(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Geschafft! Das Reparaturprogramm läuft wieder

Ich hab echt schon befürchtet, dass ich aus diesem Tief nicht mehr rauskomme, aber gestern Abend ist mein psycho-emotionales Reparaturprogramm endlich angelaufen – spät aber dafür effizient – und so erlebe ich heute erstmals wieder einen schönen Tag, an dem ich aufstehe, ohne dass mir die Decke bereits im Bett auf die Birne knallt. Auf jeden Fall macht es den Eindruck, als ob ich über dem Berg wäre und damit wird auch wieder vorstellbar, dass ich in 76 Tagen guten Mutes meine GaOp machen kann.

Warum diese GaOp Verschiebung so einen enormen Sturm in mir ausgelöst hat, ist mir nachwievor nicht ganz klar. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine grosse Zahl an Widrigkeiten, die mir in den letzten Monaten zugesetzt haben, sind zu einem einzelnen Ding zusammengeschmolzen, ein Ding, das viel grösser war als die Summe seiner Teile. Es gab Vieles in letzer Zeit, das mich zermürbte und das Meiste hatte damit zu tun, dass ich immer wieder mit der Tatsache konfrontiert war, dass niemand wirklich versteht was ich bin. Egal ob Nahestehende, für die ich in ihrem Kopf immer irgendwie der Mann bin, der ich nie war oder Aussenstehende, die mich für gestört halten und bestenfalls belächeln bis hin zu Fachleuten, die wider aller wissenschaftlichen Fakten nachwievor die Mär von der Geschlechtsidentitätsstörung predigen und ihre Behandlung darauf ausrichten. Als ich dann aufgrund dieser GaOp-Terminverschleppung den Eindruck bekam, dass selbst die mich unterstützenden Ärzte nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht, kam es zum Kollaps. Ein riesengrosses emotionales Durcheinander entstand in meinem Kopf und alles wirbelte so in mir rum, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, es war einfach alles nur noch gegen mich. Ich sah mich als eine eigentlich fast normale Frau, die von der ganzen Welt für ein Kaninchen gehalten wurde, irgendwie war alles einfach zuviel.

Ich kenn so Gedankenstürme von früher, da hatte ich sowas öfters mal, immer wenn viele negative Gefühle im Rudel daher kamen. Irgendwann verliert sich das Rationale und nur noch eine Emotionsbrühe bleibt übrig, in der man zu ersaufen glaubt. Seit ich als Diana lebe, kenne ich das nur noch andeutungsweise. Klar kracht mir mal die Decke auf den Kopf, aber meist kann ich das noch am selben Tag wieder richten, kann einzelne Probleme angehen bevor es zu dieser Emotionsbrühe wird. Früher, wie gesagt, hatte ich so Zeiten öfters mal und ein Leben lang war ich immer wieder von Neuem fasziniert wegen diesem Reparaturprogramm in mir. Ich hab keine Ahnung was das genau ist, was dieses Programm aktiviert oder wie es genau arbeitet. Es ist immer so, dass ich – in der Regel etwa nach einem Tag – plötzlich ruhig werde in mir, alle Probleme laufen wie in einer Dia-Show an mir vorbei, jedes hält kurz an und irgend so eine kluge Stimme in mir kommentiert das, ganz rational, ganz pragmatisch. Ich lerne in so Momenten, diese Brühe wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen und werde mir bewusst, dass es eigentlich viele kleine Dinge sind, von denen jedes für sich allein entweder angegangen oder erduldet werden kann. Dann geht die rationale Aufräumerei los, ich ändere, was ich ändern kann und nehme hin, was ich nicht ändern kann und schon ist wieder Ruhe.

Diesmal versagte mein Reparaturprogramm, von dem ich echt unsicher bin, ob es einfach der rationale Geist ist oder ob das irgend eine spirituelle Instanz ist, etwas Wesenhaftes das mir beisteht. Jedenfalls ging diesmal gar nichts, ich blieb in dieser Suppe liegen, versuchte selber meinen Kopf zu ordnen, aber das ging einfach nicht. Das wäre auch früher nicht gegangen, nicht ohne dieses Programm, das plötzlich aktiviert wird, ohne diese kluge Stimme in meinem Kopf, die alles so pragmatisch sehen und erklären kann.

Gestern erreichte mein Tief einen neuen Höhepunkt, als mir am morgen klar wurde, dass der September begonnen hat, mein September, der Monat an dem ich diesen Albtraum endgültig abschliessen kann. Anstelledessen lagen diese 77 Tage vor mir. Den ganzen Tag war ich traurig, verzweifelt, wütend, da war einfach nichts Gutes mehr in dieser Welt. Um vier Uhr ging ich nachhause, weil ich bei der Arbeit nix mehr auf die Reihe kriegte und ich hatte echt das Gefühl, als ob diese Verzweiflungsspirale nun zwei Monate weiter ihre Runden dreht.

Zuhause angekommen, legte ich mich aufs Sofa und plötzlich war es da, dieses achso geliebte und mir so bekannte Gefühl. Ich fühlte mich erst grad noch wie ein Ballon dem die Luft rausgelassen wurde und plötzlich spürte ich, wie irgend etwas mich auffüllt, ich konnte das schon fast körperlich fühlen. Eine Energie durchströmte mich, die mir in letzter Zeit so gefehlt hat……… und die Diashow ging los, inklusive dieser klugen Stimme, die alles kommentierte. Das klang dann beispielsweise so:

  • Ich: niemand versteht mich, alle halten mich für einen Mann der eine Frau sein will.
  • Stimme: inwiefern betrifft Dich das denn? Du weisst doch, dass Du eine Frau bist, was ändert sich daran, wenn andere Dich für n’Kerl halten? Würdest Du auf vier Beinen laufen, wenn sie Dich für ein Pferd hielten, würde Dich das zu einem Pferd machen?
  • Ich: öhm, nö, eigentlich nicht.
  • Stimme: Du bist wer Du bist und was Du bist, daran ändert sich auch nichts, egal was Andere für eine Vorstellung von Dir in ihrem Kopf haben.

In den meisten Fällen lief es darauf hinaus, dass diese kluge Stimme etwas sagte im Stil von: “und was geht Dich das an” oder “warum sollte Dich das interessieren” oder “inwiefern betrifft Dich das denn” und fast immer konnte ich der Stimme Recht geben. Ich erinnerte mich an meinen einstigen Blogbeitrag “Wer zeichnet mein Selbstbild“, in dem ich genau das predigte, das mir diese Stimme gestern wieder eintrichterte. Manchmal vergisst man seine eigenen Ratschläge, gut dass ich sie notfalls hier wieder nachlesen kann ;-)

Jedenfalls ist jetzt wieder Ruhe eingekehrt. Es gibt zwar noch Vieles, das ich jetzt aufarbeiten muss, vieles über das ich nachdenken muss, Dinge die ich angehen oder mich damit abfinden muss. Aber das Wichtige ist, dass wieder alles unter Kontrolle zu sein scheint.

Klar bleibt die Tatsache, dass ich kaum noch erleben werde, dass transsexuelle Menschen wirklich verstanden werden. Die Menschenrechtsverletzungen in der Behandlung von transsexuellen Menschen bleiben wohl noch länger ein Fakt. Das Lebensjahr, das mir gestohlen wurde im Verlauf dieser künstlich verlängerten Behandlungsphase, bleibt verloren. Aber all das – so ärgerlich und schmerzhaft es ist – ändert nichts daran, dass ich meinen Weg gehe, dass ich mich entfalte und mir die Lebensfreude erkämpfe, die für ein menschenwürdiges Leben nötig ist. Nur das zählt. Dieser Weg ist nicht leicht und Hindernisse gibt es viele, aber es gibt nichts, das mich noch aufhalten könnte – was brauche ich da mehr?

Ich glaub, diese “Auferstehung” muss gefeiert werden mit einem grossen Eimer Guinness. Zeit, diese Woche wieder mal ins Pub zu gehen :-) Prost!

Realismus und Bescheidenheit

Im Verlauf meines Transitionsprozesses habe ich mich zu einem kapitalen Denkfehler verleiten zu lassen. Viele positive Erlebnisse in meinem Umfeld und die Erfahrung, dass ich von Monat zu Monat glücklicher und befreiter werde, haben in mir Illusionen geweckt, ich gab mich der schönen Vorstellung hin, eines Tages ein ganz normales Leben zu führen und einfach eine ganz normale Frau zu sein, die als ebendiese wahrgenommen wird. Eine Vorstellung, von der ich zu Beginn dieses Prozesses nicht mal geträumt hätte, machte sich in meinem Kopf immer mehr breit. Damals war mein Überleben das Einzige was ich wollte, mehr zu erträumen war mir nicht möglich. Doch leider verstrickte ich mich in Träume und Hoffnungen, die mit der Realität nur noch wenig zu tun haben. Es ist höchste Zeit, diese Träume wieder der Realität anzupassen und meine Erwartungen an das Leben wieder in den Bereich des Möglichen zu verlegen.

Eines Tages werden wir offiziell zugeben müssen,
dass das was wir Realität getauft haben,
eine noch grössere Illusion ist, als die Welt des Traumes
(Salvador Dali)

Die letzten paar Monate haben mir auf tausend Arten vor Augen geführt, dass ich in dieser Welt und im speziellen in dieser Gesellschaft kein Verständnis erwarten kann. Im persönlichen Umfeld erlebe ich zwar eine nicht erwartete Akzeptanz, für die ich unglaublich dankbar bin – aber mehr ist nicht drin.

Als ich damals all meine Ängste überwand und zum ersten mal in mein Stamm-Pub stöckelte, erlebte ich dort ein unerwartetes Angenommensein, das mir sehr viel Kraft, Mut und Selbstvertrauen gab. Über ein Jahr lang ging ich immer wieder dahin, genoss immer wieder dieses Dazugehören, dort konnte ich erstmals die Frau sein, die ich solange verbergen musste. Im Gegensatz zu meiner Arbeitsstelle, in der man mich auch voll akzeptierte, gab es im Pub keine Vergangenheit, die mir anhing. Die Leute dort kannten nur Diana, sie wussten zwar von meiner Transsexualität, in ihrem Kopf gabs aber kein männliches Alter-Ego. Das war für mich eine neue Dimension des Ichseins und der Akzeptanz.

Erfolg macht übermütig, so gings auch mir, denn immer mehr begann ich zu glauben, dass das, was mir im Kleinen gelingt, auch im Grossen möglich wäre. Die Selbstverständlichkeit, mit der mich mein persönliches Umfeld annahm, weckte die Illusion in mir, dass die ganze Welt mich irgendwann als das sieht, was ich bin. Es weckte in mir immer mehr das Bedürfnis, unter die Leute zu gehen, Menschen kennen zu lernen, mich ihnen zu öffnen. Damit begann ein Traum, der mir schlussendlich fast das Genick gebrochen hätte, denn wer zuviel erwartet, wird zwangsläufig immer wieder enttäuscht.

In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf,
in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen. Nun wähle.
(Friedrich Nietzsche)

Jetzt, nach dem grossen Crash der letzten Wochen, nachdem ich langsam wieder beginne, rational zu denken, wird mir immer mehr klar, dass ich meine Erwartungen korrigieren muss. Optimismus ist eine gute Sache, aber es darf die Grenzen des Selbstbetrugs nicht überschreiten. Ich muss anerkennen und lernen hinzunehmen, dass ich in dieser Welt in der Regel nicht verstanden werde, weder von denen, die nichts über Transsexualität wissen noch von denen, die sich als Fachleute aufspielen. Ich muss anerkennen, dass mein gesellschaftlicher Status dem einer stigmatisierten und geächteten Gestörten entsprechen wird…… und ich muss mir die Frage stellen, warum mich das überhaupt interessieren müsste.

Früher hat man Menschen wie mich in Kliniken gesperrt, mit Elektroschock behandelt oder mit Bohrmaschinen unser Hirn ausgefräst. Heute gelten wir zwar nicht für weniger gestört als damals, aber heutzutage lässt man uns leben, ermöglicht uns sogar geschlechtsangleichende Massnahmen bis hin zu staatlicher Akzeptanz in Form einer Personenstandsänderung. Mit anderen Worten, man bekämpft uns nicht mehr sondern lässt uns leben, etwas Wichtigeres gibt es nicht für mich und daran muss ich mich festhalten.

Früher hätte ich auch im persönlichen Umfeld massive Anfeindungen erlebt, heutzutage, in einer doch einigermassen aufgeklärten und relativ toleranten Gesellschaft, akzeptiert man das Anderssein im Grossen und Ganzen. Das ermöglicht mir ein doch recht angenehmes Alltagsleben, in dem ich von Freunden und Arbeitskollegen geschätzt werde. Mein kleiner Freundeskreis und mein Arbeitsplatz nehmen den grössten Teil meines Lebens ein, wenn ich da einigermassen gut durchkomme, gibt mir das eine recht hohe Lebensqualität und genug Menschenwürde, um eine glückliche Frau zu sein.

Aber ich mache mich kaputt, wenn ich mir weiterhin einrede, dass mehr möglich wäre. Ich muss mir eingestehen, dass ich für diese Welt ein Kuriosum war, bin und immer bleiben werde. Damit lässt es sich leben, wenn man sich darauf einstellt.

Niemand halte mich für töricht;
wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Törichten,
damit auch ich mich ein wenig rühme
(2. Korinther 11,16)

Schon der gute Apostel Paulus wusste, dass man mit etwas Zynismus auch als geächteter Mensch seine Würde bewahren kann. Und auch wenn er es nicht so gemeint hat wie ich jetzt, so hat es halt doch etwas. Ob man mich für töricht oder eben gestört hält, bestimmt nicht, ob das was ich sage, tue oder bin, richtig oder falsch ist.

Heute kann ich mein Leben leben, kann mich selbst sein und mich entfalten, werde von einer wundervollen Frau geliebt so wie ich bin, werde am Arbeitsplatz geschätzt und von mir Nahestehenden respektiert. Das ist viel, sehr viel, damit lässt es sich leben…… aber mehr darf ich mir nicht mehr erhoffen und mehr darf ich nicht anstreben. Bescheidenheit mag als Tugend gelten, für Menschen wie mich ist es mehr als das, es ist Überlebensstrategie.

Heute kann ich mich selbst sein, das ist viel wert und der Preis dafür ist entsprechend hoch. Ich hatte die Wahl, ob ich mein Selbst entfalte um den Preis der Stigmatisierung. Ich habe gewählt und habe den Preis zu bezahlen………. bereuen kann ich das nicht, weil das Ichsein einfach jeden Preis wert ist.

Nachhaltig zerstört

Es ist fünf Uhr morgens und ich krieg immer noch kein Auge zu, mein Verstand dreht sich wieder im Kreis und stellt immer wieder dieselbe Frage. Wie unwichtig muss ich sein, dass man für einen Operationstermin ein halbes Jahr braucht? Mein psycho-emotionales Reparaturprogramm, das diese Woche endlich wieder seinen Dienst aufnahm, scheint erstmals in meinem Leben am Ende seines Lateins zu sein. Selbst die kluge Stimme in meinem Kopf, die ansonsten für jeden Irrsinn eine Erklärung findet, schüttelt nur ratlos den Kopf, wenn diese Frage zum tausendsten Mal gestellt wird. Im Mai wurde ich für die GaOp angemeldet, Mitte November wird sie nun stattfinden – so Gott will – so die Ignoranz nicht weiter siegt. Was soll ich von so einem Saftladen halten, der ein halbes Jahr braucht um einen Operationstermin festzulegen?

Diese universitäre Gleichgültigkjeit hat viel mehr in mir zerstört, als ich zu Beginn geahnt hätte, weil es zur letzten Bestätigung wurde, dass ich dort genauso wie in der grossen freien Welt kein Verständnis erwarten kann. Gestern wollte ich wieder mal ins Pub, hatte dort bereits abgemacht und freute mich darauf. Aber daraus wurde nichts, weil der Widerwillen, Menschen zu begegnen, einfach zu gross war. Morgen Nachmittag habe ich ebenfalls abgemacht, aber wenn diese Nacht so weiter geht, werde ich auch da absagen müssen.

Ich bin todmüde, möchte endlich schlafen, aber sobald ich die Augen schliesse, taucht diese Frage wieder auf und die Augen nässen sich, ohne dass ich richtig weine. Fassungslos betrachte ich die Tatsache, dass man ein verdammtes halbes Jahr braucht, um einen Op-Termin festzulegen. Resignierend muss ich anerkennen, dass diejenigen, von denen ich Hilfe erwartet hätte, sich einen Dreck darum scheren, ob ich gesund werden kann oder auf dem Weg dahin drauf gehe.

Wie soll ich je wieder Menschen vertrauen können, die keine Ahnung von Transsexualität haben, mir einreden, sie könnten mich verstehen, wenn selbst diejenigen offensichtlich null Verständnis haben, die angeblich Fachleute sind auf diesem Gebiet? Wenn ich nicht mal meinen behandelnden Ärzten vertrauen kann, wenn selbst die mich im Stich lassen und nicht im Geringsten ernst nehmen, wie soll ich da noch Vertrauen haben in diese Welt?

Immer wieder erschrecke ich, wenn ich mir vor Augen halte, wie zuversichtlich ich war bis zu dem Tag, an dem ich den Op-Termin bekam, an dem Tag, an dem das Fass übergelaufen ist. Wieviel Gleichgültigkeit muss in dieser Institution UniSpital herrschen, dass man sich so einer Ignoranz hingibt? Jaja ich weiss, es sind ja nur zwei Monate später, das ist ja nicht viel. Sorry, aber wer mir das einzureden versucht, reiht sich bei denen ein, die keine Ahnung haben, welchem Leidensdruck transsexuelle Menschen ausgesetzt sind. Jedes weitere Mal, wenn ich im Zug den Ausweis vorlege oder über Lautsprecher in männlicher Form ausgerufen werde, werden mir weitere Wunden in die Seele geschnitten.

Seit ich diesen Termin bekommen habe, dreht alles in mir komplett durch. Ich esse nachwievor kaum noch, kann oft nicht schlafen und wenn ich doch schlafen kann, erschüttern mich wildeste Albträume, so dass ich patschnass aufwache. Mein Zigarettenkonsum hat sich mehr als verdoppelt, weil meine Nerven permanent blank liegen und ich staune Bauklötze, dass ich deswegen immer noch nicht an einer Embolie abgekratzt bin.

Hilflos wie ein Blatt im Wind, fühle ich mich ausgeliefert, zum Spielball akademischer Idiotie geworden. Als gestört erklärt, einem EMRK-widrigen Behandlungsstandard unterworfen, meiner Menschenrechte beraubt. Nicht Frau, nicht mal Mensch, ich bin Nummer 10407503, Geschlecht “m”, mein Name in Klammer gesetzt, in Misshandlung Behandlung wegen Transsexualismus, mit erfolgreich abgeschlossenem Alltagstest, durchlaufener Hormontherapie, auf die lange Bank geschoben wegen prinzipieller Unwichtigkeit.

Unglaublich, wieviel Verbitterung man in einen Menschen pferchen kann, mit einem einzigen Brief, einem einzigen Datum, das nebst einem Zeitpunkt so viel sagt über die dahinterliegende Haltung, fern jeglicher Achtung, fern jeglichem Mitgefühl, jegliche Menschlichkeit vermissend.

Aber kann ich der Chirurgie überhaupt einen Vorwurf machen? Wie sollen sie die Dringlichkeit so eines Eingriffes begreifen, solange die Psychiatrie weiter den Mythos eines “Wunschgeschlechts” postuliert? Wunscherfüllung hat keine Priorität, so betrachtet handeln sie korrekt. Aber dürfte man in einem angebliche Kompetenzzentrum nicht erwarten, dass die beteiligten Abteilungen wissen, was sie da tun?

Ein Jahrhundert lang wurden transsexuelle Menschen von der Psychiatriesekte zu Gestörten ernannt und damit zum gesellschaftlichen Abschuss freigegeben. Die Elektroschocks und Hirnlobotomien fanden ein Ende, das dahinterliegende Denken ist geblieben, sowohl bei Fachleuten als auch in der Gesellschaft, die ein Jahrhundert lang die Verhöhnung Transsexueller erlernt hat. Die Zermürbungsstrategien sind subtiler geworden, man schindet Zeit mit sogenannten Alltagstests und verschleppten Terminen – der Zerstörungsgrad ist nachwievor unmenschlich – nicht zuletzt wegen der weiterhin aufrecht gehaltenen Psychopathologisierung..

Mit diesem letzten Vernichtungsschlag hat mich das UniSpital an einen Punkt gebracht, an dem ich von dieser Welt nichts mehr erwarte, als dass die Chirurgie im November endlich ihren verdammtene Job macht und die Welt mich dann in Ruhe leben lässt. Den Traum von Verständnis begrabe ich, spätestens jetzt, morgens um fünf Uhr, müde, erschöpft und verbittert. Nur noch eines erwarte ich, diese letzte medizinische Massnahme, dann kann mir diese Welt den Buckel runter rutschen.

Ein halbes Jahr für einen Termin! Ich fass es echt nicht…….

Transsexuelle Menschen in der Behandlungshölle

Die letzten Wochen habe ich viele emotional arg angespannte Beiträge geschrieben, entweder unter dem Eindruck einer heftigen Depressionsphase oder eines überbordenden Wutausbruchs. Nach meinem Ausraster letzte Nacht, möchte ich nun mal versuchen, etwas rationaler zu beschreiben, was ich an der Behandlung von transsexuellen Menschen kritisiere, vielleicht gelingt es mir so verständlich zu machen, weshalb diese GaOp Verschleppung in mir zu einem emotionalen Orkan wurde.

Der Weg von Verzweifelten
Um die Absurdität dieses Behandlungsprozesses verstehen können, muss man sich vor Augen halten, dass transsexuelle Menschen meistens erst zu einem späten Zeitpunkt Hilfe suchen. Viele von uns haben Jahrzehnte damit verbracht, das eigene Ich zu bekämpfen, versuchten sich zu konditionieren und scheitern doch zwangsläufig früher oder später, weil die Geschlechtsidentität nicht veränderbar ist und weil auf der anderen Seite ein Leben im falschen Körpergeschlecht eine nicht aushaltbare Diskrepanz zwischen Innen und Aussen bedeutet, an der man nur zerbrechen kann. Niemand will “dem anderen Geschlecht” angehören, niemand will lebenslang Hormone essen, sich einer so heftigen Operation unterziehen und eine allumfassende gesellschaftliche Stigmatisierung auf sich nehmen, das versucht man bis an die Grenzen des Erträglichen zu verhindern. Wer also eines Tages an die Tür eines Kompenzzentrums für Transsexualität anklopft, ist in der Regel seelisch ausgebrannt, hat die Grenzen des Erträglichen bereits weit überschritten und braucht dringend Hilfe, nicht irgendwann sondern jetzt in diesem Moment.

Stigmatisierung Geschlechtsidentitätsstörung
Um Hilfe zu erlangen, muss man sich eine Diagnose überstülpen lassen, die den Fakten spottet. Man wird etikettiert als geschlechtsidentitätsgestört, ungeachet der Forschungen aus der Hirnforschung oder der Genetik, die biologische Ursachen nachweisen konnten. Fakt ist, dass Hirn und Restkörper nicht demselben Geschlecht angehören. Unter dem Eindruck einer jahrhundertelangen Psychopathologisierung wird natürlich ein Hirndefekt vorausgesetzt, obwohl niemand den Nachweis erbracht hat und genausogut der Restkörper sich dem falschen Geschlecht entsprechend entwickelt haben könnte (wovon Betroffene aufgrund ihrer Selbstwahrnehmung ausgehen). Man muss sich einreden lassen, man hätte den “Wunsch” dem “anderen Geschlecht” anzugehören, obwohl dieser angebliche Wunsch eine Gewissheit und feste Überzeugung ist und obwohl man nicht dem anderen Geschlecht angehören will sondern nur den Restkörper dem wirklichen Geschlecht angleichen will. Diese Verdrehungen der Tatsachen und die daraus resultierende Psychopathologisierung werden nicht nur zum Fundament einer inadäquaten Behandlung und damit einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen sondern wird auch zum Fundament für eine gesellschaftliche Diskriminierung, in der transsexuelle Menschen als gestört bis hin zu pervers stigmatisiert sind.

Der Alltagstest – unterlassene Hilfeleistung der radikalen Art
Um in den Genuss dieser Psychopathologisierung zu kommen und sich damit die medizinische Behandlung zu verdienen, wird von transsexuellen Menschen ein sogenannter Alltagstest gefordert. Ein Jahr lang müssen sie in der wirklichen Geschlechterrolle leben (was von den Zynikern der Psychiatrie dann “Wunschgeschlecht” genannt wird). Gerade die erste Zeit ist unvorstellbar schwer, weil sich der Körper erst durch die Hormontherapie ein Stück weit dem wirklichen Geschlecht angleicht. Fürs Erste sieht beispielsweise eine transsexuelle Frau einfach aus wie ein Mann in Frauenkleidern. Erst durch die Hormontherapie wird der Gang an die Öffentlichkeit irgendwann einigermassen erträglich. Vorallem die Gesichtszüge sind dabei enorm wichtig. Die medizinische Versorgung wird jedoch während diesem Jahr verweigert. Man soll erleben, ob man den Alltag als transsexuelle Frau durchsteht, was faktisch eine Farce ist, weil man nicht das Leben als transsexuelle Frau sondern das Leben eines Mannes im Rock in die Gesellschaft tragen soll. Diese erste Zeit, die so schmerzhaft ist, wird durch diese unterlassene Hilfeleistung enorm in die Länge gezogen, was Betroffenen massiv zusetzt. Ein weiterer Grund für diesen Alltagstest soll darin liegen, dass die Psychologen eine Diagnose stellen können. Einerseits ist das purer Unsinn, weil niemand auf dieser Welt Transsexualität diagnostizieren kann, die Diagnose können nur Betroffene selbst stellen. Das Einzige, was Psychologen können, ist die Authentizität überprüfen – ungeachtet der Tatsache, dass wohl so manche nicht-transsexuelle Frau bei dieser Überprüfung durchfallen würde, weil sie die notwendigen Geschlechtsstereotypen zuwenig erfüllt. Absurd ist es aber im Speziellen bei jemandem wie mir. Ich kam dahin, mit einem Bericht meines Psychotherapeuten, der fast ein Jahrzehnt lang mit mir nach anderen Auswegen suchte. Sein Bericht wurde nicht in Frage gestellt, der Alltagstest trotzdem ein Jahr lang eingefordert.

Frau “spielen” ohne Identität?
Man soll während dieses Alltagstests als Frau leben, eine Ausweisänderung wird jedoch verweigert, weil die Anerkennung an die Sterilisierung gebunden ist. Reproduktionsfähige transsexuelle Menschen darf es nicht geben – ein letztes Erbe von Dr. Mengele und Konsorten. Für Betroffene bedeutet das, dass man im Alltag in unzählige Situationen kommt, die von unangenehm bis absolut entwürdigend empfunden werden. Ausweiskontrollen mit nicht zum Aussehen passenden Angaben, Probleme mit Kreditkarten, an Bankschaltern, man wird an offiziellen Stellen als Mann angesprochen, wird im Fall eines Unfalls oder im Fall juristischer Probleme in die Männerabteilung gesteckt u.s.w.

Zwangstherapie und Zwangssterilisierung
Man schätzt, dass etwa die Hälfte aller Betroffenen keine geschlechtsangleichende Operation machen wollen. Das kann verschiedene Gründe haben, die Angst vor den Strapazen und möglichen Komplikationen, das kann auch mit der sexuellen Ausrichtung zu tun haben, weil beispielsweise eine lesbische transsexuelle Frau ihre sexuellen Möglichkeiten mit der Partnerin nicht aufgeben möchte. Warum auch immer jemand sich gegen eine GaOp entscheidet, eine offizielle Anerkennung wird in diesen Fällen verweigert, Diagnose hin oder her, bleiben diese Menschen auf dem Papier dem falschen Geschlecht zugesprochen. Faktisch bedeutet das für Einige einen Sterilisationszwang und es gibt tatsächlich Betroffene, die gegen ihren Willen eine GaOp machen, damit sie die rechtlicher Anerkennung bekommen.

Hormontherapie
Nach einem Jahr Alltagstest-Folter wird dann die Diagnose offiziell bestätigt und man wird in die Endokrinologie überwiesen für die Hormontherapie, die dann ein Jahr dauert. Da viele der Betroffenen den Alltagstest nicht ohne Hormone durchstehen können oder wollen, greifen viele zur Selbstmedikation. Es ist ja mit sehr sehr viel Fantasie noch vorstellbar, dass Ärzte einem ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigern. Der Irrsinn übersteigt das Vorstellbare jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass zumindest mir sogar ein informelles Gespräch mit der Endokrinologin verweigert wurde. Man akzeptiert die Selbstmedikation, weil man weiss, dass man dies eh nicht verhindern kann, wäscht aber lieber seine Hände in Unschuld resp erfüllt die Behandlungsstandards, als dass man das Überleben der Betroffenen sichern würde. Ich habe beispielsweise regelmässig bei den psychologischen Gesprächen berichtet, was ich wie hoch dosiere. Als ich dann der Endokrinologin sagte, was ich ein Jahr lang genommen hab, war sie entsetzt, weil ich ausgerechnet die Pille erwischte, die das grösste Tromboserisiko hat, was bei einer Raucherin wie mir tödlich sein kann. Ein 30 Sekunden langes Telefon hätte gereicht, um mich zu warnen, damit ich auf ein anderes Präperat umstelle. Aber so Behandlungsstandards scheinen sakrosankt zu sein, da müssen Opfer in Kauf genommen werden.

Geschlechtsangleichende Operation
Die sogenannte GaOp – so glaubte ich – war der einzige Punkt in dieser Behandlungsodyssee, bei dem es nichts zu klagen gibt. Die plastische Chirurgie ist gerade bei uns transsexuellen Frauen zu wahren Wundern fähig und die Resultate sind sehr befriedigend – sofern es nicht zu schweren Komplikationen kommt (bei ca 10% der Betroffenen). Das Problem hier scheint aber, dass zumindest in Zürich die Chirurgie sich der Ernsthaftigkeit und der Dringlichkeit dieses letzten Schrittes nicht bewusst ist. Nur so lässt sich erklären, dass mein auf September frühzeitig angemeldeter Termin auf November verschleppt wurde. Als ich das erste Mal in der Chirurgie antrabte, fragte die Dame am Empfang allen Ernstes: “Gehen Geschlechtsumwandlungen unter kosmetische Operationen oder als Normale?”. Beängstigend, sich in so Hände zu begeben. Wie ich verschiedentlich gehört und gelesen habe, tun sich viele Chirurgen schwer mit GaOps. Sie kennen die Hintergründe zu wenig, sie sehen einfach die vermeintlich gesunden Zellklumpen und es fällt ihnen teils schwer, dieses als unversehrt wahrgenommene Organ zu zerlegen. Das dürfte einer der Hauptgründe sein, dass wir dort nicht grad mit Begeisterung empfangen und ernst genommen werden.

Zusammenfassung
In Kurzfassung heisst das also: Ich muss mich psychopathologisieren lassen, vor der ganzen Welt als gestört erklären lassen. Mit dieser Stigmatisierung wird dann erst ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigert, damit ich ein Jahr lang diese gesellschaftliche Stigmatisierung in vollen Zügen und unter erschwerten Umständen erleben darf. Falls ich mir selber helfe und selber Hormone nehme, verweigert man mir sogar dann eine Information, wenn ich falsche Medikamente nehme. Falls ich eine GaOp will resp brauche, wird das von der Chirurgie nicht genug ernst genommen und ich muss mit Verzögerungen rechnen. Falls ich keine GaOp will, verweigert man mir die Identität, eben weil transsexuelle Menschen sich nicht fortpflanzen dürfen.

Da kann man halt schon irgendwann durchdrehen
Wenn jemand wie ich all das durchlaufen hat, auch einen einjährigen Alltagstest, der spätestens in Anbetracht meiner jahrelangen Psychotherapie medizinisch völlig unbegründet ist, wenn ich nach einem Jahr erfahre, dass ich falsche Hormone erwischt habe, dies regelmässig berichtete und keinen Widerspruch erntete, wenn ich nebst dieser Behandlung all den gesellschaftlichen Verhöhnungen ausgesetzt war – dank einer unwissenschaftlichen Psychopathologisierung – wenn ich dann glaube, diesen Irrlauf endlich beenden zu können, kurz vor dem Ziel stehe und der versprochene Termin dann um zwei Monate verschleppt wird – aus purer Ignoranz heraus……….. ist es dann so schwer zu begreifen, dass vielleicht mit diesen lausigen zwei Monaten die Grenze meiner persönlichen emotionalen Misshandlungstoleranz überschritten wird und ich so gehörig ausflippe, dass erstmals ernsthaft eine Psychopathologisierung in Frage käme?

Die Kettenreaktion der Stigmatisierung
In diesen eineinhalb Jahren habe ich öfters als erträglich in Medien erleben müssen, dass diese sich dazu ermächtigt fühlen, transsexuelle Frauen mit dem Schimpfwort “Transe” zu belegen oder ignorant in der männlichen Form über uns sprechen. Und ich habe öfters als erträglich in Internetdiskussionen erlebt, dass man uns für gestört hält, dass man mir sogar den Wortlaut der Diagnosebibel ICD um die Ohren schlug, als Todschlagargument, das beweisen soll, dass wir ja nur Frauen sein wollen aber eigentlich gestört sind. Und ich habe öfters als erträglich bei gleichen Gelegenheiten erlebt, dass man uns für pervers hält, mit Verweis auf die Psychiatriebibel DSM, in der wir mit Pädophilen und Exhibitionisten in einen Topf geworfen werden. All das nagt an einem, reisst immer mehr Wunden in die Seele und bei all dem bleibt das Bewusstsein, dass all das der Verdienst einer Psychiatrie ist, die uns ein Jahrhundert lang fehldiagnostiziert hat und bis heute nicht bereit ist, diesen Fehler wiedergutzumachen………… dieser Medizinindustrie zu vertrauen, wird so von Monat zu Monat schwerer…….. man möge mir also bitte verzeihen, dass ich diesen Kreisen gegenüber langsam bissig werde.

Und trotzdem empfehle ich das UniSpital

In den letzten Wochen habe ich mich hier mehrmals über Fehler am Zürcher Universitätsspital und an den Behandlungsstandards ausgelassen, es ist überfällig, dass ich auch mal die andere Seite beleuchte, denn neben allem Ärgerlichen habe ich viel profitiert und bin allen Beteiligten für ihre Hilfe dankbar. Damit will ich keinesfalls meine Kritik relativieren, die Kritik bleibt aufrecht erhalten. Ich habe mich in den letzten Wochen öfters gefragt, ob ich es bereue, dass ich mich dort in Behandlung gegeben habe oder ob ich das UniSpital anderen transsexuellen Menschen empfehlen darf und soll. Zu meiner Überraschung (nach dem Frust der letzten Zeit), halte ich das UniSpital nachwievor für den richtigen Ort und würde ihn empfehlen.

Behandlungsstandards
Meine Hauptkkritik am UniSpital ist ja, dass sie einem antiquierten Behandlungsstandard folgen, der gemäss EU-Ministerrat gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstösst, der uns diese schwere Übergangsphase ein Jahr länger macht als medizinisch notwendig wäre. Darüber habe ich hier genug geschrieben. Aber schlussendlich könnte ich hier in der Schweiz hingehen wohin ich will, im Grossen und Ganzen halten sich alle an diesen Standard, weil ein umfangreiches Abweichen von diesem Standard die Krankenkasse mit Sicherheit zur Kostenverweigerung verführen würde. Das ist kein spezifisches Vergehen UniSpitals……. und doch gehören sie zu denen, die als Kompenzzentrum für Transsexualität den grössten Einfluss hätte auf diese Standards.

Vernetzung verschiedener Fachbereiche
Der grösste Vorteils eines Kompetenzzentrums wie dem UniSpital ist die Vernetzung aller Spezialisten, die für diese Behandlung notwendig sind. Sie arbeiten Tür an Tür, man ist sozusagen vom ganzen Team umgeben. Neben der psychologischen Abteilung, die den gesamten Prozess steuert, gibt es die Endokrinologie für die Hormontherapie, Logopädie und Phoniatrie für Stimmschulung und dann natürlich die Rekonstruktionsmedizin, die am Schluss die geschlechtsangleichende Operation durchführt. Man hat eine Anlaufstelle, an der man sozusagen von Abteilung zu Abteilung gereicht wird. Man hat dabei nichts zu tun, es heisst einfach: “ich melde Sie an” und wenige Tage später kriegt mam nächsten Departement einen Termin. Man muss auch niemandem was erklären, sie werden informiert und haben auf alle Informationen Zugriff. Da geht man sozusagen wie am Förderband durch diesen Prozess. Der Haken ist, dass man das Förderband nicht schneller laufen lassen kann, eben wegen den Standards, aber dafür kommt auch sicher eines nach dem Anderen.

Qualifizierte Fachleute, die Erfahrung mit transsexuellen Menschen haben
An Universitätsspitälern gibt es in der Regel viele gute Fachleute mit viel Erfahrung. Gerade die Erfahrung mit transsexuellen Menschen machen diese Ärzte zu perfekten Helfern. Ich möchte beispielsweise nicht von einem Chirurgen operiert werden, der keine Erfahrung mit GaOps hat. Da bietet das UniSpital einiges an Erfahrung, von der ich profitieren kann.


Freundlicher und einfühlsamer Umgang

Was mir sehr viel bedeutet, ist der freundliche und einfühlsame Umgang mit uns. Gerade weil die betroffenen Abteilungen seit Langem transsexuelle Menschen behandeln, sind wir nichts Ausserirdisches für sie, da gibts keine Berührungsängste. Ich wurde von allen, die mich direkt betreut haben, immer behandelt wie eine normale Frau, die “nur” ein Problem hat, das man gemeinsam lösen will. Dabei hatte ich immer den Eindruck, als Frau wahrgenommen zu werden…… Das hat rgendwie auch etwas surreales. Wenn man bedenkt, dass unsere Behandlung darauf basiert, dass man uns für gestört erklärt, ist der respektvolle Umgang schon etwas unerwartet. Und das hat zumindest mir das Selbstbewusstsein wirklich gestärkt. Mit meiner Logopädin habe ich unterdessen privat Kontakt, wir gehn demnächst mal was Trinken am Abend, ich find das sagt doch einiges aus :-)

Das Gutachten
Ein weiterer Vorteil des UniSpitals, den ich für enorm wichtig halte, ist die Sache mit dem Gutachten resp. der Kostenübernahme der Krankenkasse. Das UniSpital hat als Kompetenzzentrum einen entsprechend hohen Status. Es wär völlig absurd, wenn ein Vertrauensarzt der Krankenkasse ein Gutachten eines Kompetenzzentrums in Frage stellen würde, das zwei Jahre lang die Betroffenen betreut hat. Bei mir war es genauso. Ein Brief des Oberarztes und ohne Rückfragen oder Einbezug eines Kassenarztes bekam ich innert weniger Tage die Kostengutsprache für die GaOp.

Trotzdem meckern ist angebracht
Nun mag man sich mit Recht fragen, warum ich dann in letzter Zeit so rumgemeckert habe. Es gibt sehr viel, das es zu loben gibt, es gibt aber auch viel, das man kritisieren muss und es gibt Dinge, die man bekämpfen muss. Das Eine schliesst das Andere nicht aus. Diie Frage ist ja, ob etwas mehr gut oder mehr schlecht ist. Und dabei schneidet das UniSpital in meinen Augen gut ab. Die Frage ist vorallem auch, was für Alternativen man hat und im Vergleich dazu, scheint es mir doch der beste Weg zu sein. Aber solange es Dinge gibt, die gegen Menschenrecht und gesunden Menschenverstand verstossen, muss halt gemeckert werden, manchmal auch laut…….. und das, so scheint es mir, ist meine Berufung ;-)

Operation gelungen, Patientin gestorben?

Seit meinem “Nervenzusammenbruch” der durch die Verschleppung meines zugesicherten Op-Termins ausgelöst wurde, hat sich mein Rauchkonsum infolge des emotionalen Stresses verdoppelt – darüber habe ich hier irgendwo mal berichtet. Das ist insofern bedauerlich, weil das Rauchen genauso wie die Hormontherapie das Tromboserisiko ums zwanzigfache erhöht, was wiederum tödliche Embolien auslösen könnte. Eine Verdopplung des Nikotins ist brandgefährlich, aber in meiner jetzigen Verfassung kaum zu verhindern. Aber – wie ich soeben erfahre – ist die Tragweite dessen noch viel grösser und wirft erneut Fragen auf, die mich zusätzlich aufreiben.

Aufgrund meiner Schilderung hat mir mein Vater einen Zeitungsartikel geschickt, in dem es um die Heilungschancen von Operationswunden geht, im Speziellen um die Frage, inwiefern Rauchen da mit reinspielt. Was ich da zu Lesen bekam, war schockierend, im doppelten Sinn. Da Rauchen die Durchblutung des Gewebes behindert, halbiert sich sozusagen die Wundheilung. Das Worst-Case Risiko bei einer geschlechtsangleichenden Operation wäre ein Absterben der Klitoris aufgrund unzureichender Durchblutung. Dieses Risiko ist zwar klein, aufgrund meiner grad überbordenden Nikotinsucht dennnoch mindestens verdoppelt.

Schockierend daran ist, dass ich nicht zuletzt aufgrund der ärztlichen Vernachlässigung emotional so aufgerieben bin, dass ein Rauchstopp absolut undenkbar ist, es wäre nur eine Frage von Tagen, bis ich ganz zusammenklappen und irgendwo in einer psychiatrischen Klinik landen würde. Das Einzige, das ich mir jetzt noch zugute kommen lassen kann, ist ein Umstieg auf Nikotinersatzprodukte. Die sind zwar in vielerlei Hinsicht genauso schädlich, aber im Gegensatz zum Rauchen erhöht sich der Kohlenmonoxidgehalt im Blut nicht, der für die schlechte Durchblutung hauptverantwortlich ist. Ich kann wenigstens versuchen das Risiko zu vermindern, dank dem Hinweis meines Vaters.

Damit lande ich beim zweiten schockierenden Fakt, nämlich bei der Frage, weshalb ich so etwas von meinem Vater erfahren muss und nicht vom Chirurgen oder von der Endokrinologin, mit denen ich gesprochen habe. Der Chirurg erzählte mir zwar, dass man uns Raucherinnen im Spital auf Nikotinersetzprodukte umstellt, weil wie er sagt ein Entzug während dieser Heilungsphase einem psychisch so sehr zusetzen würde, dass damit die Heilung massiv behindert würde. Aber warum, muss ich mich heute fragen, hat er mir diese Sache mit der Durchblutung nicht erklärt und vorallem, warum hat er mir nicht wie in diesem Zeitungsbericht geraten, dass ich wenigstens ein paar Wochen vor der Op auf Ersatzprodukte umsteige?

Diese Frage reiht sich an eine Serie von anderen Fragen, die mich mit dem Gefühl konfrontieren, dass Menschen wie ich in dieser Institution irgendwie egal sind, dass unsere Gesundung keine Bedeutung hat. Man behandelt uns pflichtgemäss, treu den Behandlungsstandards folgend, zu mehr fühlt man sich nicht verpflichtet.

Einmal mehr bin ich diejenige, die versuchen muss, mein Überleben irgendwie zu gewährleisten. Einmal mehr fühle ich mich in den Händen von Fachleuten, für die ich mehr Patientennummer bin als Mensch. Einmal mehr wird mir die Bedeutungslosigkeit meines Daseins vor Augen gehalten – für gestört erklärt und im Stich gelassen.

Ich muss mir jetzt Gedanken machen, wie ich das Beste herausholen kann. Ein Rauchstopp ist wie gesagt undenkbar in dem Zustand, in den ich versetzt wurde. Es geht zwar langsam aber stetig aufwärts, aber nachwievor spüre ich, wie angeschlagen ich bin, sowohl körperlich als auch geistig. Fürs Erste muss ich weiter daran arbeiten, wieder einigermassen fit zu werden. Dann, spätestens in ein paar Wochen, muss ich meine Rauchgewohnheiten umstellen. Dass ich allein mit Ersatzprodukten klar komme, bezweifle ich in höchsten Mass, aber ich muss versuchen, wenigstens eine Teillösung zu finden. Das wird zu einer Gratwanderung, bei der ich dem Körper soviel Gutes tun kann wie es geht, ohne auf der psychischen Seite im selben Mass bachab zu gehen.

An manchen Tagen frage ich mich – zugegebenerweise als Ausdruck von purem Zynismus – ob diese Behandlungsstandards und der lieblose Umgang mit uns transsexuellen Menschen nicht eher eine Art Endlösung der Transsexuellenfrage sind. In einer Zeit, in der man uns nicht mehr mit Elektroschocks und Hirnlobotomien zerstören kann, scheint diese Zermürbungstaktik, die man beschönigend Behandlungsstandard nennt, die einzige Waffe zu sein, zur Reinhaltung des geschlechtsspezifischen Schwarz-Weiss-Denkens. Natürlich weiss ich, dass dem nicht so ist, da ist keine böse Absicht dahinter, zumindest nicht bei den “ausführenden Stellen”. Und doch bleibt die Erfahrung, dass man nichts tut, das es uns einfacher machen würde, zu überleben. Und das macht wirklich traurig.

Die unzugänglichen Ecken meiner Seele

Mich selbst zu beobachten und in mich hineinzusehen, ist etwas, das mich seit je her beschäftigte. Als Frau mit männlichern Geschlechtsmerkmalen drängt sich dieses Selbststudium zwangsläufig auf und die emotionalen Grenzerfahrungen infolge so einer Wesensart machen diese Selbstbefragungen zu einer überlebensnotwendigen Sache. Meist führt das Hineinschauen in die eigene Seele und die Konfrontation mit innersten Vorgängen zu Erkenntnis, die wiederum die Möglichkeit bieten, irgend etwas im Leben zu verändern, um den inneren Schmerz zu lindern. Das hat ein Leben lang funktioniert, weil ich mit der Zeit Expertin wurde in der Selbstbehandlung seelischer Extremzustände – bisher hat es funktioniert, bis vor wenigen Wochen, als ich den Glauben an die verloren habe, deren Hilfe ich brauchen würde.

Heute schaue ich in mich hinein, sehe Wunden die ich versorgen kann, finde Trauer die ich trösten kann, aber im Gegensatz zu früher scheint es da neuerdings dunkle Ecken zu geben, in denen ich nichts erkennen kann, obwohl ich das Stöhnen höre, das aus diesen Ecken klingt. Ich höre das Wimmern, manchmal erklingen Schreie, aber ich sehe nicht wer sie ausstösst und das macht es mir unmöglich, mir selbst zu helfen.

Nach meinem letzten Zusammenbruch vor einer Woche, gings schon am folgenden Tag aufwärts. Als ob das ein reinigendes Gewitter war, begann meine Selbstreparatur und es kam wieder Licht in mein Leben. Der Alltag hat wieder schöne Seiten, die Wut und Verbitterung klingt langsam ab, sogar ein Pub-Besuch an dem ich mich prächtig amüsierte war wieder möglich….. und ich beginne mich langsam auf die Tatsachen einzustellen. In zwei Monaten ist es soweit und ich kann diesen vierzigjährigen Albtraum beenden. Zwei Monate sind nichts im Vergleich zu der unerträglich langen Zeit bis hierhin. Ich rauche zwar nachwievor viel zu viel, was Ausdruck meiner Stressbelastung ist und das Essen geht auch nur deshalb, weil ich mich rational gesteuert dazu zwinge, auch ohne Appetit die Grundversorgung des Körpers zu gewährleisten, aber es geht doch stetig aufwärts, das ist beruhigend. Doch da ist etwas in mir, das mir neu ist, von dem ich nicht weiss wie ich es “bekämpfen” kann, weil ich es nicht mal erkennen kann, ich sehe diesen Feind nicht, nur seinen Schatten.

Es gibt zwei Schatten, Anzeichen dafür, dass da etwas Bedrohliches in mir lauert. Einerseits ist es eine Art ganzheitliche Erschöpfung. Ich bin oft extrem müde, egal wieviel ich geschlafen habe, es fühlt sich an als ob mir die Energiezufuhr gedrosselt worden wäre. Soweit eigentlich Anzeichen einer “Depression”, doch diese Diagnose würde nicht erklären, weshalb es mir im Alltag doch wieder verhältnismässig gut geht. Immerhin habe ich sogar mein Lachen wieder gefunden, das schliesst eine Depression definitiv aus.

Bedrohlicher sind die Nächte, die mir wie Sturrmglocken erscheinen, die mir auf dramatische Weise vor Augen halten, dass in mir die Hölle los ist. Da gibt es Nächte, in denen ich kaum schlafen kann, die kann ich rational erklären und die sind auch eher selten. Beängstigend sind die Nächte, in denen ich schlafen kann. Die ganze Nacht wälze ich mich hin und her, schwitze dabei oft so sehr, dass man am Morgen eine Pfütze im Bett findet, die zeigt, wo ich gelegen bin. Ich habs sogar schon geschafft, dass diese Pfütze einen weissen Salzrand hatte. Und die ganze Zeit habe ich beängstigende Träume, an die ich mich meist nicht erinnern kann, ich wache schweissüberströmt auf, fühle mich gehetzt wie ein Reh während der Jagdzeit, weiss aber nicht was ich geträumt habe, ich fürchte mich nur, wieder dahin zurück zu müssen. Wenn ich ausnahmsweise in Ansätzen erahnen kann, wovon ich geträumt habe, dann gibt es zwei Szenarien die auftauchen.

Oft geht es darum, dass ich von Juliet her nachhause reise und unterwegs zerbreche. Kürzlich klappte ich am Flughafen zusammen und jammerte nur noch heulend, ich wolle zurück zu ihr. Dieses Gefühl ist nachvollziehbar und ich kann mich damit trösten, dass unsere gemeinsame Zeit kommen wird, daran zeifle ich nicht im Geringsten.

Das zweite Szenario ist wechselhaft, es sind immer extrem entwürdigende Situationen, in denen mich jemand beispielsweise nackt sieht, in dem Zustand wie ich jetzt bin. Noch habe ich etwas zu verbergen, etwas wofür ich mich schäme, diese körperliche Anomalie, die mich in den Augen der Menschen zu einem Freak macht. Die Angst, von meinem Umfeld als “Frau mit Penis” gesehen zu werden oder wahrgenommen zu werden, scheint in mir einen immer grösseren Druck auszulösen, ein Druck, der von Tag zu Tag unerträglicher wird, der nun noch 63 Tage länger anhalten wird.

Albträume sind nichts Aussergewöhnliches, so versucht die Psyche, das nicht zu Verarbeitende doch zu verarbeiten. Was neu ist und was mich beängstigt, ist die Tatsache, dass ich im bewussten Bereich aufwärts gehe, während es im unbewussten Bereich abwärts geht. Das zeigt an, dass etwas ausser Kontrolle ist. Ich habe mich Zeit meines Lebens daran gewöhnt, dass ich diejenige bin, die sich immer wieder selber zusammenflickt und es ist mir stets gelungen, weil ich durch das Hineinschauen in mich erkennen konnte und zu verstehen lernte und weil ich so das emotionale Durcheinander rationalisieren konnte. Nun, zum ersten Mal, sind da diese dunklen Ecken und diese Dinger darin, von denen ich nicht weiss, wie gefährlich sie sind, deren Wesensart mir unbekannt ist. In meinem bewussten Leben ist eine trügerische Ruhe entstanden, unter deren Oberfläche es brodelt.

Ich zweifle eigentlich nicht daran, dass ich diese dunklen Ecken doch irgendwann ausleuchten kann, die darin lauernden Monster hervorzerren und mit dem Verstand besiegen kann. Aber ich weiss nicht, wann mir das gelingen wird und wieviel Schaden inzwischen in mir angerichtet wird. Ich habe echt Angst, dass mich diese im dunkeln lauernden Bestien in den nächsten zwei Monaten innerlich so zerlegen, dass ich in zwei Monaten mit zerfetzter Seele in den Op-Saal geschoben werde – weil ich jeden Morgen spüre, wie sie mich in der Nacht wieder ausgezerrt haben.

Was mich tröstet und mir trotzdem etwas Zuversicht lässt, ist einzig die Gewissheit, dass ich schon Unvorstellbares durchgestanden habe. Diese Überzeugung, dass mich nichts aufhalten wird. Es ist die Kriegerin in mir, die aus Erfahrung weiss, dass sie sogar mit zerfetzten Innereien noch zum Kämpfen in der Lage ist. Und es ist dieser unbeugbare Wille, diese letzte Schlacht zu gewinnen.

Letzte Woche habe ich ein berührendes Mail von einer deutschen TransFrau bekommen, zusammen mit einem Foto, das mir unvorstellbar viel Kraft gegeben hat. Es stammt aus einem Spital, zeigt ihren Körper, von ihrem Kopf aus aufgenommen. Es wirkt, als würde man aus ihren eigenen Augen sehen. Man sieht eine aufgeschlagene Bettdecke, man sieht Schläuche die irgendwo da unten herauskommen……. und man sieht, dass da kein unpassendes Geschlechtsteil mehr hervorragt. Dieses Foto hat sich in mein Hirn eingebrannt und wurde zu einem Mahnmal der Hoffnung. Ich kann dieses Bild jederzeit aufrufen in meinem Kopf und tue das oft. Es hält die erösende Hoffnung in mir wach, dass ich in zwei Monaten an mir herabsehen kann und genau das sehen werde. Egal in welchem Zustand ich bis dahin bin, dieser Moment wird kommen und das gibt mir unvorstellbar viel Kraft, Mut und Zuversicht.

Trotzdem erlebe ich mich in einem Zustand, der mir fremd ist, mit Dämonen in mir, die ich nicht sehen und deshalb auch nicht mit dem Schwert der Rationalität köpfen kann. Das hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst. Ich weiss nicht, wie gefährlich diese unsichtbaren Biester sind, weiss nicht welchen Schaden sie anrichten, ich weiss nur, dass sie da sind und dass sie in mir wüten.

Erkenne Deinen Feind, ist die erste Regel der Kriegerin. Zum ersten Mal nehme ich ihn war, ohne ihn zu sehen. Das Erkennen des Feindes wäre die Voraussetzung, ihn zu bekämpfen. Zum ersten Mal stehe ich blind auf dem Schlachtfeld des Lebens……… und das macht mir echt Angst.

Das Ende der Verbitterung?

Heute Nachmittag habe ich stundenlang mit mir gekämpft, ob ich die Psychotherapiestunde absagen soll. Ich fühle mich so erschöpft und habe momentan so eine Abneigung, unter Menschen zu gehen, dass ich lange mit mir gerungen habe. Ich war mir nicht sicher, ob ich unterwegs nicht in Tränen ausbreche oder ganz zusammenklappe. Schlussendlich habe ich mich widerwillig überwunden und bin froh, dass mir das gelungen ist, weil mein Therapeut eine spannende Frage aufgeworfen hat, die mir jetzt – je mehr ich darüber nachdenke – wieder Hoffnung gibt, dass dieser grad unerträgliche Zustand auch mal ein Ende haben wird.

Als ich ihm lang und breit meine Wut und Verbitterung darlegte, stellte er irgendwann die Frage, ob ich denken würde, dass diese Verbitterung sich nach der GaOp auflösen würde. Das ist alles andere als ein Detail, denn ich kann mit Wut umgehen, mit Trauer oder auch Verzweiflung. Aber Verbitterung zerfrisst einen Menschen wie Salzsäure, sie ist das übelste Gift in der Gefühlsküche, das eine Seele früher oder später in Stücke reisst. Im ersten Moment war ich unsicher, aber beim darüber Nachdenken auf dem Nachhauseweg, versuchte ich mir das so gut es geht vorzustellen, mich hineinzuversetzen, in die Momente die vor mir liegen, diese letzten zwei Meilensteine, die GaOp die meine Zerrissenheit auflöst und die Personenstandsänderung, die diesen Albtraum endgültig beendet. Wissen kann ich es nicht, das wird die Zukunft zeigen müssen, aber ich bin mir so sicher, dass ich kaum daran zweifeln kann.

Ja, ich bin überzeugt, dass mindestens die Hälfte dieser ätzenden Verbitterung sich in dem Moment auflöst, wenn ich nach der Op die Augen öffne und mich vergewissere, dass mein Körper nun endlich korrekt zusammen gebaut ist. Und ich bin genauso überzeugt, dass auch der Rest der Verbitterung verschwindet, an dem Tag, an dem ich meine neue Identitätskarte in den Fingern habe. Weil all das, was mich so zermürbt, was traurig und wütend macht, mich dann nur noch indirekt betrifft, weil ich dann keine transsexuelle Frau mehr bin sondern nur noch einfach eine Frau – möge die Welt darüber denken wie sie will – für mich und mein Selbstverständnis ist das so.

Was bleiben wird, ist die Trauer, für immer und ewig nicht verstanden zu sein, von Vielen belächelt zu werden, von Manchen ausgegrenzt. Aber mit Trauer kann ich umgehen, sie tut weh, aber sie kann mich nicht zerstören. Was bleiben wird, ist auch die Wut, auf eine medizinsche Elite, die uns wider wissenschaftlichen Fakten weiterhin für gestört erklären wird, die Menschenrechtsverletzungen zum sakrosankten Behandlungsstandard erhebt und uns das eh schon schwere Leben noch viel schwerer macht. Aber Wut kann man benutzen, um ebendies zu bekämpfen, wenn nicht für mich, so wenigstens für die, die nach mir kommen.

Aber all das, was traurig, verzweifelt und wütend macht, hat heute eine ganz andere Dimension, so lange, wie ich in diesen Körper eingesperrt bin, so lange wie man mir meine Identität verweigert. Man kann so Manches vergeben, zumindest ich kann das, aber nicht solange das Unrecht anhält und auf mich einwirkt.

Wenn alles durch ist, betrifft mich weder der Alltagstest, noch verweigerte medizinische Hilfe, noch Sterilisationszwang, noch Identitätsverweigerung. All das bleibt ein Fakt und wird wohl noch einige von uns in Zukunft töten (das darf wörtlich verstanden werden), aber es hat nichts mehr mit meinem eigenen Leben zu tun. Dann ist all das nur noch eine eklige Erinnerung an Dinge, die man mir angetan hat…… und mir nie wieder antun kann.

Ja, ich bin wirklich davon überzeugt, dass ich dann verzeihen kann. Vergebung ist die einzige Waffe gegen Verbitterung, aber sie lässt sich nicht herbeireden und durch kein Bekenntnis erzwingen, sie kann nur von innen kommen und das wird sie erst dann tun, wenn diese Quälerei ein Ende hat.

Dann, auch davon bin ich überzeugt, werde ich mein Lachen wieder für mich haben, dann werde ich den Kopf frei und das Herz rein haben, um die Ursprünge meiner einstigen Verbitterung zu bekämpfen. Und das – darauf kann die Welt ihren Hintern verwetten – werde ich tun, mit Leib und Seele. Dann werde ich mit Ruhe im Herzen und mit kontrollierter Wut dieses System bekämpfen, beginnend mit einer Heerschar dogmatischer Medizyner, über menschenrechtsverletzende Behandlungsstandards, ignorante Diagnosesysteme bis hin zu Medien, die für eine reisserische Schlagzeile über Leichen gehen.

Ich glaube tatsächlich, dass es so kommen wird, weil ich dann nicht mehr aus der Ohnmacht eines verzweifelten Opfers kämpfe sondern mit dem Geist einer Strategin, die nicht sich selbst schützen muss, nicht selbst unter Beschuss ist, sondern um der Sache selbst willen, mit kühlem Kopf das Schwert führen wird.

Vielleicht täusche ich mich, Gott möge meiner armen Seele gnädig sein falls dem wirklich so ist, aber wenn ich mich gedanklich und emotional in die Zukunft versetze und mich in diese zwei Momente hineinfühle, dann bin ich mir mehr als sicher, dass es so kommt.

Doch vermutlich täusche ich mich nicht, ich kenn mich gut genug……… die Psychiatriesekte und die Medienhaie sollten sich vorsorglich schon mal warm anziehen ;-)

Letzte Nacht hatte ich den gröbsten Albtraum meines Lebens. Ein stämmiger Kerl versuchte mich zu erwürgen. Es war so realistisch und es hat so weh getan, das kann man sich nicht vorstellen. Obwohl ich für so Situationen Befreiungstechniken kenne, mit denen ich mich sogar aus den Pranken eines Bodybilders winden könnte, wandte ich im Traum diese Hebelgesetze nicht an, ich zerrte nur von Todesangst getrieben an seinen Armen, was nicht funktionieren kann. Es war echt blanker Horror, vorallem weil ich es so körperlich fühlen konnte. Heute ging mir das immer wieder durch den Kopf. Was wollte mir mein Unterbewusstsein damit zeigen? Wenn man sich an der falschen Stelle oder auf die falsche Weise wehrt, bleibt man gefangen, solange bis man mit der Hebelwirkung das ganze Würgesystem aushebelt. Ich weiss, wie das geht, hab im Traum aber meine Kräfte vergeudet mit aussichtslosem und unkoordinierten Herumzerren. Den Hebel am richtigen Ort ansetzen, nicht gegen überlegene Kräfte ankämpfen, die Kräfte nicht am falschen Ort ansetzen, ruhig und überlegt handeln…………. ich glaub, da steckt viel Weisheit in diesem Ratschlag des Unterbewusstseins.

Ich bin sowas von froh, dass ich seit heute wieder daran glauben kann, dass diese unerträgliche Verbitterung ein Ende finden wird, glaubt mir, es gibt kein grässlicheres und zerstörerisches Gefühl als das. Danke, Doc!

Lebenslust ist manchmal rot….. und eng :-)

Kleider machen Leute, sag man ja, aber Kleider machen auch Laune, und wie :-) Nach meinem Erkenntnisschub gestern Abend hatte ich zwar wieder eine wenig erholsame Nacht, aber meine sich aufheiternde Stimmung fand den Weg in den heutigen Tag. Das war Grund genug, heute mein neustes Stretchkleid anzuziehen und damit zur Arbeit zu gehen…….. und das war ein guuuuuter Entscheid.

Zugegeben, das Kleid ist vielleicht a bissrl zu heiss für so n’normalen Arbeitstag, aber ich kenn mich gut genug um zu wissen, dass mir sowas gut tut. Ich durfte solange nicht anziehen was mir gefällt, dass ich es auch nach eineinhalb Jahren immer noch geniesse, wenn ich etwas sehr feminimes anziehen kann. Und da ich neuerdings ganz närrisch bin auf rote Stretchkleider, musste das halt einfach sein.

Es erstaunt mich immer wieder, wieviel Laune das machen kann. Es ist weniger das Kleid selber sondern die Tatsache, dass ich mir gefalle. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zu Beginn meines “neuen Lebens” konnte ich mich nicht wirklich über mein Aussehen freuen, ganz im Gegenteil, mein Selbstbewusstsein war im Keller und ich war mir sicher, dass ich die wirklich schönen Kleider nie anziehen kann. Wie man sich doch täuschen kann :-)

Damals, war der morgendliche letzte Blick in den Spiegel eine ziemlich zermürbende Sache, aber das änderte sich mit der Zeit und unterdessen ist es so, dass ich zumindest an guten Tagen in den richtigen Kleidern diesen letzten Blick in den Spiegel geniesse. Ich mag das Mädel, das mir da aus dem Spiegel entgegen guckt. Und im richtigen Fummel gefällt sie mir sogar. Und in so nem Kleid find ich sie sogar richtig toll :-) Und das tut sowas von gut, grad wenn man in einer eher weniger berauschenden Phase ist. Mich selbst zu mögen und im Speziellen mein Äusseres zu mögen, ist eine ganz neue Erfahrung. Und gerade weil ich das ein Leben lang nie hatte, geniesse ich es manchmal in vollen Zügen.

Kaum im Geschäft angekommen, spürte ich, wie gut ich mich grad fühle. Vorallem wenn ich durchs Office stöckelte, fühlte ich mich so richtig gut, da spürte ich meine ausgestrahlte Weiblichkeit mit jedem Atemzug. Ui ist das schön :-)

Als ich dann gegen Neun runter ging um mein Futter abzuholen, dass von einem Snackservice täglich gebracht wird, kam dann der beste Teil. Die Lieferantin schaute mir entgegen und sie wirkte richtig überrascht, lächelte mich an und sagte sinngemäss: “Wow, Du siehst ja super aus”. Das ist nicht das erste Mal, dass sie das sagte, aber sie sagt es auch nicht ständig, nur ganz selten, wenn es wirklich toll aussieht – das darf ich also wirklich als ernsthaftes Kompliment betrachten.

Den Rest des Tages war ich quietschvergnügt und ich könnte nicht sagen, ob es mehr mein gestriger Denkwechsel war oder mehr das Kleid und das Kompliment. Auf jeden Fall war die Welt mal wieder in Ordnung, das hat mir echt gefehlt in letzter Zeit.

Drum – schlau wie wir Blondinen nunmal sind – hab ich dann über Mittag dieses Kleid gekauft und weil ich grad schon dort im Onlineshop rumlungerte, gabs noch diese Stiefel dazu. Man gönnt sich ja sonst nix :-)

Man mag mir Oberflächlichkeit oder Eitelkeit vorwerfen deshalb, aber es bedeutet mir unheimlich viel, dass ich mir selbst gefalle und wenn ich dann noch gesagt bekomme, dass ich wirklich nett ausschau, dann stärkt das nicht nur mein halt immer noch etwas angeknackstes Selbstbewusstsein und – so seltsam es klingen mag – es wird für mich zum Zeugnis für meine Freiheit und für mein Ich-sein.

Ich glaub, ich muss in nächster Zeit öfters etwas overdressed rumlaufen, das ist Balsam für die Seele :-)

PS: das Foto selbst ist recht übel, halt wieder ein Selbstauslöserding, mal schnell nach der Arbeit bei schlechten Lichtverhältnissen geknipst, aber ich werds ersetzten, sobald ich ein besseres habe, das Kleid ist es wert, etwas vorteilhafter präsentiert zu werden………. und ich natürlich auch ;-)

PPS: hab grad den Ofen angemacht, hab mächtig Lust auf gaaaaanz viele knusprige Pouletflügel und Kroketten, na das nenn ich doch n’gutes Zeichen :-)

Das Drama des nie endenden Missverständnisses

Erfolg birgt die Gefahr, dass man aufgrund des Erfolgs die Erwartungen höher steckt. Das ist an sich logisch, birgt aber gerade für transsexuelle Menschen eine Gefahr. Denn wie überall im Leben gibt es Erfolgsgrenzen, die kaum überschritten werden können. Wer die Erwartung über diese Grenze stellt, wird zwangsläufig enttäuscht. So geht’s mir grad, ausgelöst durch ein relativ harmloses Ereignis, das mich dazu drängt, meine Erwartungen in Frage zu stellen.

Es gibt drei Stufen der Menschenwürde, die unterste Stufe ist Akzeptanz, die auch jemand wie ich erwarten kann. Die zweite Stufe ist Respekt, die ich zumindest erhoffen kann. Die dritte Stufe ist Verständnis, die ich leider nicht erhoffen kann. Für echte Wahr!nehmung wäre die dritte Stufe unabdingbare Voraussetzung und selbstverständlich wünschen sich alle Menschen, dass man sie als das wahrnimmt was sie sind. Für transsexuelle Menschen wird dieser Wunsch zum unerreichbaren Traum, der – wenn man ihn ernsthaft anstrebt – zum Albtraum werden kann.

Zu Beginn meines “neuen Lebens” hätte ich nie geglaubt, dass ich soviel Erfolg haben werde. Akzeptanz habe ich zwar erwartet, weil wir doch in einer recht toleranten Welt leben, in der man auch die akzeptiert, die man nicht versteht. Doch schon Respekt habe ich nicht erwartet, wie hätte ich das auch können? Ich war mir sehr wohl bewusst, dass man transsexuelle Menschen abschätzig als “Transen” betrachtet, dass Andersartigkeit ab einem gewissen Grad zu Spott und Hohn führt. Ich wusste, dass ich um meiner Wesensart willen belächelt werde. Doch gerade im persönlichen Umfeld, das ich gerne meine kleine heile Welt nenne, wurde ich mehr als positiv überrascht. Beispielsweise in meinem Pub akzeptiert man nicht einfach nur, dass ich halt auch da rumsitze sondern gibt mir auf vielfache Weise zu verstehen, dass man mich schätzt. Noch mehr spüre ich das im Geschäft, in dem ich tagtäglich fühle, dass ich als Frau respektiert werde.

Dass ich jemals wirklich wahr!genommen werde, war undenkbar, weil das voraussetzen würde, dass man mich versteht. Aber wie sollte man eine transsexuelle Frau verstehen und als Frau wahrnehmen, solange wir von einer faktenresistenten Mediziner-Elite als gestörte Männer klassifiziert werden? Doch der unerwartete Erfolg weckte sogar diese Hoffnung. Ich habe soviel Gutes erlebt, soviele Menschen die mich mehr als anständig behandeln, die meinen Lebensweg respektieren. Irgendwie führte das dazu, dass ich begann zu glauben, dass auch diese dritte Stufe irgendwann erreichbar sein würde.

Ob man mich wirklich als Frau wahrnimmt, zeigt sich vorallem dann, wenn die Sprache nicht bewusst kontrolliert wird. Im Speziellen zeigt sich das dahinterliegende Denken in der indirekten Ansprache, wenn aus mir zwischendurch ein “er” anstatt eine “sie” wird. Das zeigt, dass ich in den Köpfen der Menschen trotz allem respektvollen Umgang halt doch ein Mann – zumindest ein “ehemaliger Mann” bin.

Wenn das Menschen passiert, die mich seit Langem kennen, die mich jahrelang in einer männlichen Geschlechterrolle erlebten, dann kann ich relativ gut damit leben. Unterdessen passiert das sogar bei diesen Menschen sehr selten, das tut gut, wirklich! Es sind vorallem Momente, in denen man etwas aus der Vergangenheit erzählt, dann sehen die Leute in ihrem Kopfkino natürlich nicht Diana sondern diesen von mir damals inszenierten Mann. Dass dann ein “er” durchrutscht, ist verständlich und einigermassen erträglich.

Bei Leuten, die mich als Diana kennen gelernt haben, gibts das eigentlich nicht, weil es da diese Vergangenheit nicht gibt, weil keine Bilder von früher im Kopf rumspuken, die mich mit männlichem Äusseren zeigen. Es gibt einige Menschen in meinem Leben, die ich erst in diesen eineinhalb Jahren kennengelernt habe, die nichts Anderes als Diana kennen. Der Umgang ist in der Regel viel natürlicher und es gab genug überraschende Situationen, wenn mich beispielsweise ein Mann so begrüsst, wie man nur Frauen begrüsst oder wenn eine Frau mit mir über Dinge spricht, über die man nur unter Frauen spricht. Solche Erlebnisse, die meine Erwartungen und Hoffnungen bei Weitem überschritten, für die ich zutiefst dankbar bin, haben in mir den Traum geweckt, dass man mich wirklich wahrnimmt, als das was ich bin.

Aber wenn dann ausgerechnet bei so jemandem, der mich zu 100% als Frau behandelt, bei dem ich mich voll und ganz als Frau wahrgenommen fühle, plötzlich und vielleicht sogar einmalig ein “er” durchrutscht, dann wird der Traum zum Albtraum und die Hoffnung, die schon fast zur Erwartung wurde, wird als Illusion entlarvt. Es zeigt, dass ich sogar in den Köpfen derer, die mich mehr als alle Anderen als Frau annehmen, doch schlussendlich ein “er” bin. Das tut weh, viel mehr als alle anderen “er” Formulierungen – und es desillusioniert.

Spätestens hier muss ich mich damit abfinden, dass ich auch bei höchstem Respekt doch nie wirklich wahrgenommen werde. Wie konnte ich mir nur erhoffen, dass Menschen trotz hundert Jahren Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen verstehen könnten, dass da tatsächlich eine Frau vor ihnen steht? Vielleicht könnten sie das, wenn ich mein Hirn in Scheiben geschnitten auf den Tisch legen könnten, wenn sie mit eigenen Augen sehen könnten, dass da ein weibliches Hirn vor ihnen liegt. Aber das geht nicht, so gern ich das tun würde.

Ich muss Abschied nehmen von der Hoffnung, dass man mich sieht wie ich bin, es scheint einfach nicht möglich zu sein, in einer Welt, die ihr Selbst in ihre Genitalien verortet. Ich wünschte mir, ich hätte nie angefangen darauf zu hoffen, es wär mir eine grosse Enttäuschung erspart geblieben. Denn schlussendlich kann ich froh sein, dass ich wenigstens die ersten zwei Stufen beschreiten kann, dass ich von einer überwältigenden Mehrheit nicht nur akzeptiert sondern respektiert werde, viel mehr als ich erhofft hatte. Das ist unglaublich viel Wert, das ist sozusagen das Fundament der Menschenwürde, die Minimalvoraussetzungen, um ein einigermassen würdiges Leben zu führen.

Vor langer Zeit habe ich hier mal geschrieben: “Es gibt wohl keine grössere Herausforderung als ein Ziel anzustreben, das nie wirklich erreicht werden kann.”. Diese Unerreichbarkeit des absoluten Ziels habe ich scheinbar vergessen, ich sollte mir das wieder mehr vor Augen halten. Das soll und darf und wird mich nicht daran hindern, dass ich das Ziel weiter anstrebe, aber ich darf mir dabei nicht einreden, ich würde es irgendwann tatsächlich voll und ganz erreichen. Das was ich erreichen kann und das was ich erreicht habe, ist viel, sehr viel. Daran muss ich mich festhalten.

Und doch, unmöglich ist es doch nicht, denn es gibt einen einzigen Menschen, von dem ich die absolute Gewissheit habe, dass ich so als Frau wahr!genommen werde wie ich bin – ohne jede Einschränkung…….. dafür bin ich Juliet bis in alle Ewigkeit dankbar.

Transsexualismus – Faktenresistenz der Psychologie

Mehrmals habe ich mich hier lauthals über die Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen beklagt und dabei immer wieder die Faktenresistenz der Psychologen, Sexologen und Psychiater angeprangert, die ungeachtet wissenschaftlicher Fakten um die biologischen Ursachen von Transsexualität nachwievor an ihrer jeglicher Menschenwürde spottenden Psychopathologisierung festhält. Momentan lese ich das Buch einer Psychotherapeutin namens Brigitte Vetter mit dem Titel “Transidentität – ein unordentliches Phänomen”, in dem die Authorin in faszinierender Weise ihre eigene Faktenresistenz demonstriert und so ein prächtiges Fallbeispiel ist für die Ignoranz einer Parawissenschaft namens “Psychologie”. Schon die Tatsache, dass die Authorin transsexuelle Frauen als transsexuelle Männer betitelt, das Begehren transsexueller Menschen als “Wunsch” qualifiziert oder geschlechtsangleichende Massnahmen als Geschlechtsumwandlung benennt, zeugt von einem radikalen Fehldenken. Dieses Buch möchte ich zum Fallbeispiel machen und die dort präsentierten Denkfehler analysieren. Dabei geht es nicht um die Authorin, die sich als Expertin aufspielt, obwohl sie in ihrer Schreiberei ein völliges Unverständnis demonstriert. Viel mehr geht es um das dahinterliegende Denken, das sie repräsentiert, das in der Psychologensekte leider weit verbreitet ist.

Ein kleiner geschichtlicher Rückblick
Seit je her gab es in allen Kulturen Menschen, die Geschlechtergrenzen überschritten. Die Psychopathologisierung nahm ihren Anfang Ende des 19. Jahrhunderts, als Richard von Krafft-Ebbing 1886 in “psychiatrisch-wissenschaftlichen Falldarstellungen” berichtet von “Männern, die dranghaft Frauenkleider tragen, unter ihrer Geschlechtszugehörigkeit leiden und sich dem anderen Geschlecht seelisch zugehörig fühlen”. 1870 beschrieb der Psychiater Carl Friedrich Otto Westphal solche Fälle erstmals mit dem Begriff “konträre Sexualempfindung”. Damit begann die Psychiatrie dieses Phänomen unter skurilsten Bezeichnungen aufzunehmen wie beispielsweise “Geschlechtsumwandlungstrieb” oder “erotischer Verkleidungstrieb”. Wie immer, wenn die Psychiatrie sich resp. den Betroffenen nicht zu helfen weiss, wurden Betroffene erst mal in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen und dort mit Elektroschocks, Insulinschocks bis hin zu Hirnoperationen “behandelt”, so wie man das auch mit homosexuellen Menschen machte oder mit “frigiden Frauen”. Im Jahr 1910 prägte der deutsche Sexualforscher Magnus Hirschfeld den Begriff “Transvestitismus”, im Jahr 1923 unterschied derselbe Hirschfeld erstmals zwischen “Transvestitismus” und wie er es nannte “seelischem Transsexualismus”. Im Jahr 1949 setzte sich im anglo-amerikanischen Raum durch David Oliver Cauldwell der Ausdruck “Psychopathia transsexualis” durch. Eine ernsthafte Unterscheidung dieser zwei komplett unterschiedlichen Phänomene wurde erst 1953 durch Harry Benjamin geprägt, der “Transvestitismus” und “Transsexualismus” klar unterschied und auch den Verdacht äusserte, dass Transsexualismus eine Form von Intersexualität sein könnte (Harry Benjamin Syndrom), was jedoch von den anderen Psychologiegläubigen nicht in Betracht gezogen wurde. Erst in den letzten zwanzig Jahren begannen auch andere Wissenschaftszweige dieses Phänomen zu untersuchen und man entdeckte, dass Transsexualität biologische Ursachen hat. Einerseits fand die Molekularbiologie genetische Marker, die aufzeigten, dass transsexuelle Menschen beispielsweise im Bereich der Androgen-Rezeptoren “genetische Auffälligkeiten” hatten. Der Durchbruch kam dann aus der Hirnforschung, als das Wissenschaftsmagazin “Nature” Studien veröffentlichte, die zeigten, dass die für die Geschlechtsentwicklung zuständige Hirnregion BSTc bei transsexuellen Frauen dieselbe Neuronendichte hat wie bei anderen Frauen, dass transsexuelle Frauen also faktisch eine weibliche Hirnanatomie haben (Zhou, Hofman, Gooren, Swaab). Diese Fakten über biologische Ursachen wurden von der Psychiatriesekte zwar zur Kenntnis genommen, ohne sie jedoch ernst zu nehmen, man war nach einem Jahrhundert Psychopathologisierung viel zu sehr auf die angebliche “Geschlechtsidentitätsstörung” eingeschossen.

Zwischenbemerkung
Bis hierhin ist dieses Buch informativ, so konnte ich auch diesen geschichtlichen Rückblick aufgrund ihrer Angaben zusammenfassen, einzig der Schluss musste von mir ergänzt werden, weil die Authorin bezeichnenderweise gerade in diesem Bereich blind zu sein scheint auf einem Auge, denn beispielsweise die Forschungsresultate betreffend der Hirnregion BSTc werden von ihr vollständig ausgelassen – es ist nicht, was nicht sein darf. Irrwitzig wird das Buch – wie alle Bücher aus der Ecke der Psychologiegläubigen – wenn es um die Ursachen von Transsexualität geht. Hier zeigt sich auf geradezu groteske Weise, dass die Psychologiegläubigen wie alle anderen religiösen Fanatiker mit unterschiedlichen Massstäben messen. Was ihren heiligen Büchern widerspricht, wird kategorisch als “nicht erwiesen” dargestellt. Was ihren heiligen Büchern entspricht, wird bis zum unumstösslichen Gegenbeweis aufrecht gehalten, mag es auch noch so realitätsfremd und widersprüchlich sein. Diese einseitige Wahrnehmung ist jeder Wissenschaft unwürdig, aber wie bereits erwähnt, ist Psychologie keine exakte Wissenschaft sondern eher eine Parawissenschaft. Sie beruht nicht auf Beweisen sondern auf willkürlich aufgestellten Thesen, die als gültig gelten, bis sie widerlegt sind. Da kann man auch wie der koksende Psychologengott Sigmund Freud mal schnell allen Frauen kollektiv einen Penisneid unterstellen oder wie der Zürcher Psychiater und Eugeniker Auguste Forel andersartige Menschen wie beispielsweise Fahrende (Zigeuner) als “geistesschwach” klassifizieren und zwangskastrieren. Welche obskuren Auswüchse diese akademisch gesegnete selektive Wahrnehmung mit sich bringt, zeigt sich in diesem Buch auf faszinierende und wie ich meine demaskierende Weise.

Biologische Ursachen von Transsexualität
Bei der Beschreibung der “biomedizinischen Ursachen” hält sich die Authorin kurz und spürbar ablehnend. Sie beschreibt kurz die Forschungsresultate des Neuroendokrinologe Günter Karl Stalla und seiner Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München (2006), die ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung nahelegen, fegt das aber vom Tisch mit der abwertenden Aussage, dass diese Ergebnisse keine “biologischen Beweise” für Hormonstörungen seien. Bei den “hirnanatomischen Befunden” (BSTc), nennt sie nicht mal die Authoren der Studie oder sagt etwas über die Hirnquerschnitte, die sogar vom Auge betrachtet werden können, anstelle dessen fegt sie auch das vom Tisch, das sei “wissenschaftlich nicht gesichert”. Zu diesem Thema äusserte sich auch mein Oberarzt vom Zürcher Universitätsspital anlässlich eines Vortrags, sinngemäss sagte er: “Wenn man einen Hirnquerschnitt mit dieser Hirnregion BSTc einer transsexuellen Frau einem Neurologen auf den Tisch legt, wird er das Hirn ohne zu zögern als weiblich klassifizieren”. Nicht gesichert? Weiters geht sie kurz auf die Erkenntnisse aus der Genetik ein, beginnt sicherheitshalber mit dem Hinweis: “Chromosomenaberrationen konnten bislang als Ursache nicht nachgewiesen werden” und erzählt dann kurz von Studien, die Veränderungen in drei Genen zeigten, die für die Ausbildung von Androgenrezeptoren und Östrogenrezeptoren zuständig sind (z.B. CYP17). Ist beispielsweise das Gen für die Ausbildung der Androgenrezeptoren länger, ist die Testosteronaufnahme geringer. Dass das für Transsexualität ursächlich sein könnte, hält sie aber eben für “nicht gesichert”.

Unterschiedliche Massstäbe
Soweit, sogut, könnte man sagen, all die Forschungsresultate zeigen zwar klar, dass Transsexualität in verschiedener Weise körperliche Ursachen hat. Ein absoluter Beweis ist das nicht. Auch wenn transsexuelle Menschen genetische Auffälligkeiten haben, die zuuuuuufällig mit der körpereigenen Hormonverwaltung in Zusammenhang stehen und auch wenn die Hirnregion die für die Geschlechtsentwicklung zuständig ist, zuuuuuufällig dieselbe anatomische Struktur (Neuronendichte) hat wie die “normalen weiblichen Gehirne”, so ist das kein absoluter und unumstösslicher Beweis für deren Ursächlichkeit. Aber – und hier wird es entlarvend – weshalb wird im Bereich der Genetik und der Neurologie ein absoluter und unumstösslicher Beweis verlangt, auf Seiten der psychologischen Erklärungsansätze jedoch jede auch noch so bizarre These als möglich betrachtet, auch wenn all diese psychologischen Thesen einander gegenseitig widersprechen. Bei den biologischen Ursachen sagt die Psychologie, diese seien nicht bewiesen bei den psychologischen Thesen, die sich auf keinerlei wissenschaftliche Studien stützen, sagt man, sie seien nicht widerlegt? Selektive Wahrnehmung?

Psychologische Thesen – Geschlechtsidentitätsstörung
In den nächsten Kapiteln beschreibt die Authorin dann umso leidenschaftlicher verschiedenste psychologische Thesen für die Ursachen von “Geschlechtsidentitätsstörungen”. Dort wird nie darauf hingewiesen, dass die Thesen “nicht bewiesen” sind und die Authorin stört sich auch nicht an der Widersprüchlichkeit dieser Theorien, mittels derer transsexuelle Menschen für gestört erklärt werden. Um die Widersprüchlichkeit der psychologischen Wahrsagekunst zu kaschieren, beginnt die Authorin mit der Einleitung: “Aufgrund der Vielfalt der Entwicklungen, die in Transsexualität münden können, ist eine einheitliche, spezifische oder gar monokausale psychologische Verursachungstheorie nicht möglich”. Dann geht es los mit einer Auswahl an psychologischen “Meinungen”, die vorallem in der Gegenüberstellung an Realsatire kaum zu überbieten sind.

  1. Transsexualität sei die Folge einer erfolglosen Loslösung von der Mutter, aufgrund dessen die Entwicklung einer innerpsychischen Selbstständigkeit scheiterte (z.B. Person und Ovesey 1974 resp. Socarides 1969).
  2. Transsexualität sei eigentlich eine verdrängte Homosexualität. Weil diese verdrängt wird, würde es zu einem “Geschlechtsumwandlungswunsch” kommen, um damit die Sexualität zu legitimieren (z.B. Socarides 1969). In Anbetracht davon, dass es lesbische TransFrauen gibt, ist das mehr als absurd.
  3. Transsexualität sei eine Form des Borderline-Syndroms. Es hat zwar eine völlig andere Symptomatik und transsexuelle Menschen erfüllen die Diagnosekriterien für ein Borderline-Syndrom nicht annähernd, aber man kann’s ja trotzdem mal so postulieren.
  4. Transsexuelle Menschen seien so geworden, weil die Eltern unbewusst ein Kind des anderen Geschlechts wünschten. Das ist statistisch längst widerlegt, aber man kanns ja trotzdem weiter für möglich halten.
  5. Transsexualität sei eine “narzistische Plombe”, mit der vereinfacht gesagt Verlustängste kompensiert werden indem man selbst zur gegengeschlechtlichen Bezugsperson wird (z.B. Morgenthaler 1974).
  6. Transsexualität sei eine Folge eines fehlenden oder mangelhaften gegengeschlechtlichen Vorbildes. Auch das ist statistisch widerlegt, klingt aber so gut, dass man es weiter für möglich hält.
  7. Transsexualität sei eine Reaktion auf eine emotional abwesende und männlich identifizierte Mutter (z.B. Stoller 1979).
  8. Für Stoller-Schüler Lohstein (1979) ist Transsexualität Folge verhinderter Verselbstständigung, weil diese nur in geschlechtsneutralen Bereichen zugelassen worden sei.
  9. Wer’s ganz skuril mag, hält sich an Stoller (1979), der die Ursache darin sieht, dass die Grossmutter die Mutter als Neutrum behandelt hat. Man fragt sich da spontan, was für Drogen dieser Stoller geraucht hat und weshalb er so hoch dosierte.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern und soll auch nur eine kleine Auswahl an Absurditäten aufzeigen. Diese neun Beispielthesen sind natürlich stark verkürzt, sagen aber grad in dieser kurzen Vereinfachung die Widersprüchlichkeit untereinander. Diese psychologischen Erklärungsmodelle sind zu vielfältig um sie hier detailierter zu betrachten, ich werde aber einzelne dieser Thesen in separaten Beiträgen beleuchten, zwei davon sind bereits fast fertig und werden bald hier zu lesen sein.

Auffällig ist, dass diese Thesen grösstenteils zwischen 1960 und 1980 postuliert wurden, mittlerweile also bestenfalls dreissig Jahre alt sind. Fast ausnahmslos konnten diese Thesen statistisch widerlegt werden, für möglich gehalten werden sie aber von Psychologiegläubigen bis heute.

Dass diese Authorin im Jahr 2010 solchen Quatsch auflistet, diese widersprüchlichen und grösstenteils widerlegten Thesen für möglich hält, im Gegenzug dazu jedoch wissenschaftliche Fakten aus der Genetik und Neurologie als “nicht erwiesen” abtut, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Aber aller Realsatire zum Trotz, solche Bücher betonieren eine Stigmatisierung von transsexuellen Menschen mit veralteten Vorurteilen, solche Bücher haben das Potential, Menschen zu töten.

Fortsetzung:
Transsexualität und Homosexualität
Transsexualität und Borderline-Syndrom
Primäre und sekundäre Transsexualität
Mein zwiespältiges Verhältnis zur Psychologie

Ergänzend möchte ich noch auf spannenden Beiträge hinweisen, die diese Thematik gut ergänzen:
BadHairDays: Die Suche nach dem heiligen Gral
ATME: Biologische Ursachen
Wissenschaftliche Dissertation von Eva Krause
Milton Diamond: Medizinische Ursachen für Transsexualität (Kapitel 2)

NACHTRAG: Aller Kritik an diesem Buch zum Trotz muss ich der Authorin doch zwei Dinge zu Gute halten. Erstens hat sie richtig erkannt, dass eine transsexuelle Frau mit einer auf Männer fixierten Geschlechtsorientierung heterosexuell ist resp. umgekehrt ich als transsexuelle Frau die auf Frauen fixiert ist lesbisch ist. Zweitens betont sie die Vielfalt von Geschlechtern oder postuliert teilweise im Sinne Rauchfleischs Transsexualität als Normvariante. Auch sonst findet man in diesem Buch teils gute Denkansätze im Vergleich zu früheren Abhandlungen anderer Psychologen. Aber wenn jemand in Jahr 2010 Transfrauen als “transsexuelle Männer” betitelt, von Geschlechtsumwandlung oder Wunschgeschlecht spricht und sogar wissenschaftliche Fakten die eine Entstigmatisierung bedeuten würden auslässt, dann ist das ein Armutszeugnis für so ein Buch resp. ihre Authorin – und verdient somit trotz guter Ansätze den Vorwurf der Faktenresistenz.

Transsexualität und Homosexualität

Wie im letzten Beitrag über die Faktenresistenz der Psychologie berichtet, begegnet einem in dieser Thematik ein realitätsfremder Fundamentalismus, wie er sonst nur unter ultraorthodoxen Fanatikern üblich ist.

Es werden Thesen aufgestellt ohne sie belegen zu können, die wiederum werden schon bald mal zu Dogmen ernannt und von da an herrscht selektive Wahrnehmung in diesen psychiatrischen Hirnen.

Ich möchte nun die wichtigsten dieser Hypothesen beleuchten und beginne mit einer der ältesten Mythen der Transsexuellen-Psychologie, der Behauptung, Transsexualität sei eine Art verdrängte Homosexualität.

Realitätsfremdes Festhalten am Trans=Homo Mythos
Obwohl diese These in Fachkreisen kaum nicht ernst genommen wird, gibt es nachwievor einzelne Psychologiegläubige, die wider aller Vernunft an dieser These festhalten. Tragisch daran ist die Tatsache, dass die jahrzehntelange Predigt dieses Mythos in den Köpfen der Bevölkerung ihren Platz gefunden hat und dort kaum noch rauszukriegen ist. Ich erlebe immer wieder völlig erstaunte Gesichter, wenn ich jemandem sage, dass ich auf Mädels steh. Ja aber warum machst Du denn sowas, wenn Du doch auf Mädels stehst? Na weil es eben um die Geschlechtsidentität geht und nicht um die sexuelle Orientierung. Es gibt heterosexuelle Frauen und es gibt lesbische Frauen, warum soll das bei transsexuellen Frauen anders sein? Die Vorstellung, eine transsexuelle Frau könne nicht lesbisch sein, ist etwa so absurd wie die Behauptung, Asthmatiker könnten keine Bauchschmerzen haben. Schauen wir uns das mal in Ruhe an.

Freiwillige Vervielfachung der Stigmatisierung?
Homosexualität ist unterdessen hierzulande recht akzeptiert, man kann niemanden mehr erschüttern mit einem homosexuellen Outing. Es gibt da zwar noch viel Diskriminierungen auszuräumen, aber ein Drama ist Homosexualität bestenfalls noch bei strengreligiösen Familien. Transsexuelle Menschen lösen hingegen nachwievor ein Vielfaches mehr Irritationen aus, dieses Phänomen ist viel schwerer zu verstehen und die Stigmatisierung geht viel viel weiter als bei homosexuellen Menschen. Würde also jemand seine Homosexualität verdrängen und sich anstelle dessen eine Transsexualität einreden, was in aller Welt hätte er damit gewonnen? Tauscht man eine gesellschaftlich doch recht akzeptierte Andersartigkeit ein gegen etwas, das von den Meisten für komplett gestört betrachtet wird? Spätestens seit 1973 Homosexualität aus den medizinischen Diagnosebibeln gestrichen wurde und nicht mehr als krankhaft betrachtet wird, dürfte es – würde diese Trans=Homo-These stimmen – gar keine transsexuellen Menschen mehr geben. Ich würde ehrlich gesagt gerne tauschen, mein Leben wäre tausend mal einfacher, wenn ich nur eine nicht der Mehrheit entsprechende sexuelle Orientierung hätte.

Angestrebter Sexualitätsverlust aus sexuellen Gründen?
Alleine schon die Idee, Transsexualität in den Bereich der Sexualität zu verlegen, ist an sich schon völlig absurd. Durch eine geschlechtsangleichende Operation besteht etwa eine 30% Chance, dass man anschliessend keine funktionierende Sexualität mehr hat. Aus sexuellen Gründen zu riskieren, dass man die Sexualität ganz verliert, ist jenseits des Vorstellbaren – es sei denn man ist so von einer psychologischen These angefressen und so sexualitätsfixiert, dass man sich so einen Irrsinn einreden kann.

Lesbische Homosexuelle? Wie geht denn das?
Die Grenze zum diagnostischen Hirntod wird spätestens dann überschritten, wenn man bedenkt, dass ein doch beachtlicher Teil der transsexuellen Frauen auf Frauen steht, also lesbisch ist. Würde diese These stimmen, könnte ich ja jetzt meine angeblich verdrängte Homosexualität ausleben. Aber ich hab mich wieder in n’Mädel verknallt und mich nun sogar verlobt. Homosexuell? Hä?

Pathologische Realitätsverleugnung
Und hier zeigt sich deutlicher als sonstwo die selektive Wahrnehmung und Faktenresistenz der Psychologen und Sexologen. Weil die Existenz transsexueller Frauen, die auf Frauen stehen, offensichtlich ist, macht man damit das, was alle religiös Verblendeten tun. Wenn ein Dogma nicht mit der Realität übereinstimmt, dann hinterfragt man nicht das Dogma sondern leugnet die Realität. In diesem Fall läuft das so, dass die Verfechter dieser Trans=Homo-These einfach behaupten, transsexuelle Frauen, die auf Frauen stehen, seien gar nicht transsexuell sondern halt einfach sonstwie gestört. Wie geil ist das denn? Ich hab mal rund 800 Beiträge lang in einem Forum mit evangelikalen Fundamentalisten diskutiert, diese Argumentationsweise kenne ich nur von dort, wenn beispielsweise die Existenz von Dinosauriern als völlig unmöglich betrachtet wird, weil in der Bibel nichts davon steht, dass Noah auch Dinos in die Arche brachte. Dass man diesen Grad an Realitätsverweigerung bei religiösen Fundamentalisten findet, ist ein Stückweit nachvollziehbar. Aber wenn eine angeblich wissenschaftliche Akademie diese Denkweise an den Tag legt, dann wird Wissenschaft zu Esoterik.

Der neurologische Gegenbeweis
Doch selbst wenn wir den gesunden Menschenverstand weglassen und diese realitätsfremde These für möglich halten würden, kämen die Verfechter dieser These spätestens beim Betrachten der Hirnstruktur in einen Argumentationsnotstand, der selbst für einen evangelikalen Prediger zur unlösbaren Herausforderung würde. Im Jahr 1995 publizierte “Nature” eine Studie (Zhou, Hofman, Gooren, Swaab), die Hirnquerschnitte von verstorbenen Männern, Frauen, homosexuellen Männern und transsexuellen Frauen untersuchten. Es ging um die Hirnregion BSTc, von der man wusste, dass sie mit der Sexual- oder Geschlechtsentwicklung zu tun hatte. Es zeigte sich, dass die Neuronendichte dieser Hirnregion bei homosexuellen Männern mit heterosexuellen Männern übereinstimmte. Damit war klar, dass die sexuelle Orientierung nicht durch diese Hirnregion beeinflusst wird. Die Überraschung war jedoch gross, als man feststellte, dass diese Hirnregion bei transsexuellen Frauen nicht wie man annahm mit denen von Männern übereinstimmte sondern die gleiche Neuronendichte hatte wie bei anderen Frauen. Wären transsexuelle Frauen “nur” Männer mit verdrängter Homosexualität, dürfte ihre geschlechtsbestimmende Hirnregion nicht mit der von Frauen übereinstimmen – tut sie aber – im Gegensatz zu homosexuellen Männern.

Verdrängte Homosexualität und psychoanalytische Projektion
Spätestens hier müssten auch die letzten Ewiggestrigen der Psychologiekirche merken, dass das dünne Eis, auf dem sie sich bewegt haben, längst eingebrochen ist. Aber anstatt das einzugestehen, halten sich diese (in der Regel Psychoanalytiker) plötzlich für Jesus und laufen übers Wasser. So kann man schlussendlich nicht anders als anerkennen, dass das Festhalten an dieser vielseitig widerlegten These viel mehr aussagt über die Verfechter dieser These als über die Analysierten. Und diese Psychoanalytiker müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb ihre Homofixiertheit ihr Denken derart beeinträchtigt. Es ist höchste Zeit, dass sich diese “Fachleute” endlich selber auf die Couch legen und versuchen herauszufinden, was in ihrem Kopf nicht stimmt, dass sie unter einem solchen Realitätsverlust leiden – wer weiss, vielleicht stellt sich ja dann heraus, dass sie ihre eigene verdrängte Homosexualität auf ihre Patienten projeziert haben ;-)

Genitalien als Zentrum psychoanalytischen Denkens
Es fällt auf, dass im Speziellen Psychoanalytiker alles und jedes auf die Sexualität zurückführen und jede nur erdenkliche Andersartigkeit auf “sexuelle Perversionen” zurückführen. Und so stellt sich die Frage, was für ein perverses Denken diese Menschen treibt, dass sie derart in einem phallozentrischen Weltbild gefangen sind. Die Genitalien sind – auch wenn Sigmund Freud in seinem Koksrausch das so gesehen hat – nicht das Zentrum der Welt und sie sind auch nicht das Zentrum der menschlichen Persönlichkeit. Wer die Wichtigkeit seiner Genitalien derart überschätzt, leidet an einer schweren Denkstörung, die meines Erachtens behandlungswürdig wäre. Diese Psychoanalytiker wären gut beraten, beispielsweise Freuds “Zwang, Paranoia und Perversion” nochmal zu lesen und sich dabei fragen, inwiefern der gute Freud seine eigenen psychischen Störungen in die Welt hinaus projeziert hat. Vielleicht haben Psychoanalytiker ja auch nur deshalb so ein Problem mit dem Phänomen Transsexualität, weil gerade transsexuelle Frauen den von Freud postulierten Penisneid aller Frauen ad Absurdum führen ;-)

Transsexualität und Borderline-Syndrom

Weiter gehts zum Thema Faktenresistenz der Psychologie. Während die These, Transsexualität sei in Wirklichkeit verdrängte Homosexualität, nur noch von Ewiggestrigen aufrecht gehalten wird, verbeissen sich einige Psychologen, Sexologen und Psychiater nachwievor gern in die These, Transsexualität sei eine Unterform des Borderline-Syndroms. Auch diese These spottet jeglicher Logik und lässt sich nur vertreten, wenn man sich die Realität massiv zurechtbiegt. Der Widersinn der Homosexualitätsthese ist schnell zu durchschauen, bei der Borderline-These wirds schwieriger, weil das Borderline-Syndrom eine sehr komplexe Sache ist und weil selbst unter Fachleuten umstritten ist, ab wann man von einem Borderline-Syndrom sprechen kann. Kritiker bemängeln gar, dass diese Diagnose zum Sammelbecken geworden ist für alle psychischen Auffälligkeiten, für die man keinen eigenen Namen hat. Versuchen wir trotzdem eine Betrachtung, mit welchen Tricks gewisse Psychologiefundamentalisten sogar Transsexualität in dieser Schublade versorgen wollen.

Neurose, Psychose und das dazwischen
Als Erstes brauchen wir eine kleine und zugegebenermassen arg vereinfachte Einführung in die Psychologie. Man unterscheidet bei psychischen Störungen im Wesentlichen in zwei Gruppen, Neurosen und Psychosen. Neurosen sind beispielsweise Ängste (Phobien) und Zwangshandlungen (Manien), die jedoch immer mit der Realität übereinstimmen. Psychosen sind wiederum Zustände, bei denen Betroffene den Bezug zur Realität verlieren (wie z.B. gewisse Psychoanalytiker). Um ein Beispiel zu nennen, wenn jemand Angst hat vor Spinnen (Arachnophobie), dann weiss er, dass die eigentlich harmlos wären, trotzdem fürchtet er sich vor ihnen, das ist eine Neurose. Wenn jemand sich verfolgt fühlt (Paranoia) und ernsthaft glaubt, der Geheimdienst sei ihm auf den Fersen oder Verwandte wollten ihn vergiften, dann ist das in der Regel eine Psychose, der Betroffene ist wirklich überzeugt von einer ernsthaften Bedrohung. Um ein weiteres Beispiel zu nennen, Selbstüberschätzung kann neurotisch sein, aber wenn jemand sich ernsthaft für Gott hält oder für unfehlbar (wie der Papst), dann ist es eher eine psychotische Störung. Es gibt so einen witzigen Spruch, der den Unterschied recht gut auf den Punkt bringt:

Neurotiker bauen Luftschlösser,
Psychotiker wohnen drin
und Psychiater kassieren die Miete ;-)

Das Borderline-Syndrom
Nun gibt es aber auch Grenzfälle, die irgendwo dazwischen liegen oder viel mehr Menschen, die trotz vielfältiger Symptome meist ihren Realitätsbezug behalten, ihn aber stellenweise verlieren oder zumindest dieser etwas eingeschränkt ist. So entstand der Begriff “Borderline-Syndrom“, der vom englischen Wort Borderline=Grenzlinie stammt. Gemäss den medizinischen Diagnosebibeln müssen Betroffene mindestens 5 von folgenden 9 Punkten aufweisen:

  1. Der Betroffene will nicht alleine sein, will Trennungen vermeiden, und das auf jeden Fall
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber auch sehr instabil, Hass und Liebe wechseln sich häufig ab
  3. Der Betroffene hat eine gestörte Identität. Er hat eine gestörte Selbstwahrnehmung.
  4. Der Betroffene ist sehr impulsiv. Er lebt oft ohne Rücksicht auf Verluste.
  5. Der Betroffene droht oft mit Selbsttötung und Selbstverletzung.
  6. Der Betroffene ist auffällig unausgeglichen und instabil. Häufig sind auch Angst und Reizbarkeit oder depressive Stimmungen zu bemerken. Diese Stimmungen sind jedoch nur kurz vorhanden.
  7. Der Betroffene fühlt sich leer und ihm ist langweilig
  8. Der Betroffene kann seine starke Wut nicht unterdrücken
  9. Der Betroffene mißtraut phasenweise jedem, in Krisen schaltete er komplett ab. Er erlebt sich selbst fremd und verändert.

Aufmerksamen Lesern dürfte aufgefallen sein, dass diese Kriterien sehr gummig sind und mit etwas “gutem Willen” auf so manche Menschen zutreffen. Wie stark diese Punkte erfüllt sein müssen, um von einem pathologischen Zustand ausgehen zu können, liegt im Ermessen des Analysierenden. Kein Wunder, dass Kritiker diese Diagnose als “Verlegenheitsdiagnose” betrachten. Wenn man gar kein Etikett findet, lässt sich diese Persönlichkeitsstörung notfalls gut überstülpen.

Borderline-Diagnose im Selbsttest
Wenn ich mir den Spass erlaube und diese neun Kriterien an mir selbst überprüfe, dann zeigt sich die Skurilität dieser Zuweisung sehr gut, fast so gut wie die Trans=Homo-These in Anbetracht davon, dass ich auf Frauen stehe.

  1. Ich bin sehr oft alleine, die meiste Zeit sogar, früher war ich sogar tagelang allein im Wald um etwas Ruhe zu habe. Trennungen scheue ich nicht mehr als Andere, ich versuche sie nicht zu vermeiden, aber scheue sie auch nicht wenn sie notwendig werden.
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber sehr wohl stabil, ich wechsle weder Partnerschaften noch Freundschaften regelmässig aus. Meine wichtigsten Beziehungen dauerten 11 und 6 Jahre. Ich kann hassen und lieben, aber nicht dieselbe Person, da wechselt nichts, beide Gefühle sind beständig.
  3. Eine gestörte Identität und Selbstwahrnehmung könnte man mir wenn überhaupt bei der Geschlechtsidentität unterstellen, aber meine Geschlechtsidentität ist alles andere als instabil. Auch sonst verfüge ich über ein grosses Mass an Selbstreflektion und kann sehr gut objektiv in mich hineinsehen.
  4. Ich habe sehr intensive Gefühle, im Guten und im Schlechten und ich stehe auch dazu, aber ich versuche dabei stets Rücksicht zu nehmen auf Andere.
  5. Suizid ist für mich absolut keine Option und die einzige Selbstverletzung die ich ausübe ist das Rauchen.
  6. Da ich sehr intensiv fühle, wechseln sich positive und negative Gefühle auch ab, zwar manchmal heftig aber meist situationsadäquat.
  7. Ich und langweilig? Für mich müsste der Tag mindestens 72 Stunden haben, weil ich soviel tun möchte, langweilig ist mir definitiv nie, sonst könnte ich kaum tagelang allein im Wald rumsitzen und nichts tun.
  8. Wut kann ich unterdrücken und tue das auch wenn es nötig ist, aber ich stehe zu meinem Gefühlen und äussere Wut genauso wie Begeisterung offen und ehrlich.
  9. Ich misstraue nur denen, die mein Vertrauen missbraucht haben, reagiere da also ebenfalls realitätsadäquat. In Krisen schalte ich nicht ab sondern gehe auf Konfrontation, Probleme müssen ausgesprochen werden. Mich selbst erlebe ich nicht als fremd, abgesehen von meinen Geschlechtsmerkmalen.

Wer mir anstelle von Transsexualität ein Borderline-Syndrom unterjubeln möchte, begibt sich auf dünnes Eis. Ohne eine gehörige Portion Realitätsverdrehung führt so ein Versuch zwangsläufig in bodenlose Lächerlichkeit. Diese Diagnose passt genauso gut zu mir wie Alzheimer, ich bin nämlich sehr vergesslich.

Transsexualität als Form des Borderline-Syndroms?
Weiters dürfte sich aufmerksame Leser nun fragen, wo da der Zusammenhang sein soll. Die feste Überzeugung, “im falschen Körper” zu leben, lässt sich mit diesen neun Kriterien kaum erklären, geschweige denn diagnostizieren. Wie in aller Welt kommt man also auf die Idee, Transsexualität sei eine Form des Borderline-Syndroms? Abgesehen von einer Verlegenheitsdiagnose, die nur Ausdruck psychiatrischer Ratlosigkeit wäre? In der Tat weisen transsexuelle Menschen in der Regel keine fünf dieser neun Punkte auf – so meistern die Meister der Psychologie diese unlogische Zuweisung nur mit einem fasziniernden Trick. In schlauen Psychologiebüchern, die sich mit diesen Themen beschäftigen, heisst es dann kurzgefasst und sinngemäss in etwa: “Für die Diagnose eines Borderline-Syndroms müssen fünf von neun Kriterien erfüllt sein……… ausser bei Transsexuellen, die sind auch ohne diese Kriterien Borderliner”. Hmmm, okeeeeee, aber was bitte sind denn nun die Kriterien, mittels denen man transsxuellen Menschen diese “Persönlichkeitsstörung” unterjubeln kann? Das klingt etwa wie wenn man sagen würde: “Vögel erkennt man daran, dass sie Federn und Flügel haben”, ausser Kamele, die sind auch Vögel, obwohl sie keine Flügel haben. Jo klar, oder? Wie schon bei der Trans=Homo-These begegnet uns wieder eine Form der Argumentationszurechtbiegung, die jeglichen Verstand missen lässt und ansonsten nur bei religiösen Fanatikern zu finden ist.

Geschlechtsangleichung als selbstverletzende Handlung?
Wie haarsträubend diese Kriterien zurechtgebogen werden, um aus Transsexualität doch noch ein Borderline-Syndrom zu basteln, zeigt beispielsweise das Argument des selbstverletzenden Handelns (SVV). Im Zuge ihres Argumentationsnotstands postulieren gewisse Psychologiewahrsager, der “Wunsch” nach einer geschlechtsangleichenden Operation sei eine Extremform der Selbstverletzung – sozusagen Kastration als Selbstbestrafung. Auf den ersten Blick mag das oberflächlich betrachtet einleuchten, aber es hält einer genaueren Betrachtung nicht im Geringsten stand. Selbstverletzung wird gerade bei Borderlinern oft gemacht, weil sie das Gefühl der Leere überwinden möchten. Sie spüren sich in gewissen Momenten nicht mehr und holen sich so das Gefühl und damit sich selbst zurück ins Bewusstsein. Das tun sie genau in dem Moment, in dem diese Leere unerträglich wird. Es wäre völlig sinnlos, diese Leere mit einer geschlechtsangleichenden Operation aufzufüllen, weil diese Leere jetzt in diesem Moment gefüllt werden muss und nicht in zwei Jahren. Das Planen einer Selbstverletzung in zwei Jahren würde dieser Person nichts, einfach gar nichts bringen.

Fazit: erneuter Realitätsverlust
Wer bei dieser Faktenlage transsexuellen Menschen ein Borderline-Syndrom unterjubeln möchte, muss sich genauso wie die Vertreter der Trans=Homo-These die Frage gefallen lassen, ob er nicht unter einer gehörigen Portion Realitätsverlust leidet und sich eine Traumwelt zusammenbastelt, die ernsthaft behandlungswürdig wäre. Ich habe in meinem Leben so um die 50 Psychologiebücher gelesen, einige davon behandelten auch das Borderline-Syndrom. Aufgrund dessen was ich über Borderliner gelesen habe, blicke ich ehrlich gesagt fassungslos auf diese Psychologiesekten, die Transsexualität in diese Schachtel packen wollen, weil es da einfach keine Gemeinsamkeiten gibt. Dafür finde ich nur noch eine Erklärung: religiöser Wahn – und dieser wäre behandlungsfähig, diese Leute sollten sich wirklich endlich mal helfen lassen.

Nachtrag: ein äusserst informativer Blogbeitrag im BadHairDays-Blog geht unter Anderem auf die Borderline-Hypothese ein, der ganze Beitrag ist sehr empfehlenswert, aber vorallem dieses Kapitel ist eine gute Ergänzung zu meinem hier vorliegenden Text:
BadHairDays: Die Borderline-Hypothese (Sigusch)

Primäre und sekundäre Transsexualität

Nachdem wir uns mit der Faktenresistenz der Psychologie beschäftigt haben und die unter Psychologen praktizierte Realitätsverweigerung an zwei beispielhaften Ursachenthesen, der Homosexualitätsthese und der Borderlinethese betrachtet haben, werfen wir nun einen Blick auf die Tricks, die von der Psychologie verwendet werden, um die Widersprüchlichkeit ihrer Thesen aufzulösen.

Bei der Postulierung von Ursachenthesen für Transsexualität stolpern die Erfinder dieser sich gegenseitig widersprechenden Thesen über vielfältige Widersprüche, die ihre aufgestellte These von selbst widerlegen. Aber wie bei anderen religiösen Fanatikern üblich, wird dann nicht die These in Frage gestellt sondern die Realität so lange verdreht, bis sie doch irgendwie zur These passt. Beispielhaft sei hier daran erinnert, wie die Verfechter der Homosexualitätsthese die offensichtliche Existenz von lesbischen TransFrauen einfach damit erklären, dass lesbische TransFrauen gar nicht transsexuell seien.

Die Lebensläufe und Entwicklungswege von transsexuellen Menschen sind so vielfältig wie bei allen anderen Menschen, so ist es auch kein Wunder, dass man bei transsexuellen Menschen solche findet, die schon in der Kindheit ihr Anderssein ausdrückten und gegen ihre falsche Geschlechtszuweisung rebellierten, während andere transsexuelle Menschen zuerst jahrzehntelang gegen dieses Anderssein ankämpften und erst in höherem Alter die Grenze des Erträglichen überschreiten und ihr Recht auf das Leben in ihrem richtigen Geschlecht einfordern. So begannen die Schwarzweiss-Denker der Psychologenkirche bald mal, transsexuelle Menschen in Gruppen einzuteilen, man sprach von primären und sekundären Transsexuellen. Primäre Transsexuelle waren die, die von klein an transsexuell waren, sekundäre Transsexuelle waren die, die erst später “transsexuell wurden”. Ein glorreicher Geniestreich, denn so kann man die Widersprüche der einzelnen Ursachenthesen erklären. Aber ist dieser postulierte radikale Unterschied zwischen diesen zwei Gruppen überhaupt haltbar oder lässt sich dieser offensichtliche Unterschied nicht ganz banal entwicklungspsychologisch erklären?

Menschen sind von Geburt an unterschiedlich, sie denken und fühlen unterschiedlich und sie verhalten sich anders. Zu Beginn neigen Kinder in der Regel dazu, dass sie sich durch Ausprobieren entwickeln, man tut etwas, schaut wie das Umfeld darauf reagiert und lässt dann aufgrund der Reaktionen etwas zu oder unterdrückt es. Mit den Jahren unterscheiden sich Kinder immer mehr, die einen leben sehr angepasst, Andere sind eher widerspenstig, die einen ordnen sich unter, die Anderen rebellieren. Auch da gibt es natürlich kein schwarz-weiss, da gibt es alle Abstufungen.

Psychologen wissen sehr wohl, dass sich Menschen auch bei gleichen Umständen oder gleichen Wesensarten ganz unterschiedlich entwickeln können, aber bei transsexuellen Menschen darf das nicht sein. Ist es wirklich so schwer nachzuvollziehen, dass es transsexuelle Menschen gibt wie beispielsweise Kim Petras, die von klein an auf ein Leben in ihrem wahren Geschlecht bestehen, während es Andere gibt wie beispielsweise mich, die jahrzehntelang verzweifelt versuchen, “normal” zu sein? Der Wunsch, normal zu sein, ist im Menschen tief verankert, wir sind nunmal Herdentiere und wünschen uns gesellschaftliche Akzeptanz. Es dürfte nur eine Minderheit der Menschen sein, die so konsequent ihren Weg gehen und ihre Eigenheit leben, im Bewusstsein, dass sie deswegen ausgegrenzt werden.

Wenn man meinen Lebenslauf betrachtet, müsste man mich eindeutig als sekundär transsexuell klassifizieren. Ich wuchs wie ein Junge auf, benahm mich in der Regel wie ein Junge, war irgendwann sogar Mitglied eines Motorradclubs, gründete eine Familie, zeugte ein Kind, bis ich dann “überraschend” im Alter von 42 Jahren an die Tür des Unispitals anklopfte und geschlechtsangleichende Massnahmen forderte. Überraschend? Sekundär? Schaut man jedoch unter die Oberfläche und hört mir zu, was ich von frühster Kindheit an gefühlt habe ohne es je auszudrücken, wie ich vier Jahrzehnte lang gelitten habe, wie ich von Jahr zu Jahr mehr innerlich zerrüttete, weil ich dieses gespielte Mannsein nicht ertragen konnte, wenn man bedenkt, dass ich fast ein Jahrzehnt versuchte, diese Diskrepanz zwischen Innen und Aussen psychotherapeutisch zu verarbeiten – erfolglos – kann man da von sekundär sprechen, davon, dass sich bei mir die Transsexualität “entwickelt hat”?

Gerade an meinem Beispiel zeigt sich die Absurdität einer solchen Zweiteilung. Aufgrund meines Lebenslaufs würde mich jeder Psychologie als sekundär transsexuell klassifizieren. Aufgrund von ein paar psychotherapeutischen Gesprächen würden mich jedoch dieselben Psychologen als primär transsexuell einstufen. Ja was jetzt? Meine unerschütterliche Gewissheit, ein weibliches Wesen zu sein, war schon in frühster Kindheit vorhanden, das hat sich in vierzig Jahren nie geändert. Aber für Aussenstehende sichtbar wurde es erst vier Jahrzehnte später. Primär? Sekundär? Wollen wir eine Münze werfen um zu entscheiden?

Schätzungen zufolge soll etwa ein Viertel der transsexuellen Frauen primär sein, der Rest sekundär. Wundert uns das wirklich, dass dreiviertel der Menschen eher jahrzehntelang sich selbst verleugnen, als dass sie sich selbst sind um den Preis einer unerträglichen gesellschaftlichen Stigmatisierung?

Vorallem transsexuelle Frauen mit einer auf Frauen fixierten sexuellen Orientierung werden oft als sekundär betrachtet. Gerade bei diesen lesbischen Frauen ist es häufig so, dass sie sehr lange versuchen, um jeden Preis normal zu sein. Sie führen scheinbar normale Beziehungen, gründen Familien, zeugen Kinder und hoffen, so ein normales Leben zu führen. Sie wissen ganz genau, dass sie im Falle von geschlechtsangleichenden Massnahmen ihre sexuelle Kompatibilität mit Frauen aufs Spiel setzen.

Ich war nicht viel mehr als 20 Jahre alt, als ich eine Dokumentation im TV sah von Coco, einer transsexuellen Frau aus Zürich. Ich sass fassungslos vor dem TV, mit jeder Minute wurde mir klarer, dass das, was mein Leben bisher so unerträglich gemacht hat, Transsexualität heisst. Neben mir sass meine Freundin die ich liebte, mit der ich später eine Familie gründete. Mir war schlagartig klar, dass es für mich nur einen Weg gibt, um ein menschenwürdiges Leben zu führen, ich müsste denselben Weg gehen wie Coco. Abner damit würde ich diese Frau die ich liebe verlieren. Und ich würde mir so ziemlich alle Chancen nehmen, je wieder so eine Beziehung führen zu können. Was für ein unglaublich hoher Preis wäre das? Als heterosexuelle Frau wäre das viel einfacher gewesen, aber als lesbische TransFrau hiess das, Leben oder Lieben.

Weitere zwanzig Jahre versuchte ich dann verzweifelt, mein Ich zu unterdrücken, weil das Geliebtsein mir viel wichtiger erschien als mein Ichsein. Welch fataler Fehlentscheid! Hätte ich damals gewusst, dass diese lebenslange Selbstverleugnung schlussendlich zwangsläufig irgendwann scheitern muss, hätte ich keine Sekunde gezögert. Aber gerade das Funktionieren innerhalb einer Beziehung, die aus meiner Sicht lesbisch war, von aussen her gesehen jedoch den Anschein einer ganz normalen heterosexuellen Beziehung machte, liess mich in der Hoffnung, dass irgendwann alles gut wird.

Primär? Sekundär? Mit Verlaub, mir persönlich ist bis heute kein transsexueller Mensch begegnet, der mit Vierzig plötzlich aus dem Nichts auftauchend “transsexuell wurde”. Aber ich kenne Viele, die jahrzehntelang unterdrückten, was nicht sein darf.

Die als primär klassifizierten transsexuellen Menschen unterscheiden sich von den Sekundären nicht in ihrer Wesensart, da gibt es keine zwei Formen von Transsexualität, es gibt nur verschiedene Wege, wie jemand mit der Unerträglichkeit des Seins umzugehen versucht.

Tragisch an dieser Zweiteilung ist, dass in vielen Köpfen die Primären die Echten sind, während die Sekundären die Unechten sind. Noch tragischer ist, dass unterdessen auch unter Betroffenen diese Sichtweise angenommen wurde, natürlich nur von denen, die als primär eingstuft werden. Da gibt es tatsächlich transsexuelle Menschen, die sich selbst als primär einordnen, die glauben sie könnten sich selbst legitimieren, in dem sie vermeintlich Sekundäre als unecht abtun. Damit machen sie sich jedoch nur zu Gehilfen einer Psychologensekte, sie werden zu Lakeien von Menschenrechtsverletzern und schlussendlich zu Kanibalen, die ihre eigenen Artverwandten auffressen, um sich selbst zu erhöhen.

Nein, meine lieben Psychologen, nein, meine liebe transsexuelle Elite, es gibt keine zwei Formen von Transsexualität, es gibt nur zwei Wege, auf denen man diesen unvorstellbar schweren Zustand zu überleben versucht. Wenn jemand eine weibliche Hirnstruktur hat und einen männlichen Restkörper, dann handelt es sich da um eine Frau, eine transsexuelle Frau, unabhängig davon, wie lange diese Frau versuchte, dagegen anzukämpfen.

Mein zwiespältiges Verhältnis zur Psychologie

Nachdem ich mich in letzter Zeit vielfältig über die “Psychologie-Sekte” ausgelassen habe, scheint es mir höchste Zeit, mein Verhältnis zur Psychologie resp. Psychiatrie zu erklären, weil so Manches das ich geschrieben habe, ein zu einseitiges Bild ergeben könnte.

Denn, so vielfältig meine Kritik an Psychologen, Psychiatern und Sexologen auch ist, so vielfältig ist auch meine Begeisterung und Dankbarkeit dieser Wissenschaft gegenüber.

Das mag nach meinen Kritiken der letzten Beiträge verwundern, umso mehr muss ich das endlich klarstellen.

 

Meine Liebe zur Psychologie
Ich liebe Psychologie, finde sie faszinierend und hilfreich. Ich hätte nicht dutzende von Psychologie-Büchern gelesen, wenn ich die Erkenntnis über psychische Vorgänge nicht schätzen würde und ich wäre nicht seit Jahren in einer Psychotherapie, wenn ich psychotherapeutische Unterstützung nicht als hilfreich betrachten würde. Die Psyche eines Menschen ist ein ulkiges Ding, sie tut so Manches, von dem wir nicht mal was mitkriegen. Probleme werden verdrängt oder auf Ersatzobjekte projeziert oder es entstehen Ängste oder Zwänge, die einem einschränken, wider aller Vernunft. Und es gibt psychische Zustände, die für Betroffene die Hölle sind, wenn ich nur schon paranoide Schizophrenie als ein Beispiel anführe. Die eigene Psyche zu verstehen ist enorm hilfreich, weil man sonst nur allzu schnell zum Spielball unbewusster Vorgänge wird. An all dem will ich nichts meckern und möchte all dieses Wissen auch nicht missen.

Differenzierung
Aber darüber hinaus gibt es Zustände in den heiligen Hallen der Psychologie, die menschenverachtend sind und die bekämpft werden müssen. Was da so störend ist möchte ich jetzt einzeln erklären um dann zum Schluss verständlich zu machen, weshalb ich trotz meine Liebe zur Psychologie immer wieder von Psychologensekten spreche.

Psychologie – eine Parawissenschaft?
Psychologie ist keine “exakte Wissenschaft”, die auf empirischen Beweisen beruht. Im Gegensatz zur Mathematik, Physik oder sonstigen exakten Wissenschaften, ist Psychologie nicht beweisbar. Psychologie funktioniert nach dem Prinzip, dass man etwas beobachtet, dafür Erklärungen sucht, schlussendlich Erklärungsthesen aufstellt und je nach Notwendigkeit Behandlungsmöglichkeiten sucht. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber man muss sich dessen bewusst sein. Psychologische Thesen bleiben schlussendlich Vermutungen, aufgrund derer Menschen möglicherweise stigmatisiert oder ihrer Menschenrechte beraubt werden. Wenn ich in meinen Beiträgen die Psychologie gelegentlich eine Parawissenschaft nenne, dann ist das zugegebenermassen zynisch überspitzt formuliert, hat aber in gewissen Belangen auch eine wörtliche Berechtigung, wenn sich Psychologen über wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftszweigen hinwegsetzen (mehr dazu später).

Psychopathologisierung zwecks Gesellschaftssäuberung
Wenn wir die Geschichte der Psychologie betrachten, fällt auf, dass dieser Wissenschaftszweig ursprünglich vorallem der Reinhaltung einer sauberkeitswahnsinnigen Gesellschaft diente. Die damals übermoralisierte Welt forderte Normalität und Konformität, was von dieser Normalität abwich, musste weg. Damalige Psychologen und Psychiater begannen, alle Normabweichungen fein säuberlich aufzulisten und jede Andersartigkeit mit lustigen Namen zu benennen und in Krankheitskataloge einzugliedern. Der ursprüngliche Sinn dieses Tuns lag weniger darin, den Betroffenen zu helfen, als viel mehr die Welt zu säubern und als abnormal klassifizierte Menschen zu reparieren oder notfalls wegzusperren – im Dienste einer zu säubernden Welt.

Menschenrechtsverletzungen damals
Infolgedessen kam es zu unvorstellbaren Auswüchsen dieses Katalogisierungswahns. Homosexuelle Menschen wurden zu Perversen ernannt, Kinder die in ihrer jugendlichen Neugier Selbstbefriedigung betrieben, wurden als potentiell gestört und behandlungsbedürftig ernannt und selbst Frauen, die ihrem Mann nicht jederzeit gefügig waren, wurden als frigide oder hysterisch klassifiziert. Der Irrsinn lag aber vorallem darin, dass man versuchte, diese angeblich Kranken zu heilen, um jeden Preis, mit allen Mitteln. So wurden Menschen mit Verhaltenstherapien, Elektroschocks, Insulinschocks, Zwangseinsperrungen bis hin zu Hirnoperationen “behandelt”. Fassungslos erinnern wir uns beispielsweise daran, dass in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich unter Leitung von Auguste Forel jenische Menschen (Zigeuner) zwangstherapiert und zwangssterilisiert wurden. Forel ziert heute noch die Schweizer Tausendernote, als sei dieser Eugeniker ein Nationalheld. Mit noch mehr Schrecken erinnern wir uns an die Rassenreinhaltung des dritten Reichs, in der deutsche Psychologen alles nicht-arische als geistesschwach und nicht vermehrungswürdig klassifizierten, die Betroffenen sterilisierten oder hinrichteten. Die Hinrichtungen erledigten sie natürlich nicht, sie stellten nur die dazu notwendige Diagnose. Unzählige Male war die Psychologie das Schwert, mit dem die Gesellschaft gereinigt wurde von unliebsamen Menschengruppen – stets basierend auf psychologischen Thesen, die irgendwelche Gruppen psychopathologisierten und damit jede Behandlung rechtfertigten – bis hin zur Totalvernichtung.

Die Fratze der Eugenik
Diese aus der Psychologie postulierte Unterteilung in normal und abnormal, war das Fundament auf dem die Eugenik entstand, die Unterteilung der Menschen in lebenswert und vernichtungswürdig. Hitlers angestrebte Judenvernichtung wäre kaum denkbar gewesen, wenn es nicht Psychologen gegeben hätte, die als seine Lakaien den Unwert des jüdischen Volkes postuliert hätten. Genauso wäre das Schweizer Projekt “Kinder der Landstrasse”, das Jenischen ihre Kinder wegnahm, sie in Heimen mit Verhaltenstherapien weichkochte und ihre Eltern in psychiatrischen Kliniken sterilisierte, undenkbar gewesen, hätten nicht Eugeniker wie Auguste Forel die psychiatrischen Grundlagen dafür geschaffen. Natürlich kann man argumentieren, dass Eugenik schon vor der Psychologie da war. Völkerausrottungen wie mit amerikanischen Ureinwohnern gab es schon vorher. Aber die Psychologie hat die Eugenik wissenschaftlich legitimiert und damit unendlich viel Unheil über diese Welt gebracht.

Menschenrechtsverletzungen heute
Die Schatten der Eugenik sind bis heute spürbar, wenn auch nicht mehr in dem Ausmass wie früher. So wird beispielsweise transsexuellen Menschen nachwievor nur nach einer Sterilisation eine Personenstandsänderung zugesprochen und es erstaunt wenig, dass beispielsweise die “Erfinder” des deutschen Transsexuellengesetzes Schüler von den Ärzten sind, die damals für Hitler die “Volksreinhaltung” erledigten. Die Methoden haben sich geändert, das dahinterliegende Denken hat jedoch überlebt. Auch menschenrechtswidrige Forderungen wie der sogenannte Alltagstest, mit dem transsexuellen Menschen ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigert wird, sind auf dem Mist der Psychologie gewachsen, die wider wissenschaftlichen Fakten Transsexuelle als gestört klassifiziert. Ein weiteres Beispiel ist die Tatsache, dass es heutzutage nicht nur legitim ist sondern schon fast erwartet wird, dass Embryos, bei denen mittels pränataler Diagnostik Trisomie-21 diagnostiziert wurde, abgetrieben werden. Menschen die an Mongoloismus leiden, sind die erste Menschengruppe der Neuzeit, die hochoffiziell ausgerottet werden darf.

Von Menschenrechtsverletzungen zur Religion
All diese Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten im Namen der Wissenschaft sind ein Grund, weshalb sich Psychologen den Vorwurf der Sektiererei vorwerfen lassen müssen. Was die Kirchen in ihren Kreuzzügen und Hexenverbrennungen angefangen haben, hat die Psychologie in gewisser Weise weiter geführt. Aber diese Menschenrechtsverletzungen sind nur ein Grund für diesen Vorwurf, der zweite Punkt, der Psychologen mit religiösen Fundamentalisten vergleichbar macht, ist der Dogmatismus und das Scheuklappendenken, das einer Wissenschaft unwürdig ist.

Dogmen, Faktenresistenz und Realitätsverweigerung
In einem Fachartikel, den ich mal gelesen habe, der verschiedene Erkenntnisse aus der Transsexualitätsforschung verglich, beklagte sich der Author darüber, dass es mit der Psychologie schwierig sei. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftszweigen seien die nur schwer empfänglich für Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftszweigen und eine Zusammenarbeit sehr schwierig. Und in der Tat, wenn man psychologische Schriften zum Thema Transsexualität liest, wird offensichtlich, dass Psychologen nur ungern über den Tellerrand schauen. Da mag die Genetik noch soviele genetische Veränderungen finden und die Neurologie nochsoviele anatomische Auffälligkeiten nachweisen, für die Psychologie bleibt all das unbewiesen, wenn es nicht mit ihren eigenen Thesen übereinstimmt. Solange nicht das hinterletzte Transsexuellenhirn in Scheiben geschnitten auf dem Tisch liegt, wird die Psychologie diese Erkenntnisses in Frage stellen. Diese Art von Realitätsverweigerung ist viel mehr Religion als Wissenschaft.

Die Kirche der Psychologen-Sekte
In Anbetracht von all dem kommt man nicht umhin, die Wissenschaft der Psychologie resp. ihre Vertreter mit einer Kirche oder gar einer Sekte zu vergleichen. Das willkürliche Aufstellen von Dogmen, das Festhalten an ihnen auch im Falle einer Widerlegung, das Ignorieren von erwiesenen Tatsachen bis hin zur Vergötterung einzelner Führer wie Sigmund Freud, der beispielsweise von Psychoanalytikern bis heute wie ein Unfehlbarer angesehen wird, obwohl heutzutage jeder nur noch lachen kann über seine Postulierung des Penisneides aller Frauen. Wenn angesehene Priester dieser Kirche Dogmen aufstellen, wird Widerspruch gegen diese Dogmen zur Ketzerei. So kann auch heute, wider allen Wissens über biologische Ursachen von Transsexualität, eine Geschlechtsidentitätsstörung postuliert werden und so werden auch heute noch intersexuelle Babies genitalverstümmelt, weil weisse Götter wie John Money in die psychologischen Bibeln geschrieben hat, dass die Geschlechtsidentität mit Skalpellen und Verhaltenstherapien gesteuert werden könnten. Widerspruch dringt nicht durch, Transsexualität und Intersexualität werden auch 2011 im DSM-V wieder als psychische Störungen klassifiziert.

Psychopathologisierung kann töten
Die Tragik hinter all dem ist, dass neben allen Menschenrechtsverletzungen aufgrund solcher psychologischen Klassifizierungen auch eine gesellschaftliche Stigmatisierung einhergeht, die schlussendlich hauptverantwortlich dafür ist, dass beispielsweise transsexuelle Menschen in vielen Belangen des Lebens massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind und hunderte von Transgendern zutode geprügelt wurden. Wenn eine Menschengruppe ein Jahrhundert lang zuerst als pervers und dann als gestört klassifiziert wird, angeblich wissenschaftlich abgestützt, dann sind sie irgendwann zum Abschuss freigegeben. Gerade deshalb müsste sich die Psychologie ihrer Verantwortung und auch ihrer eigenen Grenzen bewusster sein und mit der Pathologisierung von Andersartigen vorsichtiger umgehen. Schlussendlich basiert all das wie zu Beginn erwähnt auf blossen Vermutungen und relativ willkürlichen Einteilungen. Aber hier geht es nicht ums Einsortieren von gesammelten Briefmarken, es geht um fühlende lebendige Menschen, deren Leben im Falle von Fehlklassifizierungen zur Hölle gemacht wird.

Fazit: Ja zur Psychologie, nein zum Psychologismus
So bleibt meine Haltung trotz aller Kritik bestehen. Psychologie ist eine wundervolle Wissenschaft, die unglaublich viel helfen kann, deren Erkenntnisse ich nicht missen möchte. Ich hätte diese vierzig Jahre Leben nicht überlebt, wenn ich mir nicht psychologische Erkenntnisse über mich selbst und psychologische Techniken hätte aneignen können. Aber wie Paracelsus richtig erkannte, die Dosis macht das Gift aus. Psychologie soll helfen zu verstehen und helfen zu überwinden, aber wenn sich Psychologen in den Rausch der Allmacht ziehen lassen, dann wird Psychologie zur tödlichen Waffe, die gegen die gerichtet ist, denen sie eigentlich helfen möchten. Es liegt mir fern, Psychologen böse Absichten zu unterstellen, ich bin mir sicher, dass sie das Gute versuchen. Aber der in diesen Kreisen verbreitete Grössenwahn, der diese Fachleute glauben lässt, sie seien allwissend, ist beispielsweise für Menschen wie mich eine tödliche Bedrohung. Gerade wenn es darum geht, Menschen für gestört zu erklären und damit einer unerträglichen Stigmatisierung auszusetzen, sollten sich Psychologen ihrer Verantwortung endlich bewusst sein, es geht eben nicht nur um Thesen, es geht um Menschen, das wird wie mir scheint von Vielen vergessen.

Transsexualität und die Kunst der Selbsterklärung

Verschiedene Gespräche und Kommentare mit meinen geschätzten Kommentatorinnen, haben mich dazu bewogen, mal darüber zu schreiben, wie wir transsexuellen Menschen uns selbst erklären. Falls ich jetzt klugscheisserisch wirke, ist das nicht so gemeint, ich verspüre selber grosse Unsicherheiten in diesem Thema und bin mir bewusst, dass ich selber ab und zu ins Fettnäpfchen trete – wie ich hoffe, heute etwas weniger als früher – obwohl es mir grad heute wieder passiert ist, was der Grund für die Vollendung dieses schon länger rumliegenden Beitrags ist.

Wenn man mich fragt werde ich lügen
ich habe Angst vor der Wahrheit
wenn man mir glaubt bin ich sicher
doch aus Reue werd ich weinen

(Lacrimosa – Alles Lüge)

Mit unseren Worten und Bildern sprechen
Wenn wir uns jemandem gegenüber zu erklären versuchen oder noch mehr, wenn wir mit Medien zu tun haben, neigen wir gerne dazu, die Terminologien des Gegenübers zu verwenden, weil wir glauben, man würde uns dann eher verstehen. Klar, das Gegenüber versteht das verwendete Wort oder die verwendete Formulierung besser, aber nur deshalb, weil es sich mehr mit seinen Falschvorstellungen und Vorurteilen deckt. Wenn ich jemandem sage: “ich bin transsexuell”, weiss er sofort was gemeint ist, weiss aber nicht was es wirklich bedeutet. Wir reden vom Gleichen, meinen aber nicht dasselbe.

Formulierungen wie “im falschen Körper geboren” kommen der Realität einiges näher als “ich wollte schon immer eine Frau sein”, aber Ersteres klingt für Aussenstehende eher esoterisch als medizinisch, während Zweiteres im Idealfall dazu führt, dass einem “der Wunsch” gewährt wird. Verstanden hat man aber nichts.

Eine unbequeme Wahrheit
Genau genommen müsste ich sagen: “Ich war schon immer eine Frau, mit weiblicher Hirnstruktur geboren, die weiblich denkt und fühlt, aber mein Restkörper hat sich im embryonalen Frühstadium aufgrund hormoneller Störungen im Mutterleib im Bauplan geirrt und hat den Rest rund ums Hirn rum falsch verdrahtet”. Das versteht kein Mensch und es glaubt’s kein Mensch, weil man sowas in der Regel noch nie gehört hat. Aber es wäre die Wahrheit. Und die Welt wird so einen Satz nie verstehen und für immer als dummes Geschwätz abtun, zumindest solange, wie wir uns nicht getrauen, der Allgemeinheit diese Denkarbeit aufzubürden.

Wer sich’s einfach macht, macht sich’s schwer
Ich habe selber schon Situationen erlebt, in der ich die Frage “warst Du früher ein Mann” mit einem kurzen “Ja” quittierte, weil ich froh war, dass mir damit wenigstens im Jetzt ein Frausein attestiert wird und weil ich keine Lust hatte, jetzt lange wissenschaftliche resp. medizinische Diskussionen zu führen. Damit habe ich nicht nur die Chance verpasst, dass jemand beginnt uns ein wenig zu verstehen, ich habe im Gegenteil bestehende Falschvorstellungen passiv bestätigt.

Die Blog-Serie “Macht der Worte“, die ich hier begonnen habe, wollte unter Anderem genau darauf hinaus. Und doch stelle ich selber manchmal fest oder werde darauf hingewiesen, dass ich grad knietief im Fettnäpfchen stehe und es manchmal nicht mal merke.

TransFrau, BioFrau, PutzFrau, HausFrau….. naja, Frau halt
Vor einiger Zeit ergab sich hier im Kommentarbereich beispielsweise eine kurze Diskussion über das unter transsexuellen Menschen weit verbreitete Wort “BioFrau” als Gegenstück zu “TransFrau”. Als mir dieses Wort vor langer Zeit begegnete, fand ich, es sei eine humorvolle und leicht ironische Alternative als dass man bei der Unterscheidung trans/nichttrans von einer transsexuellen und einer normalen Frau spricht, wie es Aussenstehende wohl eher tun würden. Früher stimmte es sogar scheinbar, die Aussage, dass beide Frauenarten Frauen sind, die einen aber zusätzlich auch biologisch weiblich sind, sprich einer Frau entsprechende Chromosomen und Geschlechtsmerkmale haben. Aber seit man weiss – also seit 1995 – dass transsexuelle Frauen eine anatomische Hirnstruktur haben wie jede andere Frau auch und seit man weiss, dass Chromosomen nicht hundertprozentig geschlechtsbestimmend sind, stimmt nicht mal mehr das. Was übrig bleibt, ist eine Assoziation Bio=natürlich, Trans=unnatürlich. Wie ich diese Unterscheidung zukünftig mache, ist mir noch nicht klar, vielleicht wäre es am besten, von XX-Frauen und XY-Frauen zu reden.

Geschlechtsumwandlung? Wozu denn sowas?
So gibt es noch viele Formulierungen und Worte, die pures Gift sind, weil in ihnen mehr mitschwingt als die Summe aller Buchstaben. Spricht man von einer Geschlechtsumwandlung, heisst das, dass das Geschlecht verwandelt, ja geradezu verzaubert wird. Aber mein Geschlecht muss niemand ändern, warum auch, ich war Frau, bin Frau und bleibe es. Aber man kann den nicht zum Selbst passenden Körper angleichen, korrekterweise spricht man also von einer Geschlechtsangleichung. Weder der Sagende noch der Hörende sind sich der Brisanz des Wortes bewusst, man ist sich ja so daran gewöhnt. Aber die darinliegenden Bilder sind nunmal jenseits der Realität, sie zu portieren, wäre fatal.

Ich war nie ein Mann
Aber viel grössere Probleme schaffen Formulierungen, die nicht nur als metaphorisches Wort wirken sondern klare Fehlinformationen verbergen, wie beispielsweise dieses “früher als ich noch ein Mann war”. Damit sagen wir nichts Anderes, als dass ich ein Mann war, also auch bleiben werde und dass ich nun halt so tue als sei ich eine Frau. Und das sagen wir gegen alle wissenschaftlichen und medizinischen Fakten. Diese Formulierung habe ich meines Wissens noch nie verwendet, aber ich schliesse nicht aus, dass ich mal was sagte im Stil von: “früher als Mann habe ich…..”. Diese Aussage scheint mir weniger dramatisch, es kann sowohl heissen “als ich ein Mann war” als auch “als ich als Mann lebte”. Aber verstanden wird es mit höchster Wahrscheinlichkeit genau so wie ich es nicht meine.

Fragen und Antworten
Ich möchte mal an Beispielen zeigen, was ich meine. Das soll keine Bibel sein sondern eine Diskussionsgrundlage, zu der ich Euch herzlich einlade. Es sind einfach Sätze die öfters auftauchen und ein Vorschlag, wie man sinngemäss darauf reagieren müsste, damit man nicht selber Lügen über sich verbreitet.

  • Du machst eine Geschlechtsumwandlung? Nein wie in aller Welt käme ich auf sowas? Ich war schon immer und werde immer eine Frau sein, ich will nur den nicht zu meinem Wesen passenden Körper meinem richtigen Geschlecht angleichen, damit die unerträgliche Zerrissenheit zwischen innen und aussen endet.
  • Wolltest Du schon immer eine Frau sein? Wollen nicht, nein, ich bin einfach als Frau zur Welt gekommen, nur halt eben mit einem nicht zum Geschlecht passenden Körper.
  • Seit wann bist Du transsexuell? Aufgrund der wissenschaftlichen Fakten kann man davon ausgehen, dass meine Transsexualität in den ersten Schwangerschaftswochen begann.
  • Du bist transsexuell? Nein seit meiner geschlechtsangleichenden Operation bin ich einfach nur noch eine Frau (das hat wirklich mal n’Mädel auf ner Bühne so formuliert, genial und treffend)

Das Todestal der Rückübersetzung
Während ich so schreibe, erinnere ich mich beispielsweise an das letzte Mal, als mir jemand mitten im Gespräch etwas sagte im Stil von: “du kennst das ja, früher als Du noch ein Mann warst…..” – und mich schaudert beim Gedanken, dass ich nicht darauf reagiert habe. Wenigstens ein grinsendes “achja, ich war mal ein Mann? Muss wohl in einem früheren Leben gewesen sein” wäre das Mindeste gewesen. Und wenn ich mich frage, warum ich diese Berichtigung gemieden habe, dann ist es nicht nur weil ich so Diskussionen nicht grad prickelnd finde sondern auch, weil ich rückübersetze. Das wird mir jetzt grad klarer denn je. Sagt mir jemand “als Du noch ein Mann warst”, kommt das in meinem Kopf und der dortigen Bildwelt an als “als Du noch das Leben eines Mannes gespielt hast”. Ich setze mein Verständnis voraus, erhoffe es mir zumindest, und schon interpretiere ich das Gesagte in geradezu harmonischer Weise. Volltreffer!

Die Nebenwirkungen eines Perspektivwechsels
Eine weitere Gefahr von unabsichtlichen Falschinformationen liegt im Perspektivwechsel. Ich neige dazu – oft mit Recht – Dinge zu erklären indem ich versuche, die Frage aus der Perspektive des Zuhörers zu erklären. So kann man Menschen meist viel besser abholen. Aber gerade in diesem Thema ist das brandgefährlich und gerade heute bin ich da mal wieder reingerasselt. In einem Fragenforum beklagte sich jemand, “seine beste Freundin” sei transsexuell und wolle nun “das Geschlecht” wechseln und er wollte Tipps, wie er “sie” davon abhalten könne – er scheint also von einem TransMann zu reden. Ich war wie so oft knapp an Zeit und wollte sozusagen aus seinem Denken heraus schnell antworten. Ich erklärte ihm, dass er “seine Freundin” nicht davon abhalten kann, wenn sie wirklich transsexuell ist, verwendete im weiteren Verlauf die weibliche Form bezugnehmend auf das in Klammern gesetzte “Deine Freundin” am Anfang und leitete schlussendlich über in die Aussage, dass er sich darüber freuen soll, nun einen besten Freund zu haben. Mein Fokus war voll und ganz auf die Aussage gerichtet, dass er diesen TransMann gefälligst sein lassen soll, mein Statement ging um Toleranz und Akzeptanz und das Recht auf Selbstbestimmung. Ich dachte, wenn ich ihn sozusagen mit “Deine Freundin” abhole, das ich demonstrativ in Anführungszeichen stellte und wenn ich dann schlussendlich bei “Dein Freund” lande, er vielleicht diesen Weg gedanklich mitgehen kann. Soweit so gut, vielleicht ist mir das sogar gelungen. Aber damit habe ich faktisch gesagt, dass sein Freund, den er bisher für seine Freundin gehalten hat, früher eine Frau war und damit habe ich wieder mal die verdrehte Realität der Mitleser bestätigt. Egal wie gut meine Denkakrobatik vielleicht aufging, es hatte auf jeden Fall hässliche Nebenwirkungen. Vielleicht konnte ich damit seine Akzeptanz verbessern, sein Verständnis hat sich dabei jedoch nicht verbessert.

Bei uns beginnt die Wahrheit
Wenn wir darauf warten, dass die Wissenschaft den Medien Klarheit verschafft und bis diese dann der Bevölkerung Klarheit verschaffen, wenn wir auf Antidiskriminierungsgesetze hoffen, dann werden wir sehr sehr viel Geduld haben müssen. Wenn überhaupt eine Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung möglich ist, dann nur wenn wir uns selber korrekt erklären und für unsere Wesensart einstehen und keine faulen Kompromisse machen und uns beispielsweise als ein bisschen geschlechtsidentitätsgestört klassifizieren lassen. Wenn Veränderung möglich ist, dann kommt sie von unten, das war schon immer so und wird immer so bleiben.

In der Tat, Worte können tödlich sein!
Wohin es führen kann, wenn wir uns nicht endlich den Fakten entsprechend erklären, kann in diesen zwei wirklich gut geschriebenen Beiträgen nachgelesen werden:
BadHairDays: Worte, die töten
Tinaland: Transen-Transphobie
Es ist höchste Zeit, dass wir beginnen, die Wahl unserer Worte und deren Wirkung ernster zu nehmen! Und dieser Appell ist nicht nur an Euch gerichtet oder an diejenigen, die in Zeitungsinterviews allen Ernste zum Besten geben: “ich wollte schon immer eine Frau sein”, dieser Appell ist auch an mich selbst gerichtet und ich bitte auch ausdrücklich darum, dass man mich auf allfällige Fehlformulierungen hinweist.

Wozu die Hölle fürchten, solange es Menschen gibt?

Musik kann manchmal unvorstellbar viel auslösen, kann tiefer gehen als jede Klinge, mit einfachen Klängen, vielfach gehörten Worten und längst gesehenen Bildern. Aber wenn die Mischung stimmt und der Moment passt, kann es einem zutiefst erschüttern. Ich wünschte mehr, das würde öfters geschehen, hier in meinem kleinen Herzchen und dort draussen, in den Herzen all dieser Menschen………..

Weshalb, frage ich mich in so einem Moment, gibt es Menschen, die eine Hölle fürchten, wo wir doch Jahrzehnt um Jahrzehnt unsere eigene Hölle bauen? Was fürchten wir Geister und Dämonen, wenn wir doch selber Gewehre bauen, Splittergranaten, Personenminen, Napalmbomben, Atombomben? Was fürchten wir den Tod, wenn wir doch selbst der Tod sind?

Wir beklagen uns über eine verrohte Jugend, aber wer hat ihnen die Grausamkeit gelernt? Entstehen Kriege aus sich selbst heraus, wachsen sie wie Pilze im Wald?

Es sind so Momente, in denen mir wieder bewusst wird, wie grausam der Mensch doch ist. Es sind nicht die Anderen, es sind nie die Anderen, wir selbst sind es. Was wir im Kleinen beginnen, wird vom Gesellschaftskollektiv im Grossen vollendet.

Und das wirklich Grausame daran, wir haben uns alle längst daran gewöhnt, an all das sinnlose Sterben, all die vielen Toten, die zerfetzen Kinderleichen – auch ich – und das tut fast am meisten weh.

Und so tut der Schmerz in so einem Moment irgendwie gut, wenn ich tief in mir spüre, dass es mir doch nicht ganz egal ist, dass ich mich noch nicht ganz daran gewöhnt habe, dass für uns das Leben eines Menschen nicht den Wert des Papiers einer Dollarnote übersteigt.

Ich höre das Echo des Protests, der mich anschreit: Nein! Wir sind nicht so! Aber wäre die Welt eine Solche, wenn wir anders wären? Wäre der Mensch so menschlich wie er sich gern gibt, gäbe es nicht all diese Erschossenen und Zerfetzen, diese Verhungerten und Erfrorenen, dann würde man das Lachen von fröhlichen Kindern hören, ohne dass eine Detonation den Klang durchbricht.

Wie gut es doch tut, dass diese Gleichgültigkeit doch manchmal für einen Moment durchbrochen wird und ich wieder daran zu denken vermag, wieviel Leid es doch gibt auf dieser Welt, verursacht von Menschen dort, finanziert von Menschen hier, die sich gegen Waffenexportverbote stellen um das Bruttosozialprodukt zu erhalten, die Waffen an beide Seiten verkaufen um neutral zu bleiben.

Was bleibt sind die Schreie der Kinder, was bleibt ist das Wimmern in den Schützengräben, was bleibt sind verschlossene Augen und verschlossene Herzen, die all das erst möglich machen, indem sie nichts tun sondern nur still daran verdienen.

Wird irgendwann sogar die Zeit kommen, in der niemand mehr die Zeit findet, um wenigstens noch eine letzte Träne zu vergiessen, für all die, denen Unrecht getan wird? Oder wird doch irgendwann die Zeit kommen, in der wir erkennen, dass wir alle es sind und dass nur wir Menschen die Hölle vernichten können, die wir selbst erschaffen haben?

Ich weiss es nicht, echt nicht. So bleibt in mir einzig diese kleine Hoffnung, dieses seltene Gefühl, wenn mich all das trotz aller Gewöhnung mal wieder zutiefst erschüttert. Solange auch nur ein Mensch noch eine Träne zu vergiessen mag, um all dieses menschgemachten Elends willen, solange wird die Hoffnung weiter leben. Weint, meine lieben Menschen, weint, denn unsere Tränen sind der einzige Ausgang aus dieser unserer Hölle.

Zurück zum Tagebuch – Diana reloaded

Es scheint, dass ich gute Nachrichten habe für meine StammleserInnen, es geht wieder aufwärts mit mir, die Frustration legt sich langsam und meine erste Abrechnung mit den Psychologen ist auch beendet – Zeit, dieses Tagebuch wieder zu einem Tagebuch zu machen, das neben dem Unangenehmen auch wieder über die schönen Seiten meines Lebens berichtet. Ich denke, noch ein paar Shoppingtouren und ich bin wieder die Alte…….. und daran arbeite ich mit vollen Eifer, hab in den letzten Tagen eine Handvoll neue rote Kleider gekauft, das ist die beste Medizin ;-)

An dieser Stelle möchte ich kurz um Verständnis bitten, dass es in letzter Zeit hier halt nicht viel Erbauendes oder Lustiges zu lesen gab. Das hat nicht nur Euch gefehlt sondern auch mir. Aber diese Sache mit dem Op-Termin hat ein Fass zum überlaufen gebracht, das sich schon länger angefüllt hat und mein Frust rund ums Thema Psychopathologisierung hat mir so zugesetzt, dass diese stürmische Zeit halt sein musste und mir im wahrsten Sinn des Wortes das Lachen vergangen ist. Aber auch so eine globale Entleerung gehört nunmal in so ein Tagebuch, man kann nicht immer schön abwechseln zwischen Unterhaltung, Erzählung, Information und Rumgemecker, manchmal kommt es halt im Rudel. Aber es mehren sich die Anzeichen, dass diese Phase durch ist – sicherheitshalber werde ich mir noch ein paar rote Kleider bestellen ;-)

Plauderabend mit meiner Logopädin
Diese Woche hatte ich endlich mal wieder einen richtig tollen Abend. Ich traf mich mit meiner Logopädin für einen Plauderabend, zu Zweit stöckelten wir schick angezogen ins nächstbeste Kaffee, setzten uns in die Gartenterrasse und tratschten zweieinhalb Stunden lang auf einander ein. Nebst einem ausgedehten philosophischen Gespräch über Psychologiekirchen, Behandlungsstandards und so Quatsch, gings auch um so ganz normales Mädel-Zeugs wie Schminken, Kleider und was weiss ich. Der Abend hat mir in aller Deutlichkeit gezeigt, wie sehr mir so etwas gefehlt hat in letzter Zeit. Im Speziellen hat es mir gezeigt, wie gut es tut, mit nem tollen Mädel zusammen einfach einen ganz normalen Weiberabend zu verbringen. Allfällig mitlesende Frauen aus meinem Umfeld dürfen das gerne als Aufforderung verstehen ;-) Gerade mit meiner Logopädin geht das toll, die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich als Frau und nur als Frau sieht und annimmt, ist sehr sehr selten und tut unheimlich gut. Und – es mag seltsam klingen – aber ein Gespräch unter Frauen verstärkt mein weibliches Selbstverständnis und mein Selbstbewusstsein, gerade wenn ich so natürlich angenommen werde wie von ihr. Danke!

Des Tussis Selbstbewusstsein
Ausserdem bekam ich auch noch ein paar Komplimente und die bauen mich doch immer wieder auf, vorallem wenn ich sie für voll nehmen kann, denn meine Logopädin scheut sich auch nicht, wie diese Woche zu sagen: “… aber an Deinen Augenringen an sieht man, wie runtergekämpft Du bist”. Sie hat mich mehrere Monate nicht mehr gesehen und sagte, mein Gesicht und die Haut seien noch sanfter geworden und überhaupt würd ich toll aussehen, mich schön schminken und was uns beide am meisten überraschte, sie hatte den Eindruck, meine Stimme sei feminimer geworden. Meist verschlechtert sich die Stimme nach der Logotherapie wieder ein wenig, bei mir ist scheinbar das Gegenteil geschehen, obwohl ich weder geübt hab noch mein Sprechen kontrolliere. Einmal mehr stelle ich fest, dass sich einfach alles da einpegelt, wo es hingehört. So unwichtig einem eigentlich so Äusserlichkeiten sein müssten, mir tut das enorm gut. Zu Beginn dieses Prozesses war ich so überzeugt, dass ich mich niemals hübsch finden könnte und dass mir all das, was mir an Kleidung so gefällt, eh nicht stehen würde. Wie berauschend ist es da, dass ich in letzter Zeit beispielsweise im roten knallengen Stretchkleid vor dem Spiegel rumstöckeln kann und mir selbst gefalle. Gerade weil ich das nie für möglich gehalten hätte, geniesse ich es jetzt in vollen Zügen – und ich muss gestehen – ich übertreibs momentan schon a bissrl. Aber in mir ist so eine verspielte Experimentalphase aufgekommen, die ich unheimlich geniesse, so eine Art visuelle Selbstfindung der transilvanischen Art oder so :-)

Bald wird wieder geknuddelt
Heute in einer Woche um diese Zeit werde ich in Hamburg sein für drei Tage und kann endlich wieder an meinem Schatzi kleben wie ein Gecko an ner Scheibe, ich bin jetzt schon ganz aufgeregt. Obwohl wir täglich unsere zwei Stunden (oder auch mal vier) über Skype rumbrabbeln, fehlt halt der körperliche Teil schon sehr. Ne Jungs, ich mein nicht das ;-) Juliet und ich sind halt wirklich verschmust wie Miezekatzen und wenn man so knuddelbedürftig ist, fehlt einem das Kuscheln nach einem Monat Abstinenz enorm. Da sie noch keine Wohnung in Hamburg gefunden hat, wohnt sie nun bei ihrer Mutter und weil Mutters Mann in einer Kur ist, werden wir ein richtiges Weiberwochenende zu Dritt haben, das wird sicher lustig, denn Juliets Mama ist fast so bekloppt wie wir Zwei, sie hat einen goldigen Humor, wir werden uns wohl die Bäuche kaputt lachen und das wiederum wird uns gut tun – Lachen ist nebst Knuddeln die beste Medizin.

GaOp Vorbereitungen
Unterdessen werde ich von verschiedenen Mädels mit den ulkigsten Tips für die GaOp und die Zeit danach eingedeckt. Infolgedessen habe ich beispielsweise schon mal eine Packung Always Ultra bestellt und mich dabei fast weggeschmissen vor Lachen und bin nun auf der Suche nach einem Geburtsring oder Schwangerschaftsring oder wie man dem sagt, so eine Art Schwimmring zum Draufsitzen. Ich werd also wohl bald mal in einen Baby-Laden gehen und die Verkäuferinnen dort in arges Staunen versetzen, das wird spassig :-) Ausserdem hab ich ein Mädel gefunden, die mir hilft die Personenstandsänderung vorzubereiten. Das muss man scheinbar nicht wie ich dachte einfach beim Einwohneramt anmelden sondern ein selbstgeschriebenes Gesuch ans Amtsgericht schicken. So ein Gesuch krieg ich nun von ihr. Es ist echt toll, wie wir transMädels uns gegenseitig unterstützen, das muss echt mal gesagt sein. Apropos GaOp, ich scheine diese Totalfrustration wirklich überwunden zu haben, denn seit 1-2 Wochen freue ich mich wieder wie blöd auf die GaOp, ich werde also mit hoher Wahrscheinlichkeit doch quietschvergnügt dort antraben Mitte November, die Krankenschwestern werden ihre wahre Freude an mir haben, schliesslich bin ich eine Fabrik für Unsinn, das werden die sicher geniessen ;-)

Diana reloaded
In den letzten zwei Wochen hat sie sich zurück gemeldet, diese Kraft in mir, die mich stets durch alle Widrigkeiten trägt, diese meist nicht zu bändigende Lebenslust, die mich immer wieder antreibt, mir die Lebensfreude zu erkämpfen. Und diese Woche beginnt mich diese Kraft wieder zu erfüllen, es wird immer heller und wärmer in meinem Leben, ich bin zurück. Gerade heute war ein wundervoller Tag, das liegt sicher auch daran, dass ich ein neues klatschenges und superheisses rotes Kleid sowie neue beige Stiefel bekommen habe und diese heute zum ersten Mal tragen konnte. Aber das alleine hätte nicht gereicht um mich den ganzen Tag in so eine quietschvergnügte Laune zu versetzen, es ist dieser Lebenswille, der wieder zurück ist, der es ermöglicht, dass ich das Gute im Leben wieder geniessen kann. Und es wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die mir so beigestanden sind. Und mehr als alles Andere brauchte es Juliet, die jeden Tag da war, wenn auch nur durch diese Kopfhörer, so lässt sie mich doch täglich spüren, dass ich geliebt werde, von der tollsten Frau dieser Welt. Es gibt Leute, die glauben daran, dass jeder einen Schutzengel hat…….. meiner wohnt in Hamburg :-)

In diesem Sinne, hoffe ich auf eine heitere Zukunft und wünsche Euch allen ein schönes Wochenende…….. und ich – naja – ich denk ich geh jetzt mal auf die Suche nach roten Kleidern :o)

Alles wird kompliziert: Fingernägel und Strickkleider

Beginnen wir mit dem Positiven, hier ein Foto von mir mit dem neusten Kleid und den Stiefeln, die ich gestern mit der Post zugeschickt bekommen hab und heute erstmals tragen konnte. Und jaaaaaaaaaahhhh, ich weiss, dass das a bissrl übertrieben ist und ich weiss, dass man als 43-jährige Frau nicht so zur Arbeit geht. Aber wisst Ihr was? Das ist mir soooooooooo egal, bääääh :-) Ich gefalle mir so und ich brauch das jetzt, soll man mich deswegen halt auch noch für verrückt erklären. Diese Art des Verrücktseins gibt mir soviel Lebenslust, dass ich einfach nicht darum herum komme, mich so aufzubretzeln :-) Aber darum gehts in diesem Beitrag nicht, jedenfalls nicht direkt, aber irgendwie auch schon…………

Viele Mädels mögen ihre Fingernägel etwas länger, ist zwar völlig bekloppt, weil man sich damit ständig selbst behindert und grad wenn man wie ich den ganzen Tag auf Tastaturen rumhämmert, sind die nicht grad ideal, aber es sieht halt schick aus. So bedarf es auch einer gewissen Pflege und dazu gehört das Schneiden und Feilen und je nach Geschmack das Bemalen. Dabei gibt es eine goldene Regel, niemals, ich betone niemals darf man sich die Nägel schneiden oder knipsen, ohne anschliessend die Nägel zu feilen. Denn sonst hat man irgendwo irgendwelche Unfeinheiten und die zerreissen uns bei der erstbesten Gelegenheit die Strümpfe – oder so.

Naja….. *hüstel*…… ich hab gestern die Fingernägel getrimmt, aber wie so oft verschieb ich das Ackern auf später bis gar nie, so auch gestern. Feilen kann ich ja dann später, dachte ich mir, obwohl ich ganz genau weiss, dass ich es dann vergesse und zwangsläufig unschön daran erinnert werde.

Aber diesmal hat’s nicht Strümpfe erwischt, die wären ja eher einfach zu ersetzen, sind nicht so teuer, liegen schubladenweise rum und vorallem, man hat keinen speziellen Hang zu einem bestimmten Paar Strümpfe. Diesmal haben sich meine Fingernägel jedoch etwas viel Fieseres ausgedacht, sowas von fies, dass ich sie erschiessen würde, wenn ich sie nicht noch brauchen würde.

Gestern kam ein Paket hier an, mit eben diesem roten Strickkleid da oben und diesen neuen Stiefeln. Was hab ich mich gefreut darüber. Eigentlich passten die beigen Stiefel ja nicht wirklich zum Rest, aber wenn Beides in einem Paket hier ankommt, muss das ja irgendwie zusammen passen, issja logisch. Also hab ich mich heute da reingestürzt und war hellbegeistert vor dem Spiegel. Jauh, so gefällt mir das Mädel…….. und ey, das Mädel bin ja ich selbst :-)

Wie sich rausstellte, war ich nicht die Einzige die das so sieht. Als ich dieses Foto auf Facebook schmiss, bekam ich ein ganzes Rudel Komplimente, wuchs mit jedem ein paar Zentimeter und dürfte nun in etwa die Körpergrösse einer Giraffe haben – zumindest bin ich in schlussendlich in Giraffenhaltung herumstolzert. Wie immer kamen die Komplimente natürlich wieder nur von Mädels, Jungs trauen sich da irgendwie nicht, man hält das für politisch unkorrekt heutzutage – was für n’Quatsch. Die Kommentare klangen dann so:

  • In jedem Fall wirst du immer hübscher :-) Gut siehst du aus.
  • sehr hübsch!
  • Pfeiff! gut schausts aus!
  • Heißer Feger!
  • du siehst umwerfend aus!
  • Du siehst absolut hammergeil aus im roten Kleid. Ich werd neidisch ab deinen Beinen
  • tztztztttzt…übertreibst Du es nun aber nicht ein wenig? Wie kann eine allein nur so ausschauen?
  • Hach, ich hol mir jetzt das Buch *Bestellung beim Universum* und bestell mir genau diese Figur die du hast

Wow, solche Reaktionen sind echt unglaublich, mir fehlen echt grad etwas die Worte……….. öhm…… achja……….. ich bin vom Thema abgekommen, wir hatten’s ja von Fingernägeln.

Naja, kennt Ihr Murphys Gesetz? Was schief gehen kann, geht schief? Und kennt Ihr meine Schussligkeit? Also was passiert, wenn n’Dummerchen wie ich sich die Nägel schneidet, zu faul zum Feilen ist und dann ein nigelnagelneues STRICK-Kleid anzieht, das so toll ist, dass sie solche Komplimente kriegt?

Richtig, sie bleibt irgendwann im Verlauf des Tages mit einer kleinen nicht gefeilten Ecke im Strickkleid hängen und zieht sich dabei eine Masche raus, so dass jetzt da so ein Gewusel rausguckt. Wär ich etwas beweglicher, ich würd mich jetzt stundenlang in den Hintern treten. Echt, ich habs probiert, aber es geht beim besten Willen nicht.

Verzweifelt stellte sich mir die Frage, was ich nun tun soll. So wie’s jetzt aussieht, sieht’s scheisse aus (tschuldigung). Wenn ich’s abschneide, dann löst sich bald mal das ganze gestrickte Kleid auf, Strickkleider tun sowas, das sind ganz arglistige Biester. Eine Brosche unterhalb des Busens sieht auch irgendwie bekloppt aus. Was nun? Abbrennen und zuleimen? Oder einfach noch eins bestellen, das ich dann eh gleich wieder kaputt mache?

Und immer mehr wurde mir die Tragweite dieses Missgeschicks klar: Ich werd nun nicht mehr in den Himmel kommen. Denn wenn man so ein tolles Kleid, in dem man so toll aussieht, am ersten Tag kaputt macht, dann ist das Blasphemie (ne Jungs, das hat nichts zu tun mit…… öhm, naja). Ich stellte mir vor, wie ich da fröhlich nach oben schwebe und frohlocke, was für n’braves wenn auch verrücktes Mädel ich doch zeitlebens war und dann hält mir der liebe Gott dieses Kleid vor die Nase und sagt mit grimmiger Stimme: “Diana! Was hast Du da getan?”……….. ich hab mir dann überlegt, ob ich das Kleid verstecken soll, vielleicht im Wald vergraben oder so, aber Gott sieht ja alles, da kann ich das Kleid verstecken wo ich will, der findet es garantiert.

Aber irgendwann kam mir der tröstende Gedanke, dass das eigentlich gar nicht so schlimm ist. Ich glaube nämlich nicht, dass es im Himmel Schuhläden und Kleiderläden gibt und ohne die kann ich nicht sein. Nicht, dass mir weiss nicht stehen würde, aber wenn ich da keine roten Stretchkleider krieg…….. Ausserdem befürchte ich, dass ich mit meinen Stöckelschuhen ständig Löcher in die Wolken trete und dann auch wieder Ärger kriege. Ich hör den lieben Gott schon poltern: “Diana! Du hast schon wieder eine Wolke kaputt gemacht”.

Deshalb hab ich mich entschlossen, mir feuerfeste Pumps und ein feuerfestes Stretchkleid zu kaufen – natürlich eins das fingernagelsicher ist – irgendwie kommt schlussendlich ja doch alles gut ;-)

Ihr seht, das Leben von uns Mädels ist viel komplizierter als das der Jungs. Unser Leben ist voll von Gefahren und schlussendlich verlieren wir unser Seelenheil nur wegen einer Nagelfeile…… oder einem Strickkleid…….. oder weil wir grad a bissrl schusslig waren.

Und doch, aller Maschen und Fegefeuer zum Trotz, es ist ein tolles Leben……. und deshalb geh ich jetzt auf die Suche nach neuen roten Kleidern :o)

Stressabbau im Traum

Träume sind echt spannend und lehrreich, gerade Albträume zeigen auf teils bizarr bildhafte Weise, wo der Schuh drückt und zeichnen auch Lösungswege auf, die manchmal gedeutet werden können – vor wörtlicher Umsetzung sei jedoch ausdrücklich gewarnt, wie in diesem Beispiel, das ich erzählen möchte.

Wie jede Nacht in den letzten Wochen wache ich morgens erschöpft auf, selbst wenn ich wie letzte Nacht zwölf Stunden geschlafen habe. Grund dafür ist, dass ich gefühlte 7359 mal aufgewacht bin, mit wagen Erinnerungen an einen soeben durchlebten Traum oder Albtraum, um dann gleich wieder einzuschlafen. Am Morgen sind alle Träume weg, bis auf wenige Ausnahmen, so wie heute.

Ich war in einem Caffee das wie ein Starbucks funktionierte, man geht hin, bestellt was und wartet dann, bis man’s an der Theke entgegen nehmen kann. Wie immer bestellte ich einen Caramel-Macchiato, ich liebe dieses Zeuchs wie nix Anderes. Die Leute kriegen ihr Getränk in der Regel etwa in der Reihenfolge, wie sie es bestellt haben. Doch diesmal, als ich dran war, gabs nix für mich. Die Bestellung wurde erneut aufgegeben, ich wartete mir wieder die Füsse wund und bekam dann den falschen Kaffee. Ich wurde langsam wütend, lehnte den Kaffee ab und erneut wurde bestellt und wieder wartete ich und wartete…….. irgendwann war aus der Wut Zorn geworden und mit lautem Gezetter und Gefluche verliess ich den Laden……. zumindest hatte ich das vor. Doch kurz vor dem Verlassen des Ladens klinkte ich aus, drehte mich um, lief wie ein wildgewordener Stier zurück ins Caffee und begann, laut tobend das ganze Restaurant in Einzelteie zu zerlegen, warf mit Stühlen um mich und machte alles kaputt was mir in die Finger kam – während die Leute nur fassungslos da standen.

Ich begann zu realisieren, dass ich nun eine Menge Ärger bekomme und floh von dort, aber wohin? Man würde mich früher oder später finden und zur Rechenschaft ziehen. Also floh ich in einen Wald und stellte mich darauf ein, von nun an dort zu leben und der Welt zu entsagen. Dabei machte mir nur etwas Sorgen, wie könnte ich mein weibliches Leben dort in der Einsamkeit leben, wenn ich mich nicht mal rasieren kann? Ich würde irgendwann wie ein Waldläufer aussehen…… so zog es mich dann doch wieder aus dem Wald und auf dem Weg zurück begegnete ich meiner Schwester……….. naja, ich hab keine Schwester, aber das gab mir im Traum nicht zu denken. Sie überredete mich zurück in meine Wohnung zu gehen. Der Rest des Traumes ist verschwommen, irgendwie schlich ich mich in meine Wohnung, die Polizei tauchte auf, dann wachte ich auf.

Vor zwanzig Jahren habe ich mich mit Traumdeutung beschäftigt, die ganze Bandbreite, von esoterischer Traumdeutung bis hin zum legendären Buch von Sigmund Freud. Seit ich diese Kenntnisse habe, erinnere ich mich kaum noch an meine Träume, mein Unterbewusstsein fand es scheinbar überhaupt nicht lustig, dass ich diese symbolischen Verarbeitungsprozesse analysiere. Wenn ich es diesmal versuche, kommt folgendes dabei raus:

  • Das Caffee ist das Unispital, von dem ich mir etwas Gutes erhoffte
  • Der Caramel Macchiato ist die GaOp, die in mehrfacher Weise hinausgeschoben wurde
  • Das Zerlegen des Caffees entspricht meinen jüngsten Blogbeiträgen, in denen ich die psychologischen Ursachenthesen und Behandlungsstandards zerlegte
  • Die Flucht in den Wald passt zu meinem Rückzug der letzten Zeit, ich gehe kaum noch raus und meide Menschen wieder wie früher
  • Die Polizei die mich zu finden droht ist die Uni-Psychiatrie, denn ich habe wirklich Angst, dass die meine jüngsten Beiträge lesen und mich dafür “bestrafen”, beispielsweise durch Verweigerung des Gutachtens

Dieser Albtraum hat verschiedene witzige Komponenten:

Zum Einen habe ich tatsächlich vor vielen Jahren in Betracht gezogen, aus dieser Gesellschaft auszusteigen und allein im Wald zu leben. Ich liebe die Natur und ihre Bewohner über alles, da wird man angenommen wie man ist. Im Wald hatte ich schon Begegnungen, fern jeglicher Klassifizierung, die einfach wunderschön waren (mehr darüber ein anderes Mal). Aber schlussendlich überstand diese Lebensvision den Realitätscheck nicht, ich hätte spätestens den ersten Winter nicht überlebt. Dass diese Option nun in diesem Traum auftaucht, zeigt mir ein wenig, wie belastend all das in letzter Zeit war, sonst hätte mein Unterbewusstsein diese nicht-überlebbare Option nicht ausgegraben.

Ebenfalls witzig sind die Gefühle, die ich hatte, während ich das Lokal zerlegte. Da war eine unbändige Wut, eine Art totaler Kontrollverlust, aber es war auch ein Gefühl von Macht, die alle Ohnmacht umwandelt. Das Gefühl, mit Stühlen um sich zu werfen, war wirklich befreiend und das Zerstören von dem, was meine Ohnmacht ausgelöst hat, diese Machtergreifung, war richtiggehend berauschend.

Interessant und lehrreich dabei ist, dass ich trotzdem keinen Caramel Macchiato bekam, ich musste ja nach zerlegen des Lokals flüchten. Das beweist die Sinnlosigkeit eines “Amoklaufs”, so berauschend diese Befreiung aus der Ohnmacht auch ist, es bringt einem dem Ziel nicht näher, ganz im Gegenteil.

Das spricht zwar nicht dagegen, psychologisches Fehldenken auch in Zukunft zu zerlegen, da wo es notwendig ist. Aber – und das zeigt dieser Traum sehr deutlich – es darf nie Ausdruck eines Kontrollverlusts sein. Ich hätte meinen Kaffee vielleicht bekommen, wenn ich mich an den Chef gewandt hätte und dem mal gehörig meine Enttäuschung vorgehalten hätte. Vielleicht hätte der sein Personal sogar zurecht gewiesen, vielleicht sogar die Arbeitsabläufe verbessert. Auf jeden Fall hätte es Wege gegeben, die mir meinen Caramel Macchiato gegeben hätten. Anstelledessen hat es mich in die Einsamkeit getrieben – habe ICH mich in die Einsamkeit getrieben. Ich find diese Betrachtungsweise irgendwie spannend – und lehrreich.

Denn soviel ist klar: Im Wald überlebe ich den ersten Winter nicht, rasieren kann ich mich dort auch nicht und dort gibts nicht mal Kaffeebohnen. Ich kann mir da vielleicht einen Eichelkaffee brauchen, aber spätestens beim Caramel ist Schluss mit lustig.

Der Wald, also die Einsamkeit, ist nicht der Ort an dem meine Zukunft stattfindet. Ich will mein endlich erkämpftes weibliches Leben ausleben, mich in Anderen reflektieren. Erst in der Gemeinschaft wird mein Ich-sein wahrgenommen und erst in der Wahrnehmung durch Andere wird meine Selbstentfaltung sinnvoll. Ich will leben – und aus dem Leben heraus die Kämpfe führen, die notwendig und sinnvoll sind – ohne Kontrollverlust, ohne Amoklauf – ich bestimme über mein Leben, zum ersten Mal in vierzig Jahren, das darf ich nicht verschenken, es ist viel zu wertvoll :-)



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