(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Wenn Himmel und Hölle sich kreuzen

Und das ist die Einsamkeit
Die mich geboren hat
Versucht ihr zu entkommen
Hab ich meine Hoffnung verloren
Ich schrie nach Liebe mich zu wärmen
Verlor ich meine Stimme und blieb stumm
Ruhelos verurteilt
Träumte ich die Wahrheit
Ergriff ich die Flucht
Und fiel zu Boden

(Lacrimosa – Loblied auf die Zweisamkeit)

Schon letzte Woche ging es ziemlich strub in mir zu und her und alles fühlte sich so an als ob mir bald mal die Luft ausgeht. Heute habe ich den Zenit des Erträglichen überschritten und es folgte ein Sturzflug sondergleichen.

Ich bin es gewohnt, immer wieder tief zu fallen und mich immer wieder genauso schnell wieder in die Lüfte zu erheben, aber das heute hat selbst mich überrascht. Ich muss komplett wahnsinnig sein, dass ich in dieser Gemütslage auch noch mal schnell nebenbei mir rauchen aufhören wollte, aber ich habs versucht und damit vermutlich das Fass zum überlaufen gebracht.

Und übergelaufen ist es grosszügig. Nachdem ich den ganzen Tag schon mit Kopfweh und Übelkeit nur knapp auf den Beinen stehen konnte, wurde dann der Druck in mir so gross, dass ich nachhause musste und dort angekommen begann ein Heulkrampf noch bevor ich die Stiefel ausziehen konnte. Nach fast einer Stunde war meine Schminke bis zum Hals verteilt, so am Boden war ich echt seit langer Zeit nicht mehr.

Himmel und Hölle müssen sehr nah beieinander liegen, es scheint fast als ob sie sich im selben Raum befinden. Ich war noch nie in meinem Leben so glücklich wie jetzt, konnte mir nach vier Jahrzehnten endlich die Freiheit erkämpfen, mich selbst zu sein. Aber genauso zermürbend sind die täglichen Kämpfe, die immer wiederkehrende Hoffnungslosigkeit in Beziehungsfragen, die Ratlosigkeit über eine gefühlsbefreite Menschlichkeit, die Fassungslosigkeit über die Ignoranz einer schwarz-weiss denkenden Welt.

Manchmal in so Momenten wie jetzt, kann ich mir gar nicht vorstellen, genug Kraft zu haben, um all das auszuhalten. Und doch kenne ich mich gut genug um zu wissen, dass mich das Leben nicht in die Knie zwingen kann, dass ich immer wieder aufstehe und nicht aufgeben kann, dass in mir Kräfte mobilisiert werden, deren Herkunft mir ewig ein Rätsel bleiben wird. Und doch ist es beängstigend, den Glauben an seine eigene Kraft zu verlieren. Wie jemand der im offenen Meer treibt und glaubt, die Arme nicht mehr bewegen zu können, aber sie bewegen sich wie von Geisterhand weiter, einem fernen, noch unsichtbaren Ziel entgegen.

Wie ich kürzlich mal hier geschrieben habe: Wer nach den Sternen greift, muss sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann der Himmel auf den Kopf fällt. Offenbar führt mein Weg in den Himmel quer durch die Hölle – wenn dem so ist, dann werde ich auch diesen Weg gehen.

Wer auch immer die Spielregeln für dieses Spiel des Lebens festgelegt hat, er muss eine merkwürdige Art von Humor haben. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen, ich werde meinen Weg gehen, selbst wenn ich das auf allen Vieren tun müsste. Morgen ist wieder ein neuer Tag und ich werde wieder neu erstarkt aufstehen und mich wieder wie ein Phönix aus der Asche emporheben und dieses Spiel, das man in so zynischer Weise “Leben” nennt, weiter führen……… T-Girls geben nicht auf – nie!

Update 19.11.2009
Es geht wieder aufwärts: Gratwanderung zwischen Glücklichsein und Verzweiflung

Für Euch ein fremdes Wesen

Mit einem Zitat aus einem Lied der Trilogie “Fassade” begann mein erster Blogbeitrag. Es wird Zeit, mal über den 1. Satz dieser Trilogie von Lacrimosa nachzudenken. Kaum ein Liedtext geht mir öfters durch den Kopf wenn ich mich mit dieser Gesellschaft beschäftige oder wenn ich im Alltag die Ignoranz der Menschheit ertragen muss. Ja ich bin für Euch vielleicht ein fremdes Wesen und doch ein Menschenkind wie jeder von Euch. Und ja, ich kenne den Abgrund zwischen Herz und dem Verstand, jenen Abgrund, den die Meisten nicht mal aus ihren Albträumen kennen. Und ja, ich klage diese Welt an, die Selbstbestimmung garantiert, sie aber bei allfälliger Nonkonformität mit allen Mitteln bekämpft. Und ja, ich fordere die Menschen auf, ihren Blick tief in sich selbst zu werfen.

Schaut mich nicht an!
Ich bin kein Tier!
Nur ein Menschenkind – für euch ein fremdes Wesen – vielleicht
Mit Augen und Ohren
Einem Herz und viel Gefühl
Und immer noch mit einem klaren und auch freien Verstand!
Vielleicht bin ich nur ein Schatten
Der euren Plan verdunkeln will
Vielleicht bin ich ein Gewitter
Dessen Regen manches Samen Durst nach Wachstum leiste stillt

Schaltet – die Menschen – Maschinen – gleich und seht -
Im Gleichschritt – sie schreiten – ganz ohne – Bedacht und -
Sie glauben – zusammen – verschieden – zu sein und -
Ganz eigen – ganz frei und – selbstbestimmt – zu sein

Schaut mich nicht an!
Tief in euch werft euren Blick!
Nicht die anderen sind Täter – und vergiften diese Welt
Nein – ein Jeder kämpft und streitet und gestaltet dieses Leben
Und wenn ihr redet
Wessen Geist ist eurer vielen Worte Inhalt?
Wart ihr jemals an dem Abgrund zwischen Herz und dem Verstand?
Könnt ihr sagen: Ich erlerne mich?
Eure schreckliche Einfältigkeit
Zu glauben was man euch erzählt:
Natürlichkeit und Selbstbestimmung
Aber bitte nur im Rahmen des Systems dieser Gesellschaft

Schaltet – die Menschen – Maschinen – gleich und seht -
Im Gleichschritt – sie schreiten – ganz ohne – Bedacht und -
Sie glauben – zusammen – verschieden – zu sein und -
Ganz eigen – ganz frei und – selbstbestimmt – zu sein

Warum Fassade?
Gibt es nicht genügend Egoismus in der Welt?
Gibt es nicht genügend Selbstsucht die den Selbsthass überspielt?
Reicht es nicht dass jeder sich der nächste ist und nicht versteht?
Dass die Mauern des Alleinseins die des Egoismus sind?

Schaut mich nicht an!
Ich bin kein Tier!
Nur ein Menschenkind – für euch ein fremdes Wesen – vielleicht
Mit Augen und Ohren
Einem Herz und viel Gefühl
Und immer noch mit einem klaren und auch freien Verstand

(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Cry Baby

Manchmal, wenn eine Frau diesen lautlosen Schrei in sich hört und ihre Seele mit ein bisschen Whiskey wärmt, ist Janis Joplin die beste Medizin, wenn sie wie kaum jemand vorher oder nachher mit tiefster Inbrunst singt oder eher schreit: Cry Baby……….

Irgendwie ist es schon seltsam, dass man in so Momenten solche Musik braucht und dass sie einem auffängt aus dem freien Fall und einem die Gewissheit gibt, dass dieser Schrei in einem drin nicht der einzige Schrei dieser Welt ist. Ich wüsste nicht, was ich ohne so Musik mit solchen Gefühlen machen würde.

Prost Janis, Königin der 68er, danke für das was Du uns vermacht hast.

Erste Logopädie-Stunde

Nach allem Gejammer und Crash und Apokalypse und so, will ich aber das Positive des heutigen Tages nicht auslassen: meine erste Logopädie-Stunde.

Letzte Woche war ich ja erstmals an der Zürcher Universitätsklinik in der Plapperabteilung, also dort wo man lernt zu reden oder wir T-Girls lernen, wie richtige Ladies zu sprechen. Zuerst wurden meine Stimmbänder in der Phoniatrie gefilmt und gemessen (bei einer soooo lieben Dame) und darauf gings in die Logopädie (bei der nächsten soooo lieben Dame) um den aktuellen Tonumfang und so Sachen zu messen und mich zu informieren, wo’s nun lang geht in meiner Stimmentwicklung.

Heute hatte ich nun meine erste Stunde und war erst mal kräftig überrascht, was es da zu lernen gab. Denn das erste Thema war, wie man(n) resp Frau hustet, niesst und sich räuspert. Dann suchten wir meine aktuelle Tonhöhe beim Sprechen und suchten den höchsten Ton der beim Sprechen nicht zur Kopfstimme wurde. Meine Tonart liegt bei A, der höchste Ton der noch Kopf- und Bruststimme vereint, war D. Ziel wird es also sein, meine Plapperei von A auf D zu erhöhen, was doch schon eine deutliche Verweiblichung der Stimme bewirken würde.

Um das zu schaffen, hab ich nun bizarre Hausaufgaben zu machen und werde damit meine Wohnungsnachbarn wohl in eine gewisse Irritation stürzen. Wieviel das Ganze bringt wird die Zukunft zeigen und ist vorallem von meiner Lerndisziplin abhängig.

Aber eines kann ich jetzt schon sagen, ich fühl mich bei meiner Logistin ;-) extrem aufgehoben. Sie hat eine sehr einfühlsame Wesensart und wenn sie mir etwas “Weibliches” vormacht, hat das etwas geradezu bezirzendes an sich, da sprüht eine Weiblichkeit rüber, die enorm ansteckend ist.

Und als ob das alles nicht schon Geschenk genug ist, sagte sie am Schluss beim Verabschieden, ihre Kollegin hätte gefragt, ob heute “die Frau mit den schönen Beinen” wieder kommt……. und auch wenn ich mich ja eigentlich von Oberflächlichkeiten fernhalten sollte und Fremdbewertungen für mich in der Regel pures Gift sind, es fühlte sich an als ob meine Seele von tausend Engeln geküsst würde. Ein Kompliment für schöne Beine zu bekommen ist eine Sache, aber dies von einer Frau zu hören, ist wirklich ein ernsthaftes Kompliment…… und das wiederum kann ich – wie Ihr Euch vorstellen könnt – mehr als gut gebrauchen, gerade an so Tagen wie heute :-)

Juliet, wir müssen unbedingt Bilder von meinen Beinen machen. Schon Marilyn Monroe sagte: “Give a girl the right shoes and she can conquer the world”, die richtigen Schuhe habe ich, die passenden Beine auch, also wirds Zeit die Welt zu erobern ;-)



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