Transsexualität und Anpassungsdruck
Transsexuelle Menschen stehen von frühster Kindheit an vor einem unlösbaren Problem. Sie können nicht sich selbst sein, was jede Selbstentfaltung im Keim erstickt. Es sind ganz kleine Zeichen, die ein transsexuelles Kind von Anfang an empfängt. Als Junge spielst man doch nicht mit Puppen – nein so Farben sind für Mädchen – ein Junge weint doch nicht….. und Viele laufen dadurch schneller in die Falle als sie verstehen, wie ihnen geschieht. Ein kleines Kind lernt durch Nachahmung und es lernt durch Feedback. Es tut etwas, beobachtet wie die Welt darauf reagiert und passt dann gegebenenfalls das Verhalten an. Es gibt zwar diese beneidenswerten Ausnahmen, die mit einer ungeheuren Renitenz sich selbst treu bleiben und für ihre geschlechtliche Identität einstehen. Aber den Meisten dürfte es so gehen wie mir, sie wollen nicht abnormal sein, sie wollen Erwartungen erfüllen und lernen sich anzupassen.
Es war zumindest bei mir nicht so, dass ich von meinem Umfeld umkonditioniert wurde, ich zeigte keinerlei Anzeichen, dass mit mir etwas anders ist. Ich war sehr lernfähig und bemerkte schnell, wie ein Junge zu sein hat und habe das auch von klein an erfüllt. Ein Kichern vor dem Puppenhaus reichte, damit ich kapierte, dass ich da nix zu suchen hatte. Es gab zwar eine Unzahl von Momenten, bis in die Pupertät hinein, in denen ich zwischendurch auflief und mich in einer Weise verhielt, die mir Spott einbrachte und meinen Selbstverleugnungs-Lernprozess optimierte, aber in der Regel war ich bemüht, den Rollenvorstellungen zu entsprechen.
Schlussendlich hatte ich das “Spiel des Lebens” perfektioniert, ich spielte meine Rolle als Junge, erfüllte alle Klischees die man sich nur vorstellen kann, war unartig, frech, lernte gehörig zu fluchen, Streiche zu spielen und all das tat ich stets ein wenig überzogen. Cowboys im TV waren die grosse Vorlage, fluchen und auf den Boden spucken war angesagt. Und auch im Erwachsenenalter lief diese Anpassung weiter. Der “Höhepunkt” meiner Entwicklung war, dass ich in Leder gekleidet auf einer Harley durch die Gegend fuhr, Mitglied eines Motorradclubs war, dort den starken Mann spielte, Securitydienste leistete und alles tat um den harten Kerl gut zu spielen.
Das Verblüffendste war jedoch, dass sich meine Anpassungsfähigkeit so verselbstständigte, dass ich irgendwann nur noch Rollen spielte, auch wenn es gar keine geschlechtsspezifischen Aspekte waren. Ich wurde wie ein Chamäleon, das seine Farbe immer dem Umfeld anpasste. War ich mit intellektuellen Menschen zusammen, klugscheisserte ich genauso versnobbt. War ich mit Rockern zusammen, wurde ich zum coolen Macker. Begegnete ich einem Schwiegervater, war ich vernünftig und verantwortungsbewusst. Mich selbst, gab es nie, es gab immer nur die Idealvorstellung meines Gegenübers. Und das wirklich Verrückte daran war, dass ich all das nie bewusst steuerte, es passierte einfach mit mir.
Natürlich hatte ich auch Ausbrüche, teils sogar heftige, war in der Jugendzeit mal in der Punk-Szene um den nirgends ausgesprochenen und doch stets unsichtbaren Vorstellungen zu entgehen, kettete mich im Greenpeace-Overall an Eisenbahngeleise um endlich aufzubegehren. Ich tat vieles und doch rutschte ich ständig in diesen Anpassungsautomatismus zurück. Ich wollte, dass man mich mag, dass ich von der Welt für ok befunden werde. Und so verbrachte ich vier Jahrzehnte ohne mich selbst.
Ein Leben lang fühlte ich mich von der Welt unverstanden und ich verübelte es dieser Welt aufs Tiefste. Aber ich wusste selbst nicht mal, was die Welt denn hätte verstehen müssen, weil es mich gar nie gab. Und die Welt hatte auch keine Chance, mich wahr!zunehmen, weil ich mich der Welt nie zeigte. Ich sass tief in mir verborgen im Kerker meiner Seele und zog die Fäden, führte Regie in einem absurden Theater, dessen Handlung ich nicht verstand.
Aber ich wusste, wie ich Menschen zum Lachen bringe, auch wenn ich traurig war. Ich konnte stark wirken, auch wenn ich schwach war. Und die Tragik daran war, dass ich nicht nur Anderen etwas vorspielte, ich spielte mir selbst etwas vor, wie ein Schauspieler, der glaubt er wäre seine Rolle.
Erst in den letzten Jahren, ich glaub fast, Auslöser war mein Burnout, begann ich zu begreifen, dass ich gar nicht existiere. Und ich begann mich zu suchen und auszubuddeln, mich kennen zu lernen und zu akzeptieren…… und das brachte mich an den Punkt, an dem ich vor einem Jahr stand, der Punkt an dem es so nicht mehr weiter gehen konnte, an dem die Lüge meines Lebens demaskiert war und ich nicht mehr anders konnte und wollte als endlich mich selbst zu sein, selbst wenn ich all mein Ansehen damit verliere.
Als ich vor einem Jahr dieses Spiel beendete und begann, mein Leben zu leben, war das intensivste Gefühl das mich von Anfang an durchströmte ein Gefühl von totaler Freiheit. Es war als ob ich mich aus einer Zwangsjacke befreit hätte. Ich hatte Angst, alles zu verlieren, aber ich war endlich frei. Und schnell wurde mir klar, dass es kein Zurück gibt. Ich fühlte mich wie ein Schmetterling der aus dem Cocoon heraus kam, es schien mir als ob ich die Welt zum ersten Mal wirklich sehe und jeder Tag war voll mit Überraschungen, zu erleben, wie ich mich immer mehr entfaltete und all das aus mir herausbrach, das so lange Zeit verschüttet war.
Seit diesem Tag, als ich zum ersten Mal ohne Maske die Welt betrat, kann ich nicht mehr lügen und ich kann nicht mehr spielen – es geht einfach nicht mehr. Das ist der Grund, weshalb ich mit so hemmungsloser Offenheit über alles rede und hier im Blog mein Innerstes offenbare, meine Seele sozusagen nackt auf die Bühne des Lebens stelle. Gerade weil ich mich so lange verleugnet habe, kann ich heute nicht mehr anders als zu sein was ich bin und dazu zu stehen, wie ich denke, fühle und lebe. Und seltsamerweise macht es mir nichts aus, dass meine LeserInnen mich so nackt sehen, dass sie den Geruch meiner Seele geradezu riechen können. Es gab für mich nur zwei Wege, weiter ein Leben zu spielen oder mich selbst zu sein und kompromisslos zu mir selbst zu stehen.
Heute bin ich soweit, dass es unwichtig ist, was andere von mir halten, ob ich mich korrekt verhalte oder so bin wie man es von mir erwartet. Natürlich macht mich das nicht zur Soziopathin, die über Leichen geht, ich folge nachwievor ethischen Grundsätzen und versuche beispielsweise, meine Mitmenschen nicht zu verletzen. Aber wenn es um mich geht, wie ich bin, denke und fühle, da gibt es keine Maskierungen mehr, keine Zensur und keine Selbstbeschneidung. Es gibt nur noch mich, mit all meinen guten und schlechten Seiten, ein Individuum das ganz eigen ist, das man lieben oder ablehnen kann, aber das immer und jederzeit sich selbst treu ist.
Vielleicht waren diese vier Jahrzehnte Selbstverleugnung notwendig, um zu erkennen, wie wichtig und wertvoll es ist, sich selbst zu sein und zu erkennen, wie gefährlich es ist, wenn man sich aufgrund von Vorstellungen Anderer anpasst. Vermutlich hätte ich diese grenzenlose Freiheit nie errungen, wenn ich nicht solange gefangen gewesen wäre, weil ich den wahren Wert der Selbstentfaltung nie begriffen hätte.
Wenn ich sehe, wie glücklich ich heute bin und wie sehr ich mein Ich-sein schätze, komme ich nicht umhin dankbar zu sein, für diese harte Schule die ich durchlief. Wirklich schätzen kann man etwas nur wenn man es begehrt hat. Ich glaube nicht, dass ich mich, mein Selbst und mein Leben so schätzen würde, wenn ich nicht so lange Zeit ohne mich hätte auskommen müssen. Und ich bezweifle, dass ich je in der Lage gewesen wäre, so für mich einzustehen, wenn ich mich nicht so lange unterdrückt hätte.
Man kämpft erst dann für seine Freiheit, wenn man seine Unfreiheit erkannt hat. Dazu hatte ich lange genug Gelegenheit, das war das Fundament, auf dem ich den Wert der Freiheit erkennen konnte. Das war der Ursprung der Erkenntnis, wie wichtig meine Selbstentfaltung ist. Das war der Grund weshalb ich die Ketten der Anpassung zerreissen konnte und heute ein wirklich freier Mensch bin.

