(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Über die Tugend der Schamlosigkeit

Nachdem ich hier in meinem GaOp Blogtagebuch jubiliert habe, dass nun auch meine Orgasmusfähigkeit als funktionsfähig betrachtet werden darf, musste ich meine Schamgrenzen mal wieder arg dehnen, fast bis hin zum Nullpunkt. Und das fühlt sich seltsamerweise sehr befreiend an. Mit meinen Tagebüchern habe ich viele Male über Dinge berichtet, die ich am liebsten für mich behalten hätte. Aber es war mir Pflicht und Berufung, die so einem Tagebuch erforderliche Ehrlichkeit zu wahren und so baute sich Grenze um Grenze ab.

Das hat mich frei gemacht, weil es mich in die Lage versetzt, mich zu sein und zu mir zu stehen, ohne abwägen zu müssen, ob ich darf oder nicht. Es gibt kein Geheimnis mehr, das ich verstecken müsste, mein Leben selbst ist legal, mit allen guten und schlechten Seiten.

Scham ist meist die Folge von Moral und diese halte ich per se für überflüssig, dämlich und lebensverhindernd. Ich rede hier nicht von Ethik, all den Grundsätzen, die ein Miteinander erst möglich machen. Ethik ist durch sich selbst bestimmt, hat in ihren wesentlichen Grundzügen nachwievor den Umfang der 10 Gebote. Moral hingegen ist gesellschaftskonstruiert und stetem Wandel unterworfen. Sie begründet sich nicht auf Notwendigkeiten sondern entspricht gesellschaftlichem Trend. Mal war es unmoralisch für eine Frau, Hosen zu tragen, mal ist es unmoralisch, wenn ein Mann Röcke trägt – ausser in Schottland, da war es unmoralisch, wenn Frauen Kilts trugen. Moral ist Quatsch, wenn man mal ernsthaft darüber nachdenkt.

Es sind moralische Normen, die uns einreden, wir müssten uns beispielsweise um unsere Nacktheit schämen – in anderen Kulturen ist es das Selbstverständlichste. Man spricht nicht über sexuelle Gefühle, in der 68er Generation wäre es befremdend gewesen, man hätte es nicht getan.

Meine Blogs haben mir eine radikale Ehrlichkeit aufgezwungen, die wohl so manchmal meine LeserInnen verblüfft. Wie kann man so weit gehen und über so intime Dinge reden?

Aber wie kann ich einen Einblick in mein Leben geben, das Leben einer transsexuellen Frau die ihre Transsexualität überwindet, wenn ich gerade intime Gefühle ausblende? Wie sollten LeserInnen je verstehen was in mir vorgeht, wenn ich schürfende Stellen auslasse?

Das Verrückte ist: was einst aus Notwendigkeit geboren wurde im Interesse dieses Tagebuchs, wurde zur Befreiung für mich selbst und hat mir das nötige Rüstzeug gegeben um mit mir klar zu kommen. So gesehen war dieses Tagebuch meine Therapie oder zumindest ein wesentlicher Teil davon. Viel zu lange musste ich mich verstecken, da kann ich mich nur befreien, in dem ich mich ganz ins Licht stelle.

Wie oft schränkt man sein Leben ein, weil man darüber nachdenkt, ob man etwas sein oder tun darf, ob es nicht jemanden stören könnte. Wie oft verleugnet man sich selbst, weil man sich beschränken muss.

Geleitet durch den Satz von Dante: “Geh Deinen Weg und lass die Leute reden”, habe ich mich durch diese Prozess gekämpft. Das hat mich diese Ehrlichkeit und Offenheit gelehrt – und das wird auch mein zukünftiges Blogtagebuch leiten – meine schamlose Ehrlichkeit – das ist ein Versprechen ;-)

Niemand soll mich für einen Narren halten.
Wenn ihr es aber doch tut,
dann lasst mich auch den Narren spielen,
damit ich ein wenig prahlen kann.

(Apostel Paulus – 2. Korinther 11,16)



Copyright © 2018 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.