(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Über die Tugend der Schamlosigkeit

Nachdem ich hier in meinem GaOp Blogtagebuch jubiliert habe, dass nun auch meine Orgasmusfähigkeit als funktionsfähig betrachtet werden darf, musste ich meine Schamgrenzen mal wieder arg dehnen, fast bis hin zum Nullpunkt. Und das fühlt sich seltsamerweise sehr befreiend an. Mit meinen Tagebüchern habe ich viele Male über Dinge berichtet, die ich am liebsten für mich behalten hätte. Aber es war mir Pflicht und Berufung, die so einem Tagebuch erforderliche Ehrlichkeit zu wahren und so baute sich Grenze um Grenze ab.

Das hat mich frei gemacht, weil es mich in die Lage versetzt, mich zu sein und zu mir zu stehen, ohne abwägen zu müssen, ob ich darf oder nicht. Es gibt kein Geheimnis mehr, das ich verstecken müsste, mein Leben selbst ist legal, mit allen guten und schlechten Seiten.

Scham ist meist die Folge von Moral und diese halte ich per se für überflüssig, dämlich und lebensverhindernd. Ich rede hier nicht von Ethik, all den Grundsätzen, die ein Miteinander erst möglich machen. Ethik ist durch sich selbst bestimmt, hat in ihren wesentlichen Grundzügen nachwievor den Umfang der 10 Gebote. Moral hingegen ist gesellschaftskonstruiert und stetem Wandel unterworfen. Sie begründet sich nicht auf Notwendigkeiten sondern entspricht gesellschaftlichem Trend. Mal war es unmoralisch für eine Frau, Hosen zu tragen, mal ist es unmoralisch, wenn ein Mann Röcke trägt – ausser in Schottland, da war es unmoralisch, wenn Frauen Kilts trugen. Moral ist Quatsch, wenn man mal ernsthaft darüber nachdenkt.

Es sind moralische Normen, die uns einreden, wir müssten uns beispielsweise um unsere Nacktheit schämen – in anderen Kulturen ist es das Selbstverständlichste. Man spricht nicht über sexuelle Gefühle, in der 68er Generation wäre es befremdend gewesen, man hätte es nicht getan.

Meine Blogs haben mir eine radikale Ehrlichkeit aufgezwungen, die wohl so manchmal meine LeserInnen verblüfft. Wie kann man so weit gehen und über so intime Dinge reden?

Aber wie kann ich einen Einblick in mein Leben geben, das Leben einer transsexuellen Frau die ihre Transsexualität überwindet, wenn ich gerade intime Gefühle ausblende? Wie sollten LeserInnen je verstehen was in mir vorgeht, wenn ich schürfende Stellen auslasse?

Das Verrückte ist: was einst aus Notwendigkeit geboren wurde im Interesse dieses Tagebuchs, wurde zur Befreiung für mich selbst und hat mir das nötige Rüstzeug gegeben um mit mir klar zu kommen. So gesehen war dieses Tagebuch meine Therapie oder zumindest ein wesentlicher Teil davon. Viel zu lange musste ich mich verstecken, da kann ich mich nur befreien, in dem ich mich ganz ins Licht stelle.

Wie oft schränkt man sein Leben ein, weil man darüber nachdenkt, ob man etwas sein oder tun darf, ob es nicht jemanden stören könnte. Wie oft verleugnet man sich selbst, weil man sich beschränken muss.

Geleitet durch den Satz von Dante: “Geh Deinen Weg und lass die Leute reden”, habe ich mich durch diese Prozess gekämpft. Das hat mich diese Ehrlichkeit und Offenheit gelehrt – und das wird auch mein zukünftiges Blogtagebuch leiten – meine schamlose Ehrlichkeit – das ist ein Versprechen ;-)

Niemand soll mich für einen Narren halten.
Wenn ihr es aber doch tut,
dann lasst mich auch den Narren spielen,
damit ich ein wenig prahlen kann.

(Apostel Paulus – 2. Korinther 11,16)

Zurück in den Alltag

Nachdem ich zwei Monate lang in meinem GaOp-Tagebuch über meine geschlechtsangleichende Operation gebloggt habe, kehre ich nun wieder hierhin zurück und schreib hier weiter. Im Frühjahr geht’s dann für die zweite Korrektur-Op nochmal ab ins GaOp-Tagebuch und dann wird hier langsam aber sicher abgeschlossen. Von da an geht’s dann in meinem neuen Tagebuch weiter, die Adresse dazu habe ich aber noch nicht, ich such immer noch nach einer guten Internetadresse.

Blog-Tagebuch 2010 als Buch
Wie letztes Jahr, werde ich auch das zweite Jahr dieses Blog-Tagebuchs in Buchform rausbringen, so dass diese zwei Teile den ganzen Prozess beschreiben. Ich wollte eigentlich gleich noch das aus dem GaOp-Tagebuch und diese hier bis Frühjahr mit reinpacken um alles abzuschliessen, aber das wird nun eher schwer, denn schon bis jetzt habe ich mit diesen zwei Blogs rund 450 Buchseiten voll, fast doppelt soviel wie im letzten Jahr. So ein Telefonbuch wär einfach zuviel des Guten. Also werde ich entweder die eher banalen Beiträge rauslöschen oder hier doch noch etwas weiter schreiben, damit es für einen dritten Teil reicht. Aber ich tendiere eher aufs Kürzen, mal sehen.

Identitätskrise ausbleibend
Die Frist beim Bezirksgericht für die Personenstandsänderung ist seit einer Woche abgelaufen, aber bisher habe ich nichts mehr gehört. Vermutlich zermartern die sich jetzt das Hirn, was sie da tun müssen, allzu oft kommt das in so einer Gemeinde ja nicht grad vor. Und schweizweit geregelt ist es auch nicht. Bin mega gespannt, ich will endlich meinen Ausweis *jammer*.

Deppen des Tages
Wer wie ich gern Kommentarspalten in News-Portalen liest, braucht echt keine Comedy mehr, weil keine Satire so grotesk sein kann wie das Leben selbst. Ich mag so Real-Satire, auch wenn es irgendwie ja tragisch ist, es erhöht doch irgendwie den Unterhaltungswert des Lebens. So wie diese zwei Blick-Leser, die der guten alten Zeit nachtrauern. Für mich Anlass genug, zukünftig gelegentlich einen Depp des Tages zu küren – hier die heutigen Gewinner ;-)

Es sei sicherheitshalber nochmal darauf hingewiesen, dass wir das Jahr 2011 schreiben – wohlgemerkt: NACH Christus ;-)

Transsexuelles Gehirn und Phantomschmerz

It’s important to emphasise that there’s nothing wrong or abnormal about being a transsexual, it’s part of the whole spectrum of human sexuality and sexual behaviour.
(Professor V. S. Ramachandran)

Soeben bin ich über ein spannendes Interview gestolpert mit Professor V. S. Ramachandran, dem Direktor des Center for Brain and Cognition University of California San Diego, der sich mit “brain-based body image” (hirnbasierte Körpervorstellung) beschäftigt und im Speziellen der Frage über Phantom-Gefühle nachging. Ramachandran fand interessante Auffälligkeiten bei transsexuellen Menschen………

Phantom-Gefühle oder Schmerzen bedeutet, dass jemand nach einer Amputation das nicht mehr vorhandene Körperteil nachwievor fühlt. Der Grund dafür liegt darin, dass unser Hirn ein body-image hat, das Hirn weiss genau, was zum Körper gehört und lässt sich auch nicht von dieser Überzeugung abbringen, indem es sieht, dass es doch nicht so ist. Wird ein Körperteil amputiert, glaubt das Hirn weiterhin, es würde existieren und wertet Signale aus den Nervenenden entsprechend aus. Bei Männern, denen man aufgrund einer Krebserkrankung den Penis amputieren musste, spüren diesen in etwa 60-85% der Fälle weiterhin, Viele spüren sogar weiterhin Erektionen in diesem nicht mehr vorhandenen Glied.

Ramachandran stellte in seinen Untersuchungen fest, dass bei transsexuellen Frauen nach einer genitalangleichenden Operation nur bei etwa 30% ein Phantom-Effekt auftritt. Auch bei transsexuellen Männern folgt bei der Brustentfernung in der Regel kein Phantomgefühl, im Gegensatz zu Frauen, die eine Brustamputation durchführen mussten. Noch überraschender ist die Tatsache, dass ca 60% der transsexuellen Männer schon vor dem “Penisaufbau” einen Penis spürten, teilweise sogar Erektionen.

The answer is the majority of the transsexuals don’t experience a phantom penis. What’s amazing is that your body image, which includes your genitals, is at least in part programmed by genes and your brain is hard-wired to incorporate the genitals as part of your body image. Even more amazing is the observation that “women” (transMänner) who undergo transgender sexual surgery who acquired an artificial penis, a majority of them since early childhood have experienced a phantom penis. This is absolutely extraordinary because it means that each of us has a brain-based body image which is detailed down to the fine anatomy, including your genitals.

Da wie wir wissen transsexuelle Frauen eine weibliche Hirnanatomie haben, erklärt sich auch, dass das im Hirn verankerte body-image keinen Penis vermisst, wenn er “weg ist”. Dies ist ein weiterer von vielen Hinweisen, dass transsexuelle Menschen eben nicht einfach “dem anderen Geschlecht” angehören wollen sondern tatsächlich dem von ihnen postulierten Geschlecht angehören, zumindest von der Hirnstruktur her, die schlussendlich Seins-bestimmend ist.

Ich für meinen Teil kann diese Beobachtung bisher absolut bestätigen, ich hatte in diesen zwei Monaten nie ein Phantom-Gefühl, da kam nie ein Nervensignal das behauptete, es würde etwas fehlen, da war auch kein Erektionsgefühl, nichts. Das einzige was einmal passierte war, dass ein Kitzeln auf der ehemaligen Vorhaut vom Hirn als “ausserhalb des Körpers” interpretiert wurde. Ein einziger Kontrollblick reichte, damit das Hirn verstand, dass diese Haut nun innerhalb des Körpers ist, von da an war diese Haut im Hirn um-verortet. Aber das hat nichts mit Phantomgefühlen zu tun, denn die Haut ist ja immer noch da, nur der Ort hat gewechselt. Aber von all dem was nun weg ist, habe ich nicht ein einziges Mal etwas vermisst, es fühlt sich an, als sei da nie etwas gewesen.

Hier das ganze Interview, man muss dort den orangen Link drücken auf dem steht: “show transcript”:
ScienceShow: Transsexuals and the phantom penis

Wer’s noch etwas genauer wissen will:
Medical Hypotheses – Occurrence of phantom genitalia after gender reassignment surgery
Journal of Consciousness Studies – Phantom Penises In Transsexuals: Evidence of an Innate Gender-Specific Body Image in the Brain

Happy Birthday Diana – zum zweiten Mal

Wie bekloppt ist das denn, heute habe ich meinen zweiten Geburtstag und wenn mir nicht eine Freundin dazu gratuliert hätte, hätte ich es selber vergessen. Jauh heute vor zwei Jahren habe ich das Leben offiziell als Diana betreten, seit da bin ich frei, seit zwei Jahren lebe ich :-)

Unglaublich, wenn ich zurückdenke, wie es mir damals ging und wie es mir heute geht. Damals voller Angst vor einer ungewissen Zukunft, voller Verzweiflung einem schier ungehbaren Weg folgend. Und heute ist alles so anders als es je war, unspektakulär, ruhig, harmonisch………

Obwohl ich an meinem heutigen Geburtstag zweimal gehörig beschenkt wurde mit Gruselzeugs. Der Morgen begann mit einer Laserepilation, also ungeschminkt nach Zürich fahren, Gesicht abfakeln lassen, verbrutzelt wieder heimfahren, dann MakeUp über das gereizte Gesicht und ab zur Arbeit. Aber das wär gegangen, der Hammer kam im sanitären Bereich, die Harnröhre stieg aus………….. das habe ich soeben im GaOp-Tagebuch erzählt, weil das dahin gehört:
Fünfunsechzigster Tag – Kurzzeit-Verstopfung der Harnröhre

So gibt’s im Leben so Manches, das mühsam oder nervig ist, daran hat sich nicht viel geändert. Aber heutzutage gehen solche Mühseligkeiten unter in diesem Grundgefühl der Zufriedenheit, das zwar bewegt aber nicht erschüttert werden kann.

Apropos – Juliet hat während unseren Weihnachtsferien festgestellt, dass ich nicht mehr Zähne knirsche während der Nacht. Das ist ein Novum seit ich erwachsen bin, ich habe das immer getan, weil ich auch im Schlaf so unter Spannung war. Selber merk ich nichts davon, ich schlaf ja währenddessen :-) Und auch der Juckreiz im Schambereich, den ich seit Jahren hatte, ich seit der Op ganz weg, obwohl die betroffenen Stellen nachwievor da sind.

Ich habe wirklich Ruhe gefunden, eine Ruhe die ich nie kannte, nun kann ich fühlen, wie sich ‘shalom’ wirklich anfühlt – happy birthday, Diana, ich bin so glücklich, dass Du vor zwei Jahren endlich zur Welt gekommen bist.

μη παυσασθω ο ζητων του ζητειν εως αν ευρη,
και οταν ευρη θαμβηθησεται,
και θαμβηθεις βασιλευση,
και βασιλευσας επαναπαησεται.

Nicht aufhören soll der Suchende zu suchen, bis er findet;
und wenn er findet, wird er betroffen sein;
und wenn er betroffen ist, wird er herrschen;
und wenn er zu herrschen begann, wird er Ruhe finden.

(Thomas Evangelium – Papyrus Oxyrhynchos 654)

TSG Operationszwang ist verfassungswidrig

Am heutigen Tag jubeln transsexuelle Menschen im deutschsprachigen Raum, vorallem diejenigen aus Deutschland – denn das deutsche Verfassungsgericht hat Paragraph 8 des sogenannten Transsexuellengesetzes als verfassungswidrig eingestuft – der Paragraph, der wie hier in der Schweiz transsexuelle Menschen nur nach erfolgter irreversibler Sterilisierung anerkennt. Damit endet zumindest in Deutschland der letzte Schatten der Eugenik. Es ist verfassungswidrig, transsexuelle Menschen nur in ihrem Geschlecht anzuerkennen nach erfolgter “irreversibler Sterilität”. Die geschlechtsangleichende Operation ist eine für die meisten Betroffenen essentielle medizinische Hilfe. Für Andere ist es faktische Zwangssterilisation.

Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen lässt sich nicht am Grad der Anpassung seiner äußeren Geschlechtsmerkmale an das empfundene Geschlecht mittels operativer Eingriffe messen, sondern ist daran festzustellen, wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt.
(Bundesverfassungsgericht)

Man kann davon ausgehen, dass etwa 20% der transsexuellen Menschen auch ohne geschlechtsangleichende Operation mit ihrem Leben klar kommen. Diese waren bisher zu einer Sterilisierung gezwungen, wenn sie wirklich eine echte Personenstandsänderung wollten. Für die nimmt nun der Druck deutlich ab. In der Vergangenheit gab es Betroffene, die diese risikoreiche Operation nicht gebraucht hätten, denen das Risiko zu gross war, die es aber trotzdem machten, weil ihnen die amtliche Anerkennung so wichtig war.

Aber nicht nur für diese Betroffenen ist das ein Meilenstein, er betrifft uns alle. Einerseits ist es nicht mehr haltbar, die Personenstandsänderung bis zur GaOp hinauszuschieben, anderseits ist es eine ethische Grundsatzfrage. Ob ich männlich oder weiblich bin, ist eine Frage meines Wesens, meines Ichs, also meines Gehirns. Solange die Anerkennung des Geschlechts an die Genitalien geknüpft ist, verkennt man die Tatsache, dass das Geschlecht im Hirn festgelegt ist. Das zeugt von einer ganz neuen Denkweise oder kann zumindest dahin führen. Wesentlich ist nicht, was man zwischen den Beinen hat sondern was man im Kopf hat. Der Mensch ist somit nicht mehr ein Genital mit einem Zellhaufen dran, der Mensch ist nun Mensch, der was auch immer für Körperteile hat.

Einmal mehr verweise ich auf diese Analogie: Es gibt krebskranke Menschen, die keine Chemotherapie machen, aus welchen Gründen auch immer. Niemand käme auf die Idee zu sagen: “Du bist nicht krebskrank, solange Du die Therapie nicht machst, denn die Meisten machen sie ja”. So lief es bisher mit transsexuellen Menschen. Ihre Transsexualität und damit ihr richtiges Geschlecht, wurden nur anerkannt, wenn man alle “verordneten” medizinischen Massnahmen abgeschlossen hat. Aber ob jemand krank ist, entscheidet sich nicht dadurch, dass man eine Therapie macht. Genauso entscheidet sich das Geschlecht nicht dadurch, ob man irgendwelche körperlichen Veränderungen ausführen lässt.

Auch mit der dauernden Fortpflanzungsunfähigkeit hat der Gesetzgeber in § 8 Abs. 1 Nr. 3 TSG eine unzumutbare Voraussetzung für die personenstandsrechtliche Anerkennung des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen gesetzt, soweit für die Dauerhaftigkeit der Fortpflanzungsunfähigkeit operative Eingriffe zur Voraussetzung gemacht werden. Die Realisierung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung aus Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG wird damit von der Preisgabe des Rechts auf körperliche Unversehrtheit abhängig gemacht, ohne dass Gründe von hinreichendem Gewicht vorliegen, die die hierdurch bei den betroffenen Transsexuellen entstehenden Grundrechtsbeeinträchtigungen rechtfertigen könnten.
(Bundesverfassungsgericht)

Vorallem ein Erfolg ist es aber deshalb, weil das durch europäische Menschenrechtskonventionen geschützte Recht auf Selbstbestimmung endlich auch uns in einem der wesentlichsten Punkte zugesprochen wird. Und auch wenn mich das faktisch nicht betroffen hat, weil die GaOp für mich überlebensnotwendig war, ist es doch grausam und irgendwie entwürdigend, wenn ich zu den Wenigen gehöre, denen das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird. Das hat so etwas von Unter-Mensch, etwas entwürdigendes. Ich hoffe, dass auch die Schweiz da nachzieht.

Beschluss des Bundesverfassungsgerichts
ATME: Transsexuellengesetz für verfassungswidrig erklärt
Marie Karsten: Was mach ich jetzt bloss?
Inka: Bundesverfassungsgericht kippt Transsexuellengesetz
Launen einer Blüte: Bundesverfassungsgericht erteilt dem TSG erneut eine Ohrfeige
Svenja: Geschenk aus Karlsruhe
Sara: Das ist der Hammer! Danke Deutschland!
Fremde Angst – Bundesverfassungsgericht entscheidet: Der OP-Zwang entfällt!

dieStandard: Verfassungsgericht stärkt Rechte Transsexueller
Süddeutsche: Gericht kippt Transsexuellengesetz – Das gefühlte Geschlecht

Der zukunftsgerichtete Alltag oder so

Die letzte Zeit ist voll von Veränderungen und stillen Tätigkeiten, deshalb hier mal eine kurze Zusammenfassung……

Neuer Computer
Mein alter Notebook hat mich die letzten Monate ganz schön aufgerieben, diese alte Vista-Kiste hatte mehr Macken als ich selber und das wurde immer anstrengender. Die Kiste machte einen unglaublichen Lärm, als wäre ein Haarföhn eingeschaltet, stürzte immer wieder ab oder frohr einfach ein. Vorallem wenn ich mit Juliet am videotelefonieren war, tauchte ich immer wieder unter und der DVD Player hat sich auch verabschiedet. Damit war Schluss mit lustig und nun habe ich seit gestern wieder ein neues virtuelles Gefährt, einen Acer Aspire mit I5 Prozessor, spieltauglicher GeForce Grafikkarte und Windows-7 – ich bin für die Zukunft wieder gerüstet :-) Und es ist so eine Wohltat, der ist still wie ein Karthäuser-Mönch, schnell wie der Blitz, zuverlässig wie mein Schatzi, einfach himmlisch. Nur mit der Tastatur bin ich noch auf Kriegsfuss, dieser hat nun einen Zehnerblock und deshalb ist alles irgendwie am falschen Ort, aber daran gewöhn ich mich bald. Und ich freu mich nun unter anderem, dass ich endlich mal wieder ein Computerspiel spielen kann, mal wieder mit Feuerbällen schmeissen und böse Monster jagen :-)

Erfreuliches aus der News Front
Diese Woche gabs gleich mehrere Freuden in den News. Wie hier bereits erzählt, hat das deutsche Verfassungsgericht das deutsche Transsexuellengesetz als verfassungswidrig eingestuft und damit dem Operationszwang ein Ende gesetzt. Dann kam eine neue Studie heraus, bei der Wissenschaftler mit einem MRT Hirne von transsexuellen und anderen Menschen verglichen. Sie fanden vier Hirnregionen, bei denen man anatomische Unterschiede mit dem Auge sieht. Ein weiterer überwältigender Beweis dafür, dass transsexuelle Menschen nicht einfach “den Wunsch haben, dem anderen Geschlecht anzugehören” sondern dass ihr Hirn zumindest in wesentlichen Regionen klar “dem anderen Geschlecht” entspricht. Somit kann man nicht vom anderen Geschlecht reden, es ist das eigene, das im Hirn verankert ist. Darüber dann demnächst in Ruhe etwas mehr.

Aufbau des neuen Tagebuchs
Unterdessen habe ich eine neue Internetadresse gekauft und bin dran, dort das neue Blog einzurichten, auf dem ich zukünftig mein neues Tagebuch führe. Es wird ähnlich aussehen wie das Jetzige, nur etwas breiter, etwas schöner und inhaltlich etwas anders. Momentan bin ich dran, zu allen Kapiteln einen kleinen Einleitungstext zu schreiben. Wenn die fertig sind. werde ich das hier sagen, bis dann bleibt es noch “geheim”.

Tagebuch 2010 als Buch
Ausserdem bin ich auch dran, die Blogbeiträge des letzten Jahres zu einem Buch zusammen zu kleben. Bisher sind es immer noch vierhundert Seiten und ich kämpf mit mir, was ich rausschmeissen soll um es kleiner zu machen. Aber viel der Arbeit ist gemacht, alles zusammengeklebt, alle Texte formatiert, Schriften gesetzt u.s.w. Ich denke, in etwa zwei Monaten sollte es im Handel sein.

Schatzi kommt baaaahaaald – dann wird gefeiert
Keine Woche geht es mehr, bis Juliet am Freitag Abend gegen Neun hier landet und wir endlich wieder mal kuscheln können. Am Samstag findet dann unsere Party statt, ich bin echt gespannt, wie das wird und vorallem freue ich mich, dass Juliet ein paar meiner Freundinnen und Freunde kennenlernt. Aber am meisten freue ich mich, sie endlich wieder zu spüren und mich gaaaanz nah an sie zu kuscheln :-)

Identitätsstörung dauert weiter an
Die Identitätsstörung meines Ausweises hält länger an als ich gehofft habe. Die Einsprachefrist der Gemeinde ist vor einem halben Monat abgelaufen, meine Personenstandsänderung liebt aber weiterhin auf dem Gericht rum, die sind auf der Jagd nach einem ominösen Formular. So Gott und die Gerichtsmenschen wollen, hab ich das nächste Woche. Dann kommt wieder ein Monat Einsprachefrist für Gott und die Welt, dann muss ich mir das Gerichtsurteil abstempeln lassen vor Gericht und dann kann ich den neuen Ausweis bestellen, was dann noch zehn Tage geht. Ergo wird das Ganze noch etwa zwei Monate dauern.

Körperliches nach der GaOp
Was die GaOp anbelangt, hat sich so ziemlich alles langsam eingepegelt. Geschwollen ist es nur noch schwach, tut in der Regel nicht weh, auch gerade draufsitzen geht wenn auch mit bedingter Begeisterung, nur auf harten Bänken ist es noch sehr mühsam. Ey ich kann sogar wieder im Schneidersitz sitzen, das ist meine liebste Körperhaltung abgesehen von der Horizontalen. Ansonsten klappt auch der Alltag prima, ich kann sogar bereits wieder dahin stöckeln :-) Nur die Sache mit der Harnröhre macht mir noch Sorgen. Da läuft es sehr sehr langsam ab, braucht manchmal etwas Druck, manchmal sogar viel Druck. Aber es geht doch immer, braucht halt Zeit und Nerven. Nächsten Freitag habe ich dann beim Chirurgen einen Termin, mal schauen was er dazu meint. Vorallem gespannt bin ich darauf, wie es nun weiter gehen soll, wann ungefähr die Korrektur-Op sein wird und was er da überhaupt genau tut.

So das wär’s mal wieder, ich geh jetzt Dungeon Siege II spielen, Blitze schleudern und so :-)

TSG – Transsexualität und Gutachter-Dilemma

Während die meisten Betroffenen wie auch ich in kollektives Gejubel ausgebrochen sind, weil das deutsche Verfassungsgericht den Operationszwang im Transsexuellengesetz (TSG) als verfassungswidrig eingestuft haben, hat die Menschenrechtsorganisation ATME nebst ebendieser Freude aber auch besorgniserregende Fragen aufgeworfen. Denn mit dem Wegfall des Kriteriums der genitalangleichenden Operation, stärkt sich umso mehr die Rolle der Gutachter. Sind wir nun vom Regen in die Traufe gekommen? Ich kann das noch nicht beurteilen, transsexuelle Menschen waren seit je her im Würgegriff der Gutachter, womit Selbstbestimmung nur noch eine Farce blieb. Ob das nun noch schlimmer wird, muss sich zeigen resp. dagegen müssen wir kämpfen, beispielsweise wenn wie ich erwarte nun das TSG neu geschrieben werden muss wegen des Wegfalls von Artikel 8. Deshalb möchte ich mir jetzt hier ein paar Gedanken zum Gutachter-Dilemma machen und aufzeigen, weshalb diese Praxis nicht nur absurd ist sondern auch gegen Menschenrechte verstösst.

Das Dilemma der Gutachter
Von Gesetzeswegen wird die Transsexualität und damit da Geschlecht von Betroffenen nur anerkannt, wenn in der Schweiz ein resp. in Deutschland zwei Gutachter diese Diagnose stellen. Das Dilemma dahinter ist, dass Transsexualität gar nicht bewiesen oder widerlegt werden kann, man kann es bisher nicht eindeutig messen. So stehen Gutachter vor der Pflicht, eine Diagnose zu stellen über ein Phänomen, das nicht diagnostiziert werden kann. Damit beginnt eine Odysee der Willkür. Gutachter stehen unter Druck, eine allfällige Fehldiagnose würde ihre Fähigkeit in Frage stellen, aber weil sie eigentlich keine Diagnose stellen können, haben sie das Messer am Hals. Infolgedessen sind Gutachter oft überkritisch und bewerten Betroffene beispielsweise aufgrund der Einhaltung geschlechtsspezifischer Stereotypen. Sie können die Geschlechtsidentität ja nicht anschauen, man kann sie nicht messen, man hat nur die Wahl, Betroffenen zu glauben oder ihnen zu unterstellen, sie seien gestört.

Das Dilemma der Betroffenen
Für Betroffene wird das zum Albtraum. Sie haben die unumstössliche Gewissheit, welchem Geschlecht sie angehören. Wer sollte besser als sie selbst wissen, welchem Geschlecht sie angehören? Betroffene kennen sich selbst seit Jahrzehnten, sie wissen aus Erfahrung um der Unverrückbarkeit ihres Geschlechts. Trotzdem müssen sie sich nun analysieren lassen und auf ein Gutachten hoffen, das wie oben erwähnt eigentlich nicht ernsthaft gestellt werden kann. Sie wissen, dass sie diese Anerkennung erarbeiten müssen, unabhängig wer sie sind, sie müssen dem hilflosen Gutachter nun genügend Hinweise liefern, die ihre Ernsthaftigkeit bestätigen.

Das Dilemma des therapeutischen Verhältnisses
Damit stehen sich Betroffene und Gutachter ohne grosses Vertrauen gegenüber. Betroffene fürchten eine verweigerte Diagnose, empfinden sich wie auf der Anklagebank, müssen ihre Unschuld beweisen. Der Gutachter ist jemand, der einem die Zukunft verweigern kann, der unvorstellbare Macht innehat. Bei diesem Machtgefälle ist ein vertrauensvolles Verhältnis völlig unmöglich. Gutachter wiederum wissen das und gehen grundsätzlich davon aus, dass Betroffene sie reinlegen wollen. Es herrscht gegenseitiges Misstrauen, unter dem kein ehrliches Gespräch möglich ist.

Das Dilemma der Entmenschlichung
So sind Betroffene gezwungen, teilweise jahrelang mit Gutachtern zu palavern, sie müssen sich selbst beweisen, obwohl Transsexualität nicht beweisbar ist. Sie müssen die Entscheidung, wer und was sie sind, einem Fremden überlassen. Man spricht ihnen faktisch das Recht auf Selbstbestimmung ab, weil man den Wahrheitsgehalt ihrer Selbstbestimmung per defintionem in Frage stellt.

Das Dilemma der Absurdität
Damit finden sich Betroffene in einer völlig absurden Situation. Stell Dir mal vor, Du würdest jemandem sagen, Du seist ein Mensch und dieser würde das in Frage stellen. Wie willst Du das beweisen? So müssen Betroffene – im Bewusstsein ihres Geschlechts – ihr Geschlecht einem Gutachter beweisen, der grundsätzlich befürchtet, er würde angelogen oder die Betroffenen wären nicht zur Selbstreflektion fähig.

Menschenrecht als Ausweg aus dem Dilemma
Eigentlich wäre es einfach, aus diesem Dilemma auszusteigen, wir müssten nur das Recht auf Selbstbestimmung ernst nehmen und schon wären wir all die Dramen los, die sich immer und immer wieder abspielen. Nur ich weiss, wer und was ich bin, nur ich alleine kann beurteilen, welchem Geschlecht ich zugehörig bin. Würde man uns dieses Menschenrecht zusprechen, würde es keine Gutachten brauchen, keine Fristen, keine zermürbenden Alltagstests, nichts. Solange die Gesellschaft das nicht tut sondern anstelle dessen dieses Gutachter-Dilemma inszeniert, solange sind Menschen unter Vormundschaft, ihre Selbstwahrnehmung steht unter Generalverdacht.

Das Dilemma der geforderten Sicherheit
Dagegen wird dann als ewiges Todschlagargument eingewandt, man müsse sich da schliesslich sicher sein. Ja klar muss man das, aber die einzige Sicherheit die wir hier haben, ist die Selbstwahrnehmung der Betroffenen. Gutachter können nicht mal diese sehen, geschweige denn weitere Kriterien. Heute muss ich, die ich um mein Geschlecht weiss, jemanden der dies nicht sehen kann fragen, welchen Geschlechts ich bin – wie absurd ist das denn? Als letztes Blödelargument kommt dann stehts der Einwand: aber wenn man einfach so selber entscheiden kann, könnte man ja ständig hin und her wechseln. Was für ein Quatsch: erstens ist es äusserst selten, dass transsexuelle Menschen je zurück wollen und zweitens, selbst wenn dem so wäre, wen hat das zu interessieren?

Selbstbestimmung als Fundament des Menschseins
Die ganze Diskussion rund um Gutachten, Alltagstest und erzwungenen Operationen wäre mit einer einzigen Frage vom Tisch zu wischen: Hat der Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung? Die EMRK sagen klar ja, das TSG sagt klar nein, entscheiden muss die Gesellschaft, ob sie das Menschsein auch in selbstbestimmter Weise erlauben will. Dass sich diese Frage überhaupt stellt, ist an sich der Gipfel dieser Absurdität, darüber sollten wir endlich ernsthaft nachdenken.

Dr. Horst Haupt hat in seinem Blog zwei fundierte Beiträge zu diesem Thema, ich empfehle das zur Vertiefung meiner hier niedergeschriebenen Gedanken: Trans-Health Blog



Copyright © 2017 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.