(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Haltung bewahren, Ladies!

Heute hatte ich zum dritten Mal Logopädie und ich war einmal mehr überrascht und froh darüber, dass meine Logo-Lady ihre Hilfeleistung auch auf nonverbale Themen ausweitet.

Heute kamen wir unter anderem auf das Thema Körperhaltung, etwas was vermutlich einige unterschätzen dürften. Eine “falsche Körperhaltung” kann das ganze Passing schnell mal zur Sau machen. T-Girls die mit O-Beinen rumstampfen oder breitschultrig rumlaufen, dürften auch mit der besten Schminkerei sehr männlich wirken.

Aber auch das Umgekehrte kann ins Auge gehen. Wenn ein T-Girl im Catwalk durch die Strassen läuft, hält man sie für durchgeknallt oder zumindest überkandidelt, garantiert aber für “unecht”. Der Grundsatz lautet also, typisch männliche Bewegungen und Haltungen vermeiden und typisch Weibliche anzueignen, ohne es dabei zu übertreiben. Ist a bissrl wie beim Schminken, zuviel Farbe wird schnell clownhaft und das wollen wir ja nicht unbedingt.

Laufen, stöckeln oder stolpern
Beim Laufen hab ich scheinbar Glück. Schon meine herzallerliebste Juliet sagte mir am Wochenende, dass es nett aussieht, wenn man hinter mir her läuft. Dieser Meinung war auch meine Logopädin, also glaub ich’s vorerst mal. Grad das Laufen ist ja nur schwer selber bewertbar, weil ich nur sehr selten hinter mir her laufe. Umso mehr freue ich mich, wenn mir jemand sagt wie es für andere aussieht und wirkt. Man sieht auch bei Bio-Frauen öfters mal Exemplare, die auf Pumps laufen wie ne betrunkene Giraffe auf Rollschuhen oder die auch mit hohen Absätzen einen stapfenden Schritt hinkriegen, wie es der Bauer von nebenan nur mit Gummistiefeln schafft. Dementsprechend bin ich froh, wenn meine Stöcklerei soweit mal ok ist. Der Schritt einer Frau kann für uns T-Girls sehr verräterisch sein, es lohnt sich also, sich hier von Freunden helfen zu lassen. Seltsamerweise klappte das bei mir von alleine. Mir hat mal vor langer Zeit n’Mädel gesagt, dass man auf Pumps gut laufen kann, wenn man die Hüften nicht verkrampft, dann wird der Schritt automatisch etwas katzenhaft. Mehr hab ich nicht gemacht, als eben locker bleiben und scheinbar war das schon die halbe Miete.

Stehen mit Stil
Auch wenn man sinnlos herumsteht, kann man so wirken, als ob man ein Schild über den Kopf hält auf dem “Mann in Frauenkleidern” steht. Dieses Thema haben wir nur kurz gestreift und scheinbar ist meine Steh-Haltung im Wesentlichen ok. Ich will nur kurz an einem Extrembeispiel zeigen, wie fatal es sein kann, wenn man’s eben falsch macht. Früher hatte ich so ne Eigenart, dass ich beim Stehen beide Hände in die Hosentaschen steckte. Das gibt so ein Macker-Bild, die Ellbogen drehen sich nach aussen und man steht schnell mal da wie ein Bodyguard. Hände in Hosensäcken sind ein no-go für Mädels, das sieht einfach üüüüüüübelst aus. Ebenfalls gruslig wäre es, wenn n’Mädel auf beiden Beinen mit gehörigem Abstand zueinander da steht, auch das gibt ein Bodyguard-Bild, breitbeinig stehen geht gar nicht. Mädels haben das Gewicht meist grösstenteils auf einem Bein, das andere ist ziemlich entlastet (was bei meinen Schuhen eh zu empfehlen ist). Zusätzlich bewirkt das, dass sich die Hüfte etwas abdreht, was wiederum die Kurven etwas betont. Vorallem wenn man keine hat wie ich, ist das ein sehr erfreulicher Nebeneffekt. Wir Mädels machen’s also wie die Vögel und wechseln mal von einem Bein zum andern, so kann eins von beiden sich bei einem Nickerchen gemütlich machen. By the way, wenn beide Arme runterhängen, kann das schnell mal affig wirken und das steht nur Jungs gut. Unterwegs haben wir Mädels ja unsere Schminktüte (Handtasche) an einer Schulter und können uns mit einem Arm daran festhalten, das wirkt fast immer gut. Mir erzählte mal eine Bio-Frau, dass sie im Office immer was in den Händen hat beim rumlaufen, einen Block, einen Schreiber, egal was, einfach etwas das einem davon abhält, in die Affenhaltung zu rutschen.

Sitzen wie ein Buckelwal
Ebenfalls wesentlich ist die Haltung beim sitzen und hier sieht meine Bilanz schon etwas ungünstiger aus. Gemäss meiner Logopädin sitz ich zwar in der Regel nett da, wirke also gesamthaft recht weiblich. Aber ich buckle gern mal auf dem Stuhl rum und das wirkt scheinbar wieder sehr entweiblichend, zumindest wenn man eine so elegante Lady ist wie ich ;-) Seit der Schule arbeite ich in sitzender Position, gebeugt über eine Tastatur. Das ist schon für den Rücken beschissen, wirkt aber grad bei Mädels nicht so weiblich. Auf hohen Absätzen kriegt man automatisch ein hohles Kreuz, der Hintern streckt sich a bissrl raus und überhaupt streckt sich der ganze Körper – andernfalls würde man auf die Schnauze fallen. Aber beim Sitzen geht das locker und sieht eben nicht vorteilhaft aus. Interessanterweise buckle ich mehr, wenn ich die Beine übereinander verschränke, was ich fast immer tue. Das wird nun meine Hausaufgabe für diese Woche (und die Wochen danach), mir immer mal wieder meiner Haltung bewusst zu werden und allenfalls zu korrigieren, bis sich der Körper an die neue Haltung gewöhnt hat.

Automatismus anstatt Kontrolle
Wer das jetzt liest, denkt vielleicht, dass das doch völlig unnatürlich ist, wenn man sich sozusagen umkonditionieren muss oder sich ständig überwachen muss. Aber das ist eben das Gute an unserem Denkapparat, der lernt fortlaufend dazu und alles was man genug oft macht, geht in den Automatismus über. Egal ob Sprache, Haltung oder sonstwas, nach einer gewissen Zeit der “Umerziehung” ändert sich das Ganze ohne dass man es richtig merkt. Wäre dem nicht so, würde ich mir den Spass ersparen, weil ich nicht bereit bin, ein Leben zu führen, in dem ich mich permanent kontrollieren muss. Das hab ich vier Jahrzehnte gemacht und ich will nicht vom Regen in die Traufe kommen. Aber wenn ich es schaffe, dass sich mit etwas Übung neue Haltungen rein-automatisieren, dann soll mir das mehr als Recht sein. Ausserdem ist es oft so, dass man schnell mal merkt, dass die “neuen” Haltungen oder Verhaltensweisen einem eigentlich viel mehr passen. Mir gings mit Schuhen so, der Schritt fühlt sich viel lockerer an, viel befreiter, das “männliche Laufen” war viel klotziger und verkrampfter, einfach nicht mir entsprechend.

Alles Klischees? Ja eben drum!
Das alles klingt vielleicht nach einer Betonierung von Geschlechter-Klischees, darum geht es aber nicht. Die Frage ist nicht, ob wir T-Girls solche gut finden oder nicht, die Frage ist, ob wir ein einigermassen akzeptables Passing hinkriegen und das ist für unsere Psychohygiene enorm wichtig. Eine “weibliche Haltung” setzt klare Akzente, nach denen wir wahrgenommen werden. Wer da falsche Signale aussendet, wird nunmal entsprechend falsch wahrgenommen. Das kann man gut oder blöd finden, aber die Wahrnehmung Anderer können wir nicht verändern, ihr Denken auch nicht, wir können nur an uns etwas verändern, nicht für die Anderen sondern allein für uns selbst. Und nicht zuletzt werden so oft Eigenschaften freigelegt, die schon immer in uns waren und die so endlich lernen, sich zu entfalten.

Deshalb mein Rat an alle T-Girls: Sucht Euch nette Freundinnen und bittet sie, ein Auge auf Euch zu haben und wirklich ehrlich zu sein. Betont, dass Ihr keine Komplimente wollt sondern nur Informationen, wie Ihr von aussen gesehen wirkt. Mir hat es heute geholfen, dass meine Logo-Lady mir beim sitzen zusah und sagte, wenn es besser oder schlechter aussah, so konnte ich ein Gefühl entwickeln, was “gut” aussieht. Ob sich das wirklch einschleift, wird die Zukunft zeigen, aber ich bin da eigentlich zuversichtlich, der Mensch ist ja lernfähig und wir T-Girls im Speziellen ;-)



Copyright © 2018 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.