(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Sein letztes Aufbäumen

Vor fünf Wochen habe ich die Hormontherapie wegen der bevorstehenden GaOp abgesetzt und durchlebe nun den erlösenden Prozess der letzten zwei Jahre im Rückwärtsgang.

Als ich damals die HRT begann, erlebte ich eine befreiende Veränderung meines Hormonkreislaufs. Während früher der ganze Hormonprozess im Widerspruch zu meinem Hirn und meiner Seele ablief und mich in ein mir völlig unverträgliches Hormonleben zwang, normalisierte sich alles von Woche zu Woche. Ich wurde ruhiger, dieses ständig aufgedreht sein löste sich auf, die Aggressionen nahmen ab und nichtzuletzt veränderte sich der Körper, der Körpergeruch veränderte sich und schon bald nahm auch das bizarre Eigenleben zwischen den Beinen ein wohltuendes Ende. Nach diesen fünf Wochen ist nun alles wieder auf den Kopf gestellt, es fühlt sich an wie das letzte Aufbäumen dieses männlichen Phantoms, das vierzig Jahre mein Leben lebte und noch einmal aus dem Koma erwacht.

Vieles fühlt sich in mir wieder fremd an, unangenehm fremd. Dieses ständige Aufgekratztsein, als ob ich zuviel Strom abbekommen würde. Gerade jetzt, wo Ruhe für mich so wichtig wäre, koche ich innerlich auf und entferne mich vor mir selbst resp. mein Körper entfernt sich wieder von mir. Ich würd das gerade jetzt echt nicht brauchen, es raubt mir eine Energie, weil dieses Fremdartige das wieder in Erscheinung tritt, das Eigene teilweise verdrängt.

Natürlich ist das alles nur eine selbstverständliche Folge des auf den Kopf gestellten Hormonhaushalts. Aber es fühlt sich an, als ob “er”, dieser Kunstmensch der einst so tat als gäb’s ihn, dass “er” sich ein letztes Mal aufbäumen will, ein letzter vergeblicher Versuch, die Herrschaft über mich zurück zu erobern.

Tausend Dinge müsste ich noch erledigen, unter anderem diese fünfzig offenen Mails und meine – wohlwollend formuliert – chaotische Wohnung aufräumen und putzen und vieles mehr, das ich noch erledigen muss. Aber ich komm zu nix. Dieses Testosteron, mit dem mein Hirn nunmal nicht klar kommt, dreht mich wieder völlig auf, ich will dann soviel tun, dass ich mich für nix entscheiden kann und deshalb gar nix tue.

Da ist wieder diese Spannung, die jeden Muskel im Körper unter Strom setzt, wie ein Raubtier vor dem Sprung, wie der Körper eines Kriegers vor der Schlacht. Dieses ständige Gefühl des Gehetztseins, raubt mir jede Ruhe.

Vier Wochen ohne HRT wär knapp erträglich gewesen, befremdend aber erträglich. Aber seit letzter Woche ist es ein kleines bisschen Horrorshow. Das Gefühl der Entfremdung von meinem eigenen Körper ist echt irrwitzig. Es macht mir mehr den je bewusst, wie richtig mein Hormonhaushalt während der HRT war, wie wohl sich meine Seele im Meer eines östrogen-dominierten Hormonhaushalts fühlte und wie entspannt mein Hirn ohne Testosteronbeschuss war.

Mein Körper, das Haus in dem meine Seele wohnt, ist wieder ein Männerhaus geworden, die Wände wurden wieder von lila auf blau umgestrichen und ich fühl mich da drin überhaupt nicht mehr wohl.

Aber in einer Woche wird wieder umgezogen, dann wird “ihm” die Energiezufuhr gekappt, dann ist Schluss mit diesem Jungskram hier in meinem Ich. Gerade dieses letzte Erscheinen dieser Hormoninkompatibilität und Selbstentfremdung beestätigen mich in diesem Entscheid. Ich habe erlebt, wie wohl es mir in mir drin sein kann, wie harmonisch mein Körper-Geist-Gefüge sein kann – echt, ich ertrag diesen Jungskram nicht mehr.



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