(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Geboren um zu leben!

Der heutige Abend geht in die Annalen meiner Geschichte ein, ohne dass ich je erklären könnte, was er wirklich bedeutet hätte. Seit Stunden sitz ich da, plappere wirres und sinnloses Zeuchs auf meinem Facebook Account, telefoniere mit meiner Süssen und brabble sie voll mit noch wirrerem Zeuchs, ich finde mich in einem Zustand. der alles Erdenkliche übersteigt, alles Aussprechbare übertönt, Fassungslosigkeit, Euphorie, Hoffnung, grenzenloses Glücklichsein…………

Ich drehe wirklich fast durch, jetzt in diesen Tagen, in denen das Unmögliche und Undenkbare Wahrheit wird. Ich weiss, ich wiederhole mich, aber diese Zeit ist jeder Wiederholung würdig. Wenn man vier Jahrzehnte darauf warten muss, bis man zu Leben beginnen kann, dann ist dieser Beginn des Lebens so einmalig, so unvorstellbar, dass man nicht anders kann als völlig durchzudrehen.

Geboren um zu leben, lautet der Titel eines Lieds der Band “Unheilig”. Das Lied hat nichts mit mir zu tun, es geht eigentlich um den Tod eines Menschen – und doch, es trifft diesen Moment wie nichts anderes. Geboren um zu leben, das ist der Sinn meines Seins, der erst jetzt, in diesen Tagen, sein Ziel erreicht.

Ich bin völlig aufgedreht, halb hysterisch, von körpereigenen Hormonen durchflutet, von unvorstellbarer Euphorie getrieben. Seit 16022 Tagen existiere ich in diesem jämmerlichen Spiel des Lebens, noch lausige 6 Tage, ein 2670el meines bisherigen Lebens, bis das Unvorstellbare, das Unmögliche, das nie Erreichbare, doch Wahrheit wird.

Schon morgen geht es nur noch einen 3004el meines bisherigen Lebens, bis der Sinn meines Lebens, das Fundament meines Seins, sich ausbreitet, wie ein Pilz der seinen Kreis zieht. Zuende ist die Diskrepanz, zuende ist die Zerrissenheit, zuende der Selbsthass, zuende die Verständnislosigkeit meinem eigenen Selbst gegenüber.

Geboren um zu leben, was sonst, sollte der Sinn eines Wesens sein? Geboren wurde ich vor langer Zeit, zu Leben beginne ich erst jetzt wirklich. Aber es zählt nicht die Zeit, es zählt die Tiefe. Egal wie lange ich nicht Ich sein konnte, es spielt keine Rolle, wichtig ist nur, wie lange ich noch Ich zu sein vermag. In 6 Tagen beginnend, bis ans Ende aller Zeit. Morgen noch ein 3204el bis zum Erwachen, übermorgen schon ein 4007el.

Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich trauere um die Menschen, die den Wert des Lebens, den Wert des Ichseins nicht in diesem Ausmass erfühlen dürfen, wie ich es unfreiwillig vermag. Wie wertvoll das Leben ist, wird einem erst klar, wenn es seine Selbstverständlichkeit verliert. Die Dankbarkeit, leben zu dürfen, sich entfalten zu dürfen, sich selbst zu sein, zeigt sich erst dann, wenn die Selbstverständlichkeit dessen sich auflöst. Am Freitag fehlen noch drei Tage, ein 5341el meines bisheriger Existenz, die Summe erstreckt sich ins Unermessliche, geboren um zu leben………..

Wie wertvoll ist doch das Leben, wie edel doch das Ichsein, wie berauschend die Selbstentfaltung. Am Samstag sind es noch zwei Tage, ein 8012el einer sinnentlehrten Existenz, geboren um zu leben, zum Leben neu erwacht.

Irgendwann wird es geschehen, das Wunder hier auf dieser Erde – und eine Stimme sagt: Es werde, ein neuer Tag………… so lautet ein Lied der Gothic-Band Illuminate, das mich seit dem ersten Hören tief bewegte. Irgendwann, wahrscheinlich nie, wird es vielleicht, wahrscheinlich nie, geschehen, das Wunder, wohl nie vollbracht…………… es ist vollbracht.

Noch einen Tag, am Sonntag, ein 16025el meines bisherigen Daseins, zum Beginn meines wahren Lebens…….. Gott steh mir bei, an diesem einen Tag, der mein Leben zum Leben erweckt.

Es mag seltsam klingen, aber so sehr ich mich auch danach sehne, dass dieser bisherige Irrsinn endlich ein Ende hat, irgendwie wünschte ich mir doch, dass dieser Moment der Erwartung und Hoffnung, nie ein Ende finden würde.



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