der Endokrinologin, bei dem ich hoffe, dass ich eine höhere Östrogen-Dosierung bekomme, weil ich mich mit meinem 50er Pflaster arg unterversorgt fühle, aber dann war es das, der Transitionsprozess ist abgeschlossen, der Albtraum zu Ende, das fast normale Leben hat begonnen.

Es hat sich wirklich alles eingepegelt und das Leben ist so normal geworden, dass es schon fast langweilig ist – zumindest wäre es langweilig, darüber zu lesen. Denn der Alltag ist nichts Besonderes mehr, ich lebe ein Leben wie Millionen von anderen Frauen auch. Doch genau dieses Nichtbesondere ist das Besondere in meinem Leben, gerade die Tatssache, dass es nichts mehr zu berichten gibt, ist das Wunder das sich in meinem Leben erreignet hat.

Und damit wird es Zeit, dieses Tagebuch loszulassen und mich voll und ganz auf mein neues Leben einzustellen. Das GaOp-Tagebuch, das ich kürzlich mit demselben Titel wie in diesem Beitrag abgeschlossen habe, habe ich nun wie dieses Blog auf eine chronologische Reihenfolge umgestellt, damit es in Zukunft für andere Betroffene angenehm zu lesen ist. Es ist eine abgeschlossene Geschichte einer genitalangleichenden Operation resp. deren Zwei und genauso ist dieses Tagebuch eine abgeschlossene Geschichte – die nun erzählt ist.

Was noch fehlt ist eine Art Bilanz, ich möchte hier nochmal in Ruhe die letzten zweieinhalb Jahre betrachten und versuchen zu beschreiben, was ich durchlebt habe, was ich hinter mir gelassen habe, was ich gewonnen habe, wie es mir früher ging und wie es mir heute geht.

Von da an wird es für Stammleserinnen wieder etwas einfacher, es bleiben nur noch zwei Blogs in denen ich regelmässig schreibe, mein eigentliches neues Tagebuch und das DuoInfernale, in dem ich mit Juliet zusammen über unsere Beziehung schreibe – und beide sind und bleiben so sortiert, dass die neusten Beiträge zuoberst stehen, die elende Sucherei nach neuen Beiträgen quer durch alle Blogs wird also angenehmer ;-)

Apropos DuoInfernale – auch da hat sich alles super eingepegelt. Unterdessen trefen wir uns alle drei Wochen für ein verlängertes Wochenende, ich bin also 2 Weekends hier, dann ein langes bei ihr. So lässt es sich doch schon recht gut leben und in der Zwischenzeit sind wir uns mit unseren täglichen 2 Stunden videotelefonieren nah genug um die vorläufige Distanz zu überwinden. Und das einzige was sich in unserer Beziehung verändert hat ist, dass wir uns noch sicherer sind, dass wir für einander bestimmt sind :-)

Das war’s mal in Kürze, der nächste und letzte Blogbeitrag wird dann etwas ausführlicher – wir lesen uns ;-)

Bilanz einer Geschlechtsangleichung

Wie versprochen folgt nun mein letzter Tagebuch-Eintrag, in dem ich Bilanz ziehe über diese zweieinhalb Jahre dauernde “Geschlechtstransition”, mit dem ich dieses “Tagebuch einer transsexuellen Frau” abschliesse. Mal schauen ob es mir gelingt, dieses durchlebte Wunder ein wenig zu umschreiben…… also ein letztes mal heisst es hier: Bier und Popcorn holen – Vorhang auf!

Albträume die nicht enden

Und wenn Zarah tanzt, iIst sie ganz allein
Denn noch nie war sie zum Tanzen aus
Nur in ihrer Welt war sie groß und stark
Doch sie kam aus ihrer Welt nie raus
(Rosenstolz – Zarah in Ketten)

Aus Albträumen aufzuwachen hat immer etwas surreales, etwas beängstigendes. Man öffnet die Augen, zweifelt daran, ob der Albtraum wirklich zuende ist, blickt zurück und kann irgendwie nicht fassen, dass man soeben noch in diesem Horrorkabinett war, in dem jede Grausamkeit denkbar resp. träumbar ist. Man hält es kaum für möglich, dass man wirklich in dieser Hölle war und tatsächlich daraus entfliehen konnte. Es ist vorbei, denkt man erleichtert, es ist vorbei…… das wahre Leben hat mich wieder.

Mein Albtraum dauerte über vierzig Jahre, ein halbes Leben lang und er endete erst, als ich aus der Narkose erwachte und realisierte, dass der letzte Schritt vollbracht ist, dass mein Körper nun endlich meinem Ich entspricht, dass mein Äusseres nun endlich so weiblich erscheint, wie ich innerlich stets war und so lange nicht sein durfte.

Vier Jahrzehnte lebte ich in diesem Albtraum, als Mädchen, das im Körper eines Jungen dahin vegetieren musste. Jahre verbrachte ich mit der Hoffnung, dass dieser Albtraum irgendwann enden würde. Jahrezehnte verbrachte ich in der Hoffnungslosigkeit, die mir vorgaukelte, dass dieser Albtraum unendlich sein würde.

Der Albtraum dauerte solange, bis ich realisierte, dass ich alleine die Macht habe, diesen Albtraum zu beenden. Von alleine wird er weiter andauern, bis ans Ende meiner Zeit. Ich bin diejenige, die aufwachen muss, die Augen öffnen muss und das Leben annehmen, das ich bisher verdrängte. Auf ein Wunder zu warten ist müssig, weil ich selbst das Wunder vollbringen muss.

Wenn man so lange geträumt hat und ein Leben hinter verschlossenen Augen führte, ist es eine enorme Herausforderung, plötzlich mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, an der Welt teilzunehmen und sich selbst zu sein.

Es gilt, eine neue Welt zu entdecken, fern jeglicher Schauspielerei, sich selbst suchen, finden und zu sein. Eine Welt, die einem in vielen Aspekten sehr unfreundlich begegnet. Man wird mit Ängsten konfrontiert, die denen der Albträume in Nichts nachstehen, muss Schmach erdulden, das Missverstanden-sein ertragen. Aber der grosse, unerträgliche Albtraum ist zuende, man ist frei und kann beginnen sich selbst zu entfalten.

Vorbei ist die Zeit, in der man wie in einer Nussschale auf stürmischen Wogen durch Meere geschaukelt wird, ohne Ende in Sicht, dahingetrieben von Kräften, die man nicht versteht, von denen man einfach getragen wird, durch eine unendlich scheinende Welt aus Hoffnungslosigkeit. Die Zeit hat begonnen, zu leben und das Schicksal selber in die Hand zu nehmen……. und endlich, endlich, nichts mehr und nichts weniger als eine Frau zu sein, einfach sich selbst, ohne jede Selbstverleugnung, die jede Realität zur Illusion verkommen lässt. Das Tor ist offen, das Leben ruft……….

Vier Jahrzehnte Hoffnungslosigkeit

Hoffnungslosigkeit ist die vorweggenommene Niederlage.
(Carl Jaspers)

Wenn ich zurückblicke in meine erste Lebenshälfte, die geprägt war von einer kompletten Sinnlosigkeit und getragen war von einer ganzheitlichen Hoffnungslosigkeit, dann erschaudere ich bei der Frage, wie ich all das aushalten konnte. Wie oft haderte ich mit dem Leben, stellte das Leben selbst derart in Frage, dass ich immer wieder dagegen ankämpfen musste, es zu beenden. Wozu denn leben, wenn ich nicht wirklich am Leben teilnehmen kann? Wozu denn sein, wenn das einzige Sein das mit zusteht, nur auf Selbstverleugnung basierte? Einzig meiner Hartnäckigkeit verdanke ich es, dass ich nie aufgeben konnte und trotz aller Hoffnungslosigkeit doch immer wieder weiter ging, einer nicht geglaubten Zukunft entgegen, einfach weil ich zu renitent war um aufzugeben.

Wenn ich zurückblicke in meine Kindheit, vorallem meine Jugendzeit, dann empfinde ich soviel Trauer und Verzweiflung, soviel Fassungslosigkeit, dass ich auf diese gespenstische Weise in einem nicht zu mir passenden Körper eingesperrt war, dass niemand mich sehen konnte, dass ich jede Gefühlsregung und jedes Agieren in der Welt stets auf Geschlechtskonformität überprüfen musste. Tagtäglich sah ich Mädels, die sich selbst sein durften, so wie es mir nie erlaubt wäre und tagtäglich sah ich Jungs, die so sind wie ich sein sollte, an denen ich abgucken musste wie ich zu sein hätte. “Im Leben zählt wie in einem Bühnenstück, nicht die Länge sondern das gekonnte Spiel”, sagte Seneca einst. Ein Stück weit hat er Recht, aber wenn dem Leben nichts Anderes bleibt als Bühnenspiel zu sein, dann ist es kein Leben sondern nur noch ein Theater, in dem jemand anders Regie führt – mit Leben hat das wenig zu tun.

Wenn ich zurückblicke in meine ersten zwei Erwachsenen-Jahrzehnte, dann sehe ich einen Menschen, der sich durchs Leben kämpfte, an allerlei Ersatzschauplätzen Ersatzkriege führte, für die Umwelt, gegen Rechtspolitik, ein Mensch der alles tat um einem sinnlosen Leben doch Sinn einzuhauchen. Für irgend etwas muss ich doch hier auf Erden sein, irgend einen Sinn muss mein Leben doch haben. Und wenn zu leben selbst frei von Sinn ist, so muss doch wenigstens mein Tun einen Sinn haben. So wurde ich zur Kriegerin, sei es zur Regenbogenkriegerin unter der Flagge von Greenpeace oder als Lichtkriegerin gegen politische Brandstifter oder einfach als Ruferin in der Wüste, die meist erfolglos versucht aufzuklären und Menschen zum Nachdenken aufzurütteln – stets mit dem Ziel, aus dieser Welt eine Bessere zu machen – weil es unmöglich schien, aus meinem Leben ein Besseres zu machen.

Schlussendlich kam es wie es kommen musste, ich scheiterte bei all diesen übermütigen Versuchen, die Welt zu verändern. Die Natur wird nachwievor ausgebeutet und zerstört und rechtspopulistische Politiker vergiften mehr denn je das Hirn der Völker, wir metzeln uns immer noch in unzähligen sinnlosen Kriegen nieder und unsere grössten Werte sind nachwievor unser Status und unsere einzig höheren Werte werden an Börsenkursen bewertet. Es war die Erkenntnis einer Totalniederlage, der Sinn meines Lebens demaskierte sich als Trugschluss, die Ziele unerreichbar, aller Lebensersatz genauso utopisch wie der Wunsch nach wahrem Leben. Was blieb war ich selbst, doch wer war ich, wo war ich, warum war ich nicht?

Die letzte Schlacht

Hier stehe ich, ich kann nicht anders,
Gott helfe mir, Amen
(Martin Luther)

Erst als alle Ersatzkriege verloren waren und die Hoffnung auf ein Heil ausserhalb meinerselbst erlosch, war ich soweit auf mich selbst zurück geworfen, dass ich meinen Lebenssinn nur noch da suchen konnte, wo er eigentlich von Anfang an hingehört hätte, bei mir selbst. Es war jener Tag an dem ich sagte: “Ich gehe diesen Weg und wenn es das Letzte ist was ich tue”, an dem ich begriff, dass ich mich mir selbst endlich stellen musste und mein Recht auf Selbstbestimmung einfordern musste, aller drohenden Diskriminierung zum Trotz. Vielleicht würde man mir das Leben zur Hölle machen, vielleicht würde man mich auslachen und verspotten, vielleicht würde ich alles verlieren was mir etwas bedeutet, vielleicht würde man mich eines Tages todschlagen, aber alles war besser als diese Resignation und diese Selbstverleugnung, die das Wort “Leben” verhöhnte.

So begab ich mich vor zweieinhalb Jahren auf den Weg zu mir selbst und durchlebte eine Odyssee von Gefühlen, im Guten wie im Schlechten. Dieser letzte Kampf war härter als alles was ich vorher je erkämpft hatte, es war schmerzhafter und grausamer, ich musste mich Ängsten stellen, vor denen jeder normale Mensch davonlaufen würde, musste Mut aufbringen, wo jeder normale Mensch verzagen würde, aber so hart und schwer dieser Weg auch war, vom ersten Tag an war er erfüllt von einem Licht, das mir bisher unbekannt war, es war ein Licht das mir den Weg wies, das ein scheinbar unerreichbares Ziel als erreichbar auswies. Unzählige Male fiel ich, immer wieder lag ich in Trümmern und immer wieder stand ich auf, schrie meinen Schmerz hier in diesem Tagebuch hinaus und ging weiter, manchmal stehend, manchmal auf Knien und manchmal kroch ich nur noch.

Aber es gab soviele Lichtblicke in dieser Zeit, soviel das mir unvorstellbare Kraft gab, alles, wirklich alles zu erdulden und auszuhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, dass ich am morgen aufwachte und mich freute, dass wieder ein neuer Tag begonnen hatte. Das Gefühl, am Leben zu sein und das Leben zu leben, war so intensiv, wie nie zuvor. Selbst in den dunkelsten Stunden dieser Zeit brannte in mir ein Feuer, das mich wärmte und mir Licht spendete, das mich antrieb, weiter zu gehen.

Wenn ich zurück denke an all die Strapazen, die menschenrechtswidrigen Behandlungsstandards, die zermürbende Bürokratie, die immer wiederkehrende Hilflosigkeit im Bühnenspiel dieser Behandlungsstandards, all die Ängste und Unsicherheiten, all die mich belächelnden Blicke, das stete Bewusstsein, dass mich zwar viele respektieren aber kaum jemand auch nur ansatzweise erahnt, dass ich kein Mann bin der eine Frau sein will sondern eine Frau, die nicht mehr bereit ist ein vermeintlich männliches Leben in einem scheinbar männlichen Körper zu leben, all dieses Missverstandensein….. dann erstaune ich ob meiner Renitenz, dass ich all das überstanden habe.

Ein Tagebuch als Zeugnis eines Leidensweges

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen,
was von selber aus mir heraus wollte.
Warum war das so schwer?
(Hermann Hesse, Demian)

Dieses Blogtagebuch hier wurde zu einem Zeugnis für den Leidensweg einer Frau, die das Unmögliche wagt, die jeden unerdenklichen Preis zu zahlen bereit ist um sich ihre Menschenwürde zu erkämpfen. Und es wurde zu einem Ventil, über das ich all den Druck ablassen konnte. Ich schrie meinen Schmerz hinaus, ich weinte meine Tränen und ich genauso oft erschall mein Gelächter in diesem Tagebuch. Viele Menschen kamen hierher und lasen und fühlten mit, sie lachten mit mir, weinten mit mir und gaben mir so sehr viel Kraft, im steten Wissen, nicht allein zu sein mit all meinen Gefühlen. So wurde dieses Tagebuch nicht nur zu einem Zeugnis über das Leiden transsexueller Menschen sondern auch ein Zeugnis dafür, dass man auch das Unmögliche möglich machen kann, wenn man widerspenstig genug ist und wenn man aller Strapazen zum Trotz nie verlernt zu lachen.

Ihr alle, sowohl die Kommentierenden als auch die still Mitlesenden, habt mir mit Eurem Dasein unglaublich viel geholfen, dafür bin ich Euch dankbar bis ans Ende meiner Zeit. Und es freut mich auch ungemein, dass ich sovielen Betroffenen mit meinem Tagebuch Hoffnung geben konnte. “Du bist mein Licht”, schrieb mir kürzlich mal eine Betroffene – das ist die höchste Auszeichnung, die mein Tagebuch bekommen kann. Gerade wenn man so eine dunkle Zeit durchlebt, wie es eine Geschlechtstransition nunmal ist, braucht man ein Licht das einem den Weg weist, sei es in einem drin oder sonstwo draussen, man muss wissen, dass das Unmögliche aller Vernunft zum Trotz doch möglich ist. Dass ich das schaffte, erfüllt mich mit grosser Freude, so hat meine Selbstbefreiung mir nicht nur mein Leben geschenkt sondern auch noch Sinn eingehaucht.

Angekommen bei mir selbst

Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen.
Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren,
aber aufgehört haben zu leben.
(Mark Twain)

Wenn ich auf all das zurückblicke, kann ich kaum fassen, dass das einst wirklich mein Leben war, da ist soviel Schmerz, soviel Verzweiflung und soviel Unruhe, all das hat so wenig zu tun mit dem Leben das ich heute führe. Da sind keine Kriege mehr in mir selbst, der ganze Kriegslärm ist vorbei und ich höre nur noch diese Stille des Lebens, die wie ein Fluss durch mich hindurch fliesst, eine stetige sanfte Bewegung, die mich weiter trägt und immer weiter. So spektakulär mein Leben war, so unspektakulär ist es heute. Da ist nur noch eine stille Zufriedenheit, ein Frieden mit mir selbst, der mich erfüllt und mein Leben auch sinnvoll macht wenn es gar keinen Grund gibt dazu, allein das Sein ist so wertvoll, dass ich eine Lebensfreude und Lebenslust verspüre, die ein unglaubliches Wohlgefühl verbreitet.

Natürlich habe ich all die Alltagssorgen wie alle Anderen, mir steht grad eine Weisheitszahnextraktion und eine Zahnkrone bevor, mir bangt es vor zukünftigen Diskriminierungen beispielsweise auf Job- oder Wohnungssuche, es bleibt eine latente Angst vor Übergriffen an der Öffentlichkeit und manchmal schmerzen auch heute noch dümmliche Blicke von oberflächlichen Mitmenschen und dass die Meisten mich wohl nie wirklich als das wahrnehmen was ich bin – eben kein Mann der jetzt eine Frau ist sondern eine Frau, die erst jetzt als die Frau lebt die sie schon immer war – all das und vieles mehr gehört zu meinen ganz normalen alltäglichen Sorgen. Aber selbst all das in seiner Summe ist verschwindend wenig im Vergleich zu diesem Wunder, das sich für mich erfüllt hat.

Nichts ist unmöglich,
denen, die das Unmögliche wagen.
(Diana)

Dieser Slogan zieht sich durch mein Blogtagebuch und hat mich durch diese Zeit getragen. Was zu Beginn eher ein renitenter Motivationsslogan war, ist einer wirklich erfahrenen Tatsache gewichen. Auch wenn ich zeitweise selber nicht daran geglaubt habe, mich aber trotzdem daran festgehalten habe, so hat es sich doch erfüllt – ich habe das Unmögliche geschafft und ihm damit die Unmöglichkeit entzogen – das ist die wahre Magie des Lebens :-)

Und so dreht sich in meinem Kopf nun vieles nicht mehr, was früher zu wahren Orkanen führen konnte in mir. Ich glaub, ich fasse es bis heute noch nicht in seiner Ganzheit, dass nun wirklich alles vorbei ist, dass aus einer transsexuellen Frau eine Frau mit transsexueller Vergangenheit wurde. Aber das Gefühl dessen erfüllt mich tagtäglich, nur der Verstand scheint noch eine Weile zu brauchen um das zu verstehen. Wesentlich ist das nicht mehr, ich muss nicht alles verstehen, es reicht völlig, wenn ich es fühle und wenn ich es lebe.

Bilanz – ein unfairer Vergleich

Als ich diesen letzten Blogbeitrag begann, war der Leitgedanke der, dass ich eine Bilanz ziehen möchte im Vergleich von damals zu heute. Aber nachdem ich all das da oben geschrieben habe, scheint es mir nicht möglich, so einen Vergleich ernsthaft zu ziehen, es ist einfach zu offensichtlich, wie unerträglich das Leben einer transsexuellen Frau ist und wie beglückend die Erlösung aus diesem lebendig gewordenen Albtraum ist.

Der von mir hoch verehrte Philosoph Albert Schweitzer sagte einst: “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will”. Die zweite Hälfte konnte ich schon immer nachfühlen und versuchte danach zu leben. Aber die erste Hälfte hat sich mir bisher entzogen, das nun empfinden zu dürfen, ist wunderschön.

Die Zeit vor der Transition war einfach nur von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt, die postoperative Transitionszeit war geprägt von Euphorie und Lebenslust, aber auch von Schmerz und Verzweiflung. Das hier und heute ist geprägt von einer stillen und stets gegenwärtigen Zufriedenheit

Ich sitze im Kino meines bisherigen Lebens, der Film ist vorbei, der Nachspann rollt über die Leinwand und ich bin heilfroh, dass dieser Horrorfilm endlich vorüber war, er war einfach zu grausam und nervenzerfetzend – und ich erschaudere zutiefst wenn ich mir bewusst mache, dass dieser Film keine Fiktion war, dass es mein eigenes Leben war, dass ich all das durchlebt und überlebt habe. Es gibt ein Lied von meiner Lieblings-Gothic-Band Lacrimosa, die in diesem Blog so oft in dunklen Momenten zitiert wurden, das im Lied “Reissende Blicke” genau von diesem Kino des Lebens erzählt, das ich hier in diesem Blogtagebuch vorführte. Ich hatte in den letzten zweieinhalb Jahren manchmal Angst, dass dieses Tagebuch irgendwann mit diesem Lied endet, weil es Ausdruck meiner Totalkapitulation gewesen wäre. Und so freut es mich, dass ich diesen einen Satz den ich immer so fürchtete, heute trotzdem zitieren kann, ausnahmsweise aber nicht in der Originalfassung sondern meinem entfalteten Leben entsprechend umgekehrt:

Ich erinnere mich an damals
Die Frage um Leben und Tod
Heute weiss ich die Antwort
Damals nicht – Ich habe RICHTIG entschieden

Hokahe – ein tief empfundener Schlachtruf

Wenn Sioux-Indianer früher in die Schlacht zogen, dann schrien sie einen Schlachtruf der lautete “Hokahe”, was soviel heisst wie “heute ist ein guter Tag zum sterben”. Dieser Ruf machte ihnen Mut und nahm ihnen die Angst vor dem möglichen Tod, es scheint mir eine ähnliche Art von zynischer Renitenz zu sein, die auch mir eigen ist.

Früher fürchtete ich den Tod nicht, weil ich nie den Eindruck hatte, dass ich durch den Tod etwas verlieren würde, es wäre mehr Erlösung als Verlust gewesen. Hätte ich damals dem Tod ins Auge geblickt, hätte ich auch gerufen: Hokahe, heute ist ein guter Tag zum sterben, denn meine Seele lechtzt nach Erlösung vom Leben.

Vor zweieinhalb Jahren veränderte sich das total, ich bekam zum ersten Mal im Leben Angst vor dem Tod, weil ich nun etwas zu verlieren hatte. Ich sah vor mir die Erlösung im Leben, nicht die Erlösung vom Leben und die wollte ich erreichen, koste es was es wolle. Die Vorstellung, zu sterben bevor ich Ich selbst sein könnte, erschien mir unsäglich grausam, ich begann wirklich den Tod zu fürchten.

Heute fürchte ich den Tod wieder nicht mehr, es wäre zwar traurig, das nun Gewonne zu verlieren, ich wünsche mir nichts mehr als mein endlich gelebtes Ich möglichst lang und ausgiebig zu geeniessen, gerade auch wenn ich an meine gemeinsame Zukunft mit Juliet denke. Und doch, würde ich heute dem Tod ins Auge blicken, würde ich ihm entgegen rufen: Hokahe, heute ist ein guter Tag zum sterben, denn heute bin ich ein wahrhaft glücklicher und wirklich freier Mensch.

Deutlicher kann ich nicht ausdrücken, was die Bilanz ist im Vergleich meiner Vergangenheit mit heute.
Es ist vollbracht, ich lebe!

שָׁלוֹם עֲלֵיכֶם — shālôm ʻalêḵem

Shalom ist der Friede, der allein versöhnt und stärkt, der uns beruhigt und unser Gesichtsbild aufhellt, uns von Unrast und von der Knechtung durch unbefriedigte Gelüste frei macht, uns das Bewusstsein des Erreichten gibt, das Bewusstsein der Dauer, inmitten unserer eigenen Vergänglichkeit und der aller Äusserlichkeiten.
(Claude J. G. Montefiore)

PS: wenn ich hier geschrieben habe, dass das mein letzter Blogbeitrag wäre, so stimmt das nur insofern, dass es der letzte inhaltlich essentielle Beitrag ist in diesem Blog. Es folgt nun noch eine offizielle Verabschiedung und Ankündigung der Schliessung dieses Blogs………… und dann blogge ich weiter in meinem neuen Blogtagebuch…………
dann bin ich einfach nur noch: a girl called Diana



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