(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Abschied von “ihm” – Requiem für ein Phantom

Was nun folgt, dürfte der wohl surrealste all meiner Blogbeiträge werden, aber es ist in dieser Situation angebracht. Leben und Tod gehen Hand in Hand, bei meiner GaOp wird das klarer denn je. Das Eine verschwindet ganz, um dem Anderen den ganzen Platz freizugeben.

Es ist schon merkwürdig, ich nehme Abschied von jemandem, den es eigentlich nie gegeben hat, ein Phantom, das anstelle von mir mein Leben gelebt hat. Auch wenn “er” kein echtes Lebewesen war sondern nur eine Theaterrolle, die glaubwürdig gespielt wurde, so ist “er” mir doch vertraut geworden, in dieser elend langen Zeit. Kein Wunder, war “er” doch mein Geschöpf, geformt nach meinen Wertvorstellungen und Idealen. “Er” hat mein Leben lange Zeit gelebt, zu einer Zeit, in der ich niemals stark genug gewesen wäre um selbst zu leben. “Er” liess sich entwickeln, zum Philosophen, zum Umweltschützer, zum Krieger und zum Helden. Er hatte einen indianischen Geist, stand für Rechte ein, kämpfte für diejenigen die Hilfe brauchten…….. “er” war echt n’cooler Kerl.

Manchmal staunte ich fast ehrfürchtig, wenn “er” sich beispielsweise an Eisenbahngeleise kettete, sich deswegen vor Gericht verantworten musste, mit einer unerhörten Entschlossenheit für das eintrat woran wir glaubten. Oder ich staunte über seine Autarkie, die Fähigkeit, tagelang irgendwo in der Wildnis rumzulungern, nur der Freiheit verpflichtet. Und doch war “er” stets nur ein Phantom. Es gab Zeiten, da wusste “er” das nicht mal mehr, aber irgendwann musste diese sich verselbstständigende Illusion auflösen. Das war ein grosser Schock für ihn. Ich glaub, am meisten erstaunt es mich, wie selbstlos “er” schlussendlich sein Leben aufgab. Sein Dienst war erledigt, sein Sinn erfüllt. Das einzugestehen braucht schon eine gewisse Grösse, vorallem für ein Phantom, das damit seine Nichtexistenz anerkennt.

Irgendwie tut “er” mir fast ein wenig leid. “Er” hat soviel durchkämpft für mich, soviel gelitten, “er” hat sich bis zum totalen Niedergang schützend vor mich gestellt und versuchte mir die Schwere des Lebens zu ersparen. “Er” hat gekämpft, wurde besiegt, stand wieder auf, immer und immer wieder, bis zum bitteren Ende. So wurde “er” zum Wegbereiter, ich konnte viel von ihm lernen. Die Ideale, die ich ihm einst überstülpte, konnten einverleibt werden, in seinem Schatten konnte ich zur Kriegerin werden.

Es gab Zeiten, als ich ihn verflucht habe dafür, dass er anstelle von mir mein eigenes Leben lebte. Ich habe lange nicht begriffen, dass “er” es für mich tat. “Er” hat mich beschützt bis ich stark genug war, um mein Leben selbst zu leben. Dafür bin ich ihm heute dankbar, seinem Vorbild, seinem Mut und seiner Entschlossenheit verdanke ich es, dass ich heute aufrecht zu stehen vermag.

Wenn ich mir vorstelle, was die Psychiatrie mit mir angestellt hätte, wenn ich in den 80ern erklärt hätte, dass ich ein Weibchen bin, dann graut es mir echt. Man hätte mich gehörig durch die Mangel gedreht, mich mit erfolglosen Verhaltenstherapien konditioniert und kaputtgequetscht. Ich hätte als kleines Mädchen schon Ausgrenzungen über mich ergehen lassen, die ich nie durchgestanden hätte. Vor all dem hat “er” mich bewahrt.

Doch morgen endet seine Zeit, die Zeit ist gekommen, ihn in Dankbarkeit zu entlassen und ihm die letzte Ruhe zu gönnen, die “er” sich hart verdient hat. Heute bin ich diejenige, die sich über seinen geschundenen Körper neigt und ihm tröstend ins Ohr flüstert: Wir haben’s geschafft, alles wird gut, flieg kleiner Vogel, an den Ort, an dem Du Ruhe findest.

Vermissen werde ich ihn nicht, er wird nicht mehr gebraucht. Aber vergessen kann ich ihn auch nicht, ich verdanke ihm zuviel.

Morgen ist es soweit, dann kann ich endlich glücklich verkünden…………

Der König ist tot, lang lebe die Königin :-)



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