(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Identitäts-Notstand der berauschenden Art

Vor einem Jahr war ich mich gewohnt, dass die Leute mich ansehen als käm ich von nem anderen Stern und über ihren Köpfen tauchten Sprechblasen auf, auf denen stand: “warum in aller Welt zieht sich der Kerl wie n’Mädel an?“. Klar nahm ich an, dass sich das mit der Zeit bessern würde, aber ich ging doch davon aus, dass ich im Grossen und Ganzen für die Welt für immer ein “Mann in Frauenkleidern” sein werde. Und der Blick in den lügenden Spiegel bestätigte das auch immer, nachwievor seh ich im Spiegel die Fratze meiner Vergangenheit.

In den letzten Monaten war der Spiegel etwas netter zu mir und ich begann wahrzunehmen, dass sich da doch sehr viel getan hat. Wie es scheint, mehr als ich selbst sehen kann. Zumindest Leute die mich nicht kennen, reagieren meist gar nicht mehr auf mein Auftauchen. Wenn ich überhaupt noch angesehen werde, dann am ehsten von Jungs die sich an meinen Beinchen erfreuen oder Mädels die sich fragen woher ich diese Klamotten hab. Unterdessen ist es eine Minderheit, die diesen Ui-eine-Transe-Blick aufsetzen. Wie gross der Unterschied zu früher scheinbar ist, wurde mir aber erst jetzt so richtig klar, nachdem ich in einer Serie von Ereignissen in einen Identitäts-Notstand geriet.

Begonnen hat es letzte Woche, als ich meine Bücher auf der Post abholte. Als ich den Ausweis hinlegte, war die Dame sichtlich verwirrt und sagte sinngemäss: “Das sind aber gar nicht Sie auf dem Foto”. Ich freute mich wie doof darüber, ging aber davon aus, dass dies eher eine Ausnahme sei. Aber dieses Wochenende wurde ich eines Besseren belehrt. Auf dem Hinweg lief soweit alles gut, aber auf meinen zwei Rückwegen gabs gleich mehrere Situationen, die mir zeigten, dass ich nicht mehr als das erkennbar war, was ich einst scheinbar war.

  • Zuerst war diese Sache mit dem Scanner beim Checkin. Weil meine Stiefel piepsten, wurde ich von Hand gecheckt und man verwies mich in einer Selbstverständlichkeit an eine Zöllnerin. Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie nicht mal nach dem Abtasten bemerkte, dass bei dem Mädel etwas anders ist.
  • Als dann das Flugzeug nicht starten konnte und wir wieder aussteigen und neue Flüge buchen mussten, legte ich den Ausweis hin, worauf die Dame etwas verwirrt dreinguckte und dann sagte: “Ah sie buchen nicht für sich selbst?”.
  • Beim Gate angekommen, guckte die Dame die Bording-Karte an, sah dass dort “Mr.” stand, guckte mich verwirrt an und wollte einen Ausweis sehen. Dann schien es ihr zu dämmern, was da abgeht und ich konnte einsteigen. Aber zuerst war ihr völlig unklar, weshalb da ein Mädel mit nem Ticket für n’Herrn einsteigen will.
  • Wieder in der Schweiz angekommen, kam ich im Zug in ne Ticket-Kontrolle, zeigte meine Bahnkarte, der guckte ebenfalls verwirrt aus der Wäsche und meinte dann: “Aber das ist nicht ihre Karte, oder?” und guckte mich wieder an.

Ich hatte den Eindruck, dass mich in all diesen Situationen nur meine Stimme “gerettet” hat. Dass ich ein “Herr” sein soll oder mit dem Bild auf dem Ausweis was zu tun habe, glaubten sie im ersten Moment nicht. Nur die Stimme löste das Rätsel auf und ich war ehrlich gesagt froh drum, nicht weitere Erklärungen abgeben zu müssen.

Bemerkenswert daran sind drei Dinge:

  1. scheine ich von Vielen wirklich als Frau wahrgenommen zu werden, scheinbar sogar so sehr, dass sie die Welt nicht mehr verstehen, wenn dann z.B. “Mr.” auf der Karte steht.
  2. hat sich mein Äusseres offenbar so stark verändert, dass man mir nicht mehr abnimmt, dass ich dieselbe Person bin, wie die, die in diesem Ausweis abgebildet ist.
  3. hat sich mein Selbstbewusstsein schon so stabilisiert, dass ich in all den Situationen nicht im Geringsten irritiert bin sondern mich eher über die Situationskomik amüsiere. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte ich Angstzustände gekriegt, heute begegne ich so Situationen mit einem selbstbewussten Lächeln und denke: “Ja Du siehst richtig, vor Dir steht eine transsexuelle Frau, so what?”.

Die Normalität des Aussergewöhnlichen ist etwas unbeschreiblich Schönes.



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