T-Girl Diana

Tagebuch einer transsexuellen Frau

Testosteronfreie Beziehungen sind sooooooo schön

Wir wollen uns heute mal etwas mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron beschäftigen, im Speziellen damit, was dieses biochemische Gebräu beziehungsmässig so alles versauen kann.
Als TwoSpirit gehöre ich zu den Wenigen, die vertiefte resp. doppelseitige Einsichten in das Wesen geschlechtsspezifischer Hormone erlangt haben, da kann es nicht schaden, meine diesbezüglichen Erfahrungen und die damit verbundenen Weisheiten mit der Welt zu teilen.

Ich gehöre zu den wenigen Frauen, die ein paar Jahrzehnte lang unter dem Einfluss von Testosteron standen. Dank der modernen Medizin und dem Testosteronblocker Androcur war es mir vergönnt, dem Teufelskreis testosteronbedingter Emotionsstörungen zu entgehen. Das erlaubt mir einen Vergleich, den ausser uns TwoSpirits eigentlich niemand nachvollziehen kann. Ich weiss wie man sich unter dem Einfluss von Testosteron fühlt und ich weiss, wie man sich ohne dieses Zeuchs fühlt……. und ich habe erlebt, wie sich die Abwesenheit von Testosteron auf eine Beziehung auswirkt.

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles,
hofft alles, hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.

(aus dem Hohelied der Liebe)

Meine Gefühlswelt war schon immer weiblich, trotz Testosteron. Ehemalige Freundinnen äusserten sich immer dahingehend, dass ich überraschend kuschlig und zärtlich war. Ich konnte gut eine Ewigkeit “nur” kuscheln, das sogenannte “Vorspiel” war für mich nicht einfach Vorspiel sondern wesentlicher Teil der gemeinsamen Gefühlswelt. Nichtsdestotrotz war bei all der Zärtlichkeit stets ein primäres Ziel anvisiert, ob ich wollte oder nicht. Sobald genug Körperzellen stimuliert wurden, begann das Testosteron in mir zu kochen und das Kleinhirn zwischen den Beinen übernahm die Kontrolle über das Gesamtsystem. Egal wieviel Zärtlichkeit ausgetauscht wurde, es war schlussendlich eine Frage der Zeit, bis aus Zärtlichkeit Erotik und aus der ursprünglichen Geborgenheit Ekstase wurde. So sehr ich Zärtlichkeit liebte, sie stand schlussendlich doch im Dienst der Sexualität, die fast zwangsläufig folgte.

Als ich vor einem Jahr meine Hormontherapie begann, zuerst nur durch Einnahme von Östrogen, bemerkte ich innert kürzester Zeit, dass sich in mir diesbezüglich vieles veränderte. Sexualität hatte plötzlich keine zentrale Rolle mehr in meinem Leben, Schluss mit Spontanerektionen, schluss mit lüsternen Gedanken. Sexualität war nachwievor etwas Schönes, aber sie stand nicht mehr im Zentrum meines Denkens und Fühlens. Spätestens als ich dem Testosteron mittels Androcur zuleibe rückte, war die Kontrolle der Sexualität über mein Wesen gebrochen. Diese Veränderung schenkte mir eine unglaubliche Ruhe in meinem Inneren. Der sexuelle Drang war bei mir Zeit Lebens sehr stark ausgeprägt und erotische Gefühle bestimmten immer wieder mein Denken und Fühlen, egal ob ich das grad wollte oder nicht, es hatte irgendwie ein Eigenleben.

Viele TransFrauen berichten, dass dieser Hormonwechsel zu einer grossen inneren Ruhe führt. Das Agressionspotential nimmt deutlich ab, man regt sich weniger auf, wird generell ruhiger und sanftmütiger und eben, die Dominanz der sexuellen Triebe nimmt deutlich ab. Natürlich wird man dadurch nicht gleich zu einem asexuellen Wesen, Sexualität ist eine schöne Sache und alle Menschen geniessen das. Aber sie bestimmt uns nicht mehr.

Diese Veränderung meiner Gefühlswelt war für mich eine grosse Befreiung. Der Verlust dieser Übersexualisierung war eine Bereicherung, weil es den Kopf frei machte und ich nicht mehr Dienerin meiner Triebe war. Eigentlich dachte ich, dass das alles war und war zufrieden, dass mein Innerstes zu einer neuen Form von Ruhe gefunden hatte. Aber das war nur das Vorspiel für etwas, was ich nie erwartet hätte, was meinem Leben und meinen Gefühlen neue Tiefen verleihen würde.

Manches kann lächerlich sein
zum Beispiel mein Telefon zu küssen
wenn ich deine Stimme in ihm gehört habe

Noch lächerlicher und trauriger wäre es
mein Telefon nicht zu küssen
wenn ich nicht dich küssen kann

(Erich Fried)

Als ich vor einigen Wochen ein Wochenende bei Juliet war und unsere Liebe so richtig entbrannte, erlebte ich ein Wunder, von dessen Existenz ich nie etwas wusste. Tagelang lagen wir nebeneinander, hielten uns fest, streichelten uns, küssten uns, waren zärtlich zu einander und grenzenlos glücklich. Ein Gefühl von Harmonie und Geborgenheit, die ich in dieser Form nicht kannte. Wir konnten stundenlang ohne Unterbruch aneinander kleben, berührten uns pausenlos, ohne dass auch nur ein Hauch von Sexualität diese Harmonie und Ruhe zerstörte. Da gab es kein Ziel, weil der Weg das Ziel war, da gab es keinen Plan, weil wir uns planlos unseren Gefühlen hingaben. Zärtlichkeit nicht als Vorspiel und Strategie sondern um ihrerselbst willen. Ich erlebte eine Gefühlstiefe von nie erlebtem Ausmass, ein Gefühl der Zweisamkeit, das keinen Vorsatz und kein Ziel kannte, einander einfach zu spüren, egal wie, zu verschmelzen über jede Körperzelle………

Einander zu küssen, ohne sich die Zunge tief in den Rachen zu stecken, einander zu streicheln ohne sich gierig auf primäre oder sekundäre Geschlechtsteile zu stürzen, ein Liebesspiel ohne Ende, weil ohne Ziel kein Ende zu erreichen ist, ein endloser Tanz der Gefühle, erfüllt von einer Ruhe, einer Stille und Harmonie, die tiefe Geborgenheit schenkt, die Vertrauen gibt, weil man jede Sekunde fühlt, dass dieser geliebte Mensch nichts mehr will als das was man soeben gibt und weil man selbst nichts mehr erträumt als das was man jetzt gerade erlebt. Leben und Fühlen im Hier und Jetzt, keine Vergangenheit und keine Zukunft, einfach da sein und spüren, wie sehr man geliebt wird.

Zugegeben, diese Gefühlstiefe hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass Juliet und ich eine tiefe Seelenverwandtschaft teilen, dass unsere Liebe von einer ganz speziellen Art ist, aber ich weiss wie ich früher funktioniert habe, wie mein Körper auf Berührungen reagiert hat. Das was ich da erlebte, wäre nicht möglich gewesen, wenn dieses Testosteron die Macht über mich ergriffen hätte.

Ich will keinesfalls abstreiten, dass Begierde und Ekstase wunderschöne Gefühle sind und dass wilder, hemmungsloser Sex ein wunderschönes Erlebnis ist. Aber diese Zärtlichkeit um der Zärtlichkeit willen, diese Liebe die nichts fordert und nichts im Sinn hat als einfach zu sein, das ist eine Dimension der Liebe, die ich als um ein Vielfaches wertvoller empfinde als die grösste Ekstase. Weil diese Form von Gemeinsamkeit zu seelischen Orgasmen führt, die einem im Innersten erschüttern, weil das Körperliche im Seelischen gelebt wird, weil es Ausdruck von spontaner Ehrlichkeit ist, die in ihrer Gefühlstiefe nahezu unerreichbar ist.

Um nicht missverstanden werden, wir sind keine asexuellen Wesen und auch in unserer Beziehung darf Sexualität zu gegebener Zeit ihren Platz haben – und das wird zum ersten Mal etwas sein, was ich nicht mit Euch teilen werde weil es uns allein gehören wird – aber das ist das erste Mal, dass meine Liebe zu einer Frau allein von meinem Herzen gesteuert wird und nicht mehr von meinen Lenden……… und das ist die reinste und edelste Form von Liebe, die ich je erfahren durfte.

Die Meisten dürften mich für komplett verrückt halten, wenn ich hier sage, dass ein sanfter Kuss auf die Lippen einem zutiefst erschüttern kann und dass eine streichelnde Hand auf dem Rücken intensivere Glücksgefühle auslösen kann als ein Orgasmus. Aber egal wie verrückt es klingen man, ich habe es erlebt und ich gäbe es um nichts im Leben zurück, weil nichts so beglückend ist wie diese so unschuldig wirkende Form der Gefühlsübertragung.

Es ist einige Zeit her, dass ich hier in diesem Blog einen Beitrag schrieb mit dem Titel “Mystik der Zärtlichkeit“. Heute muss ich gestehen, dass ich damals nicht ansatzweise erahnte, wie wahr das ist, was ich dort geschrieben habe. Und ich kann nur – wie damals – einmal mehr den christlichen Mystiker Johannes vom Kreuz zitieren, der im Bezug auf die Gottessuche das ausdrückte, was ich nun selber im Bezug auf die Liebe erfahren durfte:

Ich wusste nicht, wo ich eintrat,
aber als ich mich dort sah,
unwissend, wo ich mich befand,
begriff ich grosse Dinge;
ich werde nicht sagen, was ich empfand,
da ich unwissend blieb,
alles Wissen übersteigend.



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