(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Posttransmatisches Stresssyndrom

Zwei Wochen ist es her, seit ich die zweite und wie ich hoffe letzte geschlechtsangleichende Operation hatte, ich bin am Ende einer unglaublich langen und beschwerlichen Reise angelangt. Zum Glück ahnte ich, was darauf folgen würde, dieses Loch in das man in so einer Situation fast zwangsläufig fällt und das so Manche verschlingen dürfte. Ich nenne es jetzt einfach mal Posttransmatisches Stresssyndrom, in Anlehnung an das Posttraumatische Stresssyndrom resp. die “Posttraumatische Belastungsstörung“, die Soldaten nach dem Krieg oft befällt. Mit dieser Analogie möchte ich versuchen zu erklären, was da abgeht und vorallem für Betroffene erklären versuchen, wie man damit umgehen kann.

Krieg und posttraumatisches Stresssyndrom
Ein Soldat im Krieg steht 24 Stunden am Tag unter Stress, jeder Schritt kann der Letzte sein, überall droht Gefahr, überall sind Hindernisse und Fallen, Angst ist ein steter Begleiter. Dann, eines Tages, ist der Krieg vorbei. Man wird nachhause geflogen, läuft durch die Strassenschluchten dieser Welt und nirgends erklingt ein Schuss, nirgends sind Feinde sichtbar und doch fürchtet man sie. Die einstige Bedrohung hat einem fest im Griff, man hat viel zu sehr verinnerlicht, dass man jederzeit zum Kämpfen bereit sein muss, man hatte stets einen Weg vor sich, der sich einem aufdrängte, war immer in Bewegung, immer auf der Hut, immer mit dem Ziel im Auge zu siegen. Aber da ist kein Krieg mehr, da lauern keine Feinde, da ist kein vorgegebener Weg mehr, nicht mal ein Ziel ist noch zu sehen. Unter diesen Umständen bekommen viele Soldaten eben dieses Posttraumatisches Stresssyndrom und klinken im schlimmsten Fall völlig aus, weil sie noch immer in diesem Krieg gefangen sind und ihn innerlich tagtäglich kämpfen, der gar nicht mehr ist.

Die Krieg/Transsexualität Analogie
Transsexuellen Menschen geht es ähnlich – mir ging es ebenso. Zuerst war dieser vier Jahrzehnte andauernde Krieg gegen mich selbst. Dieser Krieg, der sich durch Selbstverleugnung auszeichnete, war vorbei als ich mich vor zweieinhalb Jahren entschloss, meinem Geschlecht entsprechend zu leben. Auch da brauchte ich viel Zeit um zu verinnerlichen, dass dieser Krieg vorbei war. Aber anstelle des Krieges gegen mich selbst fand ich mich von heute auf morgen auf einem neuen Schlachtfeld, dem Krieg um meine Menschenwürde, gegen Vorurteile, Diskriminierungen, medizinischen und behördlichen Schikanen. Dieser zweite Krieg war noch härter als der Erste, er war allumfassend.

Zweieinhalb Jahre lang folgte ich der Spur meiner Selbstentfaltung, meiner Ich-Werdung. Ein Spiessrutenlauf sondergleichen war das, aber immer dem Licht des Ich-seins folgend. Kein “Krieg des Lebens” war so schmerzhaft wie dieser und doch führte ich das Schwert der Selbstbefreiung mit einem Lächeln auf den Lippen, weil der totale Sieg lockte. Egal wie weh so Manches tat und egal wie oft ich hinfiel und trotzig wieder aufstand, es war der sinnerfüllteste Krieg meines Lebens.

Begonnen hatte ich diese letzte Schlacht nackt und ohne Waffen. Von heute auf Morgen tauchte ich ein in ein Meer gesellschaftlicher Entwürdigung. Von Null auf musste ich mir ein Selbstbewusstsein aufbauen, musste unglaubliche Ängste überwinden, musste Grausamkeiten erdulden lernen, musste eine unerhörte Renitenz aufbauen, ich wurde zu einer wahren Kriegerin des Überlebens.

Die Stille am Ende des Krieges
Zwei Wochen ist es her, seit ich die zweite und wie ich hoffe letzte geschlechtsangleichende Operation hatte, ich bin am Ende des Krieges angelangt, ich habe gesiegt, ich bin frei, bin voll und ganz mich selbst.

Es ist still geworden, ich höre das Plätschern des Regens draussen, wie lange habe ich dieses Geräusch nicht mehr wahrgenommen, weil ohrenbetäubende Schlachtgeräusche alles übertönten. Ich liege da in dieser Stille, geniesse diese sanfte Ruhe und labe mich am Triumpf des Sieges.

Der Krieg ist vorbei und mit dem Ende dieses Krieges verschwindet auch das Ziel und damit der Weg. So liege ich plötzlich da, verspüre noch immer diesen Drang mich zu verteidigen, die Angst vor dem nächsten Angriff, aber da ist nichts mehr. Mein Weg ist zuende, das Ziel erreicht, wohin nun?

Das Verwirrende an der Freiheit
Ein Leben lang folgte ich der Spur zu mir selbst, nun bin ich da, bin ganz bei mir, bin ganz mich selbst. Es mag noch Manches geben was ich will, auch manches was ich soll, aber nichts mehr was ich muss. Wenn einem so lange ein Weg vorgegeben ist und ein Ziel gesteckt wurde, wenn man immer diesen Weg gehen musste und plötzlich am Ende angelangt ist, dann hat man keinen Weg und kein Ziel mehr – oder man hat alle Wege zur Auswahl, je nachdem welche Lebenshaltung man hat.

Sie ist verwirrend, diese Freiheit, man sitzt im Kino seines Lebens und der Film hält an und man braucht eine Weile bis man begreift, dass man nun die Regie führt und dass der Film erst weiter geht, wenn man ihn selber gedreht hat. Es gibt keine Fremdbestimmung oder Schicksalsvorgaben mehr, man ist so frei wie ein Mensch nur sein kann, aber diese Freiheit überfordert im ersten Moment. Man schaut irritiert um sich und sucht den nächsten Wegweiser, auf dem beispielsweise steht, dass man nun den Antrag auf Personenstandsänderung an das Gericht schicken soll oder sowas. Aber da sind keine Zeichen mehr, die einem den Weg weisen. Es ist unbeschreiblich schön, sich in dieser Freiheit zu finden und plötzlich alle Wege gehen zu können, aber es überfordert zu Beginn auch, weil man sich gewohnt ist, ständig irgend einem bekloppten Stöckchen hinterher zu rennen.

Das Ende des Einen ist der Beginn des Anderen
Nun folgt der wohl schönste Teil von so einer “Geschlechtsangleichung”, ich kann beginnen, mein Leben zu leben wie es meine Seele bedarf. Wow! Aber die Vielfalt des Lebens hat auch etwas Unheimliches. Ich bin es gewohnt, Befehle auszuführen, ständig dem Schicksal zu folgen, ewig dieser Ich-Werdung zu folgen. Meine Transsexualität nötigte mir all diese Wege ab, ich konnte mir nie die Frage nicht leisten, wohin ich will, weil mein Weg vorgezeichnet war.

So finde ich mich nun in diesem berüchtigten Loch, von dem ich zu Beginn geschrieben habe. Mein ganzes Leben war geprägt von diesem Ziel und nun, da ich an genau diesem Ziel stehe, frage ich mich zum ersten mal im Leben nicht wohin ich muss sondern wohin ich will. Und bei diesen zehn Milliarden von möglichen Wegen fühl ich mich grad etwas orientierungslos.

Zum Glück habe ich soviele Dinge die ich gerne tue, die mir diese Leere fürs Erste auffüllen und mir eine erste Richtung angeben. Ich hatte schon immer vielseitige Interessen und geniesse es nun, dass ich so Vieles tun kann, was früher nicht ging, weil mich mein Weg so sehr forderte. Ich verspüre Lust, mich wieder mal alt-griechischen Schriften des Neuen Testaments zuzuwenden, mich wieder vermehrt für die Umwelt einsetzen, mich mehr mit Körpersprache zu beschäftigen, Violine spielen lernen, endlich meinem uralten Traum der Schriftstellerei zu folgen – es gibt soviele Dinge die mich locken – es liegt nun an mir zu entscheiden, was ich wieviel Raum gebe.

Für Betroffene: Sinngebung beginnt vor der GaOp
Mit all dem will ich vorallem eines sagen, an die Adresse anderer Betroffener. Hütet Euch vor diesem Loch, das zwangsläufig kommen wird an dem Tag, an dem Ihr Euer Ziel erreicht habt. Dann wird all das, was bisher so wichtig war, unwesentlich sein. Beginnt frühzeitig, Euch Dinge zuzulegen, die Euch Freude bereiten und Eurem Leben Sinn geben. Die Erreichung dieses Ziels ist so wichtig wie schön, aber wer dann nicht weitere Lebensinhalte im Gepäck hat, der wird an diesem Tag ganz schön bescheuert aus der Wäsche gucken, weil es scheint als hätte ein ausserirdischer Staubsauger die ganze Welt weggesaugt.

Oder um es etwas komprimierter auszudrücken: Wer sich allein durch seine Transsexualität definiert, wird im Nichts stehen, wenn das Ziel erreicht ist.

Ich war nicht nur Transsexuelle, ich war und bin auch Liebende, Umweltschützerin, Bloggerin, Philosophin, Tierliebende, Naturverbundene, bin Piperin und vielleicht irgendwann sogar Violinistin. Transsexuelle bin ich nicht mehr, gut dass ich noch so viele Andere bin ;-)

Aber man darf diesen Moment wirklich nicht unterschätzen. Man steht noch eine Weile lang blöd rum und wartet darauf, dass einem irgend ein Weg aufgezwungen wird. Es braucht so einiges, bis man begreift, dass niemand mehr auf die Frage antwortet: “wo geht’s lang”. Diese Ziellosigkeit fühlt sich zu Beginn echt unheimlich an, aber früher oder später sollte man begreifen, dass diese Ziellosigkeit nichts Anderes ist als die absolute Freiheit. Dann kann man die Flügel ausbreiten und losfliegen, wohin auch immer einem die Seele hintragen will :-)



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