(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Sleepless in Switzerland

Wenn zwei Mädels sich zum ersten Mal sehen und gleich drei Tage ohne Unterbruch zusammen sind, wenn sie in diesen drei Nächten insgesamt rund zehn Stunden geschlafen haben, wenn sie all ihre Pläne für dieses Wochenende über den Haufen geworfen haben weil sie vor lauter plaudern und lachen einfach für nichts mehr Zeit fanden, dann kann man sicher sein, dass sich da ein Wunder ereignet hat und sich eine Freundschaft entfaltet, die das Vorstellbare bei Weitem übersteigt. Und man kann sicher sein, dass die Zwei eine Freundschaft fürs Leben gefunden haben, selbst wenn sie tausend Kilometer von einander entfernt sind.

Freundschaft zwischen den Zeilen
Vor ein paar Monaten tauchte Juliet hier im Blog auf, begann Blogbeiträge zu kommentieren und es entstanden teils epische Plaudereien. Über tausend Kommentare hat sie hier hinterlassen, wir haben uns unzählige Male fast Tränen gelacht und unzählige Male miteinander gefühlt. Es entstand eine Freundschaft, die nur aus geschriebenen Buchstaben bestand, die sich zwischen den Zeilen entfaltete, weil zwischen eben diesen Zeilen so viele Gefühle flossen. So drängte es sich immer mehr auf, dass wir uns endlich einmal sehen können und wir nahmen uns vor, mal ein Wochenende zusammen zu verbringen.

Donnerstag

Ankunft in Zürich
Diesen Donnerstag Abend kam Juliet am Zürcher Flughafen an und zum ersten Mal standen wir uns gegenüber, konnten uns erstmals herzlich in die Arme nehmen. Zwei sich unbekannte und doch so vertraute Menschen begaben sich gemeinsam im Zug zu mir nachhause.

Erste Plauder- und Lach-Nacht
Kaum zuhause angekommen, ging das plaudern los, mal aus dem Leben gegriffen, mal philosophisch und oft, sehr oft, lachten wir uns den Bauch wund. Um sechs Uhr morgens schafften wir dann doch den Weg ins Bett, erschöpft und erfüllt. Juliet drohte mir bereits am Abend, dass sie in der Regel um Zehn aufwacht, egal wie spät sie ins Bett ging. Aber wenn wir erst um Sechs ins Bett gehen, dürfte das ja kaum der Fall sein……..

Freitag

Der morgen danach
…… war es aber. Um Zehn stand die Gute bei mir im Wohnzimmer und ich blickte ungläubig mit verschwommenem Blick unter der Decke hervor. Für normale Leute wär das dann wohl der Zeitpunkt gewesen um zu frühstücken. Aber da waren weit und breit keine normalen Leute, nur diese zwei verrückten Mädels. Und verrückt wie die Zwei sind, gings dann mit Kaffee vor der Nase auch gleich weiter mit plaudern und rumblödeln – unter dem Einfluss des Schlafmangels nun noch eine Spur verrückter.

Reduziertes shoppen
Wir hatten vor, am Freitag eine ausgiebige Shopping Tour zu machen und dann an den Stammtisch des Transensyndikats zu gehen. Naja, irgendwie ist es ein Rätsel wie das kam, aber es lief dann doch etwas anders ab. Ich glaub es war um ein Uhr Nachmittags, als wir mal auf die Idee kamen, wir könnten was futtern, also würde gefrühstückt. Oder eher gefrühstückplaudert oder so. Zur Verdauung wurde dann weiter geredet und weiter und weiter und irgendwann war es etwa vier Uhr. Wir begannen die Fassadenrenovation und kamen dann irgendwie so um sechs Uhr in Zürich an. Das “ausgedehnt” unserer Shopping Tour war also schon mal verplaudert.

Flucht an den Stammtisch
Aber ein Meer aus Menschen und Regen schmälerte unsere Kauflust doch deutlich und so entschieden wir uns, halt früher an den Stamm zu gehen, dann können wir ja noch a bissrl quatschen miteinander, bis die anderen Transgender Leute eintrudeln. Ich glaub das ist das erste Mal, dass ich ohne Kleider oder Schuhe von einer Shopping Tour zurück kam, aber immerhin eine neue preiswerte DigiCam fand den Weg in meine Handtasche und ein Headset damit wir endlich über Skype gratis telefonieren können.

Gemütlicher Abend am Transgender-Stammtisch
Auf dem Weg zum Stamm trafen wir zufällig eine andere Transfrau vom Stamm im Tram (reimt sich coll, hä?). Also gings zu Dritt zum Stamm und wir (man ahnt es), quatschten eine Stunde zusammen. So gegen Acht trudelten ein Dutzend Transgender ein und wir verbrachten einen gemütlichen Abend mit feinem Essen und endlosen Gesprächen. Auch Sarah vom Bad Hair Days Blog war mit von Partie und so konnten sie und Juliet sich auch gleich im sogenannt realen Leben kennen lernen.

Zweite Plaudernacht – wer braucht schon Schlaf?
Gegen Mitternacht kamen wir wieder zuhause an, todmüde, vergnügt….. und was tun vergnügte Mädels? Genau, sie plaudern und blödeln noch ein wenig und gucken sich zwischendurch Filme an (z.B. Transamerica). Um halb Sieben war dann der letzte Film durch. Ich drehte den Kopf und hatte n’schlafendes Mädel neben mir. Ich war selber schon im Halbschlaf, löschte das Licht, schloss die Augen, dachte noch kurz, dass die Gute doch wohl nicht schon wieder nach vier Stunden wach sein würde…… Man glaubt es kaum, wieder vier Stunden später, diesmal um halb Elf, war das Mädel wieder wach. Zweimal hintereinander vier Stunden Schlaf ist nicht wirklich vernünftig, aber wir haben uns ja auch nicht um der Vernunft Willen getroffen.

Samstag

Planänderung – Nix mit Fotos und Pub
Wir hatten noch vor, Schminkexperimente zu machen und eine Fotosession mit n’paar schönen Kleidern von mir, aber kaum richtig wach wurde wieder geredet und wieder gelacht, beide waren müde und erschöpft, aber quietschvergnügt. Tja und so wars dann plötzlich wieder zwischen vier und fünf Uhr und es war klar, dass unsere Pläne vom Schicksal vereitelt wurden – also wollten wir uns wenigstens in die Malkästen schmeissen, Thai Nudeln-Gemüse-Poulet-Dingsbums im Wok zu kochen um dann um Neun ins Pub zu gehen. Als uns klar wurde, dass wir beide ziemlich träg drauf sind, entschlossen wir uns aber, das Pub zu streichen, der Rest war eh gestrichen, ausser dem Wok. Ohne die Schminkerei und das Pub hatten wir eine Unmenge mehr Zeit um – naja – mal etwas zu plaudern und blödeln.

Thai Wok Kocherei, Gummibärchen und Plauder-TV
Ich glaub es war so etwas nach Acht als wir den Wok zur Weissglut trieben und darauf folgte eine Nacht mit weiterer Plauderei und Gröhlerei, wir fütterten uns gegenseitig kichernd mit Gummibärchen, unterbrachen ständig die Filme weil jemand was loswerden musste, was erneute Rede- und Lachexzesse auslöste. Um Vier fanden wir, das würde ja noch reichen für einen letzten Film. Wir sind uns ja jetzt gewohnt um Sechs ins Bett zu gehen, man soll den Kreislauf ja nicht mit Unregelmässigkeiten belasten. Also guckten wir Thelma & Louise und irgendwo in der Mitte gabs mal wieder eine Plauder Unterbrechung, die sich so hinzog, dass wir um Acht fertig waren mit dem Film. Es stellte sich langsam die Frage, ob wir wirklich für drei Stunden schlafen sollten oder gleich Freinacht machen. Aber langsam waren unsere Systeme echt am Arsch, also schliefen wir noch ne Runde.

Sonntag

Katzen Weckdienst
Zweieinhalb Stunden später, um halb Elf, wurde ich von einer Katze geweckt, die dann eine halbe Stunde lang versuchte, mich in den Wachzustand zu versetzen. Ich wurde mit meinen Haaren im Gesicht gekitzelt, mit den Fingern in den Rippen, ich flüchtete unter die Decke, es nützte einfach alles nix. Die Katze, die lustigerweise auch Juliet hiess, zeigte eine freudige Verspieltheit, die darin bestand, mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich war hin und her gerissen zwischen aufwachen, wieder einschlafen, mich verstecken, kichern, meckern, einschlafen……. nach einer halben Stunde gab ich auf und es ging mit Kaffee los.

Delirium für Fortgeschrittene
Zum ersten mal waren wir etwas ruhiger, was irgendwie kein Wunder war, beide (vorallem ich) guckten etwas belämmert in die Welt hinaus, alle Systeme liefen nur noch mit Notstrom und so gabs nochmal einen gemütlichen Morgen – natürlich nicht ohne weitere Plauderkichereien.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Uns wird es Beiden wohl ein ewiges Rätsel bleiben, wie drei Tage so schnell vorüber sein können, jedenfalls mussten wir uns dann wieder tageslichttauglich machen und um drei Uhr gingen wir Richtung Flughafen, beide mit deutlich eingeschränkter Begeisterung. Aber wir hatten keine Wahl, Flugzeuge sind doofe Vögel, die warten nicht und ausserdem hätte uns eine weitere Vierstundennacht vermutlich ins Koma versetzt.

Zeit – steh still!
Im Flughafen war mir dann definitiv nicht mehr wohl und das lag wider Erwarten nicht an meinem Schlafmangel sondern weil der Abschied vor uns stand. Aber ich wollte doch gar nicht, dass sie geht, ich wollte dass sie nie mehr geht, dass dieses Wochenende nie mehr aufhört und wir bis ans Ende aller Zeit weiter reden können und uns weiter todlachen können mit unserer so wesensgleichen Verrücktheit. Und auch Juliet war äusserst abgeneigt, nun mit diesem doofen Flugzeug wieder wegzufliegen.

Das Wunder geniessen
Ich glaube nicht, dass ich jemals drei Tage lang soviel gelacht habe und über soviel geredet habe und ich glaube nicht, dass ich mich je so verausgabt habe, um jede Minute zu geniessen, mit diesem wundervollen Wesen zusammen zu sein, die mir schon mit ihrer Schreiberei so vertraut wurde und mir nun um soviel näher war denn je.

Ein schmerzlicher Abschied
Der Abschied war brutal. Drei Tage voll von soviel Lebensfreude und die Nähe dieser wundervollen Frau und nun musste sie in dieses doofe Flugzeug steigen. Ich musste die Tränen zurück halten und das gelang mir auch bis ich zuhause ankam.

Die leere Wohnung
Ich trat in eine leere Wohnung, in der etwas fehlte, das soviel Wärme hier hinein gebracht hat, dessen Abwesenheit irgendwie unvorstellbar war, erfüllt von der Erinnerung an drei der schönsten Tage meines Lebens und an einen der liebenswertesten Menschen die mir das Schicksal je auf dem Weg gegeben hat. Es war, als ob das Wertvollste aus dieser Wohnung verschwunden wäre, nur das lautlose Echo unseres Lachens hallte durch diese Leere.

Traurig und Glücklich
Ich bin traurig, weil ich Juliet jetzt schon vermisse wie die Hölle. Aber mehr als das bin ich glücklich, diese Freundschaft gewonnen zu haben, von der ich überzeugt bin, dass sich unsere Wege nie trennen werden….. und ich bin mega froh, dass wir am Samstag ein Headset für mich gekauft haben und von nun an soviel wir wollen via Skype telefonieren können.

Hey Juliet, danke für alles, ich freu mich wie verrückt darauf, Dir hoffentlich bald wieder mal zu begegnen….. und bleib wie Du bist, Du bist ein unglaublich liebenswertes Wesen…… und komplett bluna ;-)



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