(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Bitte komm zurück, Svenja, wir brauchen Dich!

Das ist mein 200. Blogbeitrag und ich wollte den einem würdigen grossen Thema widmen, konnte mich fürs Erste aber nicht entscheiden. Heute wurde mir der Entscheid abgenommen, ich hab etwas auf dem Herzen, das mir wichtig genug erscheint, um diesem 200. Blogbeitrag würdig zu sein.

Heute hat meine Lieblings-Trans-Bloggerin Svenja ihren Blogbetrieb eingestellt oder zumindest auf Eis gelegt. Sie begründet das mit den Worten: “Andere Transsexuelle, sowie auch Frauen aus dem feministischen Lager sind der Ansicht, dass ich hier ein falsches Frauenbild vermittele und damit Transsexuellen, wie BioFrauen gleichermaßen Schaden zufüge”. Weiters sagt Svenja, dass sie sich bei 14000 Lesern pro Monat Ihrer Verantwortung bewusst ist und deshalb eine Auszeit nimmt um darüber nachzudenken, ob und wie es weiter gehen soll mit dem Blog.

Liebe Svenja

Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll, weil es soviele Gründe gibt, weshalb wir nicht auf Deine Texte verzichten wollen und können. Du hat eine Verantwortung gegenüber Deinen 14000 Lesern, von denen ich eine bin – soweit hast Du Recht. Aber gerade weil Du diese Verantwortung hast, “darfst” Du Dein Werk nicht beenden, nur weil ein paar von diesen 14000 Lesern Dich deswegen anpinkeln. Du hättest nicht soviele Leser, wenn die Mehrheit “Dein Bild” nicht gutheissen würde, allein schon der Erfolg gibt Dir Recht.

Wie oft hast Du geniale praktische Tipps gegeben wie beispielsweise die Passing-Serie, die vielen von uns T-Girls geholfen haben? Du gehörst zu den wenigen Menschen, die mit in regelmässigen Abständen ein Lachen ins Herz katapultieren, mit Deinem Humor, Deinen Bildern und mit Deinen Ansichten.

Ich empfinde meinen Trans-Weg zwar als totale Erfüllung, aber ich empfinde es auch als einen sehr schweren Weg. Du zeigst mir immer wieder, dass der Trans-Weg zumindest zeitweise auch mit Lebenslust und Leichtigkeit gelebt werden kann. Gerade wenn ich wieder mal an den Hürden auf meinem Weg haddere, sind Deine Blogbeiträge ein grosser Trost, es tut so gut zu sehen, dass man auch als Trans-Frau quietschvergnügt sein kann. Deine Haltung zum Leben geben mir extrem viel Kraft und Hoffnung, Du bist schon fast ein Vorbild für mich und ich spüre, dass mir das gut tut.

Du sagst, dass Dir Frauen aus dem feministischen Lager Vorwürfe machen. Du wirst selber wissen, dass zumindest Radikal-Feministinnen uns in der Hölle verbrennen liessen, wenn sie könnten. Sie wehren sich gegen Gender-Stereotypen und treiben den Teufel mit dem Beelebub aus, indem sie das, was sie früher mussten, heute nicht mehr dürfen und umgekehrt – gewonnen ist damit nichts. Also ist es kein Wunder, dass so Extremistinnen ihre liebe Mühe haben wenn wir T-Girls es geniessen, weibliche Stereotypen zu .übernehmen und auszuleben. Wir geniessen es, auf hochhakigen Schuhen rumzustöckeln, wenn so Kreise damit ein Problem haben, begehen sie keine geringeren Verbrechen als das Patriarchat das sie bekämpfen.

Mehr zu denken gibt mir, dass “andere Transsexuelle” Dir so Vorwürfe machen. Es ist mir nicht neu, dass es auch in unseren Kreisen so geistige Talibans gibt, die glauben sie hätten die Weisheit mit Suppenlöffeln gegessen und sich erdreisten, sich zum Richter über Andere zu machen. Da gibt es Leute, die glauben darüber entscheiden zu müssen, wer “richtig transsexuell” ist und wer nicht. Es entzieht sich meinem Verständnis, wie jemand mit einigermassen funktionierendem Verstand hinstehen kann und entscheiden kann, wer “echt” ist und wer nicht. Und ich kann auch nicht im Geringsten nachvollziehen, wie jemand hinstehen kann und vorschreiben kann, was “das richtige Frauenbild” denn sein soll. “Das Frauenbild” gibt es nicht, es gibt soviele Frauenbilder wie es Menschen gibt, wer etwas anderes behauptet, sollte sich mal psychologisch untersuchen lassen. Soviel Arroganz ist man sich bei Medizinern und Gutachtern vielleicht gewohnt, aber wenn Transsexuelle anfangen, andere in ihren eigenen Reihen aufzufressen, dann begehen sie sozialen Kanibalismus und sollten sich dafür in Grund und Boden schämen.

Aber egal ob extremistische Radikal-Feministinnen oder grössenwahnsinnige Transsexuelle, es steht niemandem zu dem Rest der Welt vorzuschreiben, wie sie sein sollen oder was für ein Bild sie abgeben. Du bist nicht die personifizierte Transsexualität oder ein Abbild der gesammten Transsexuellenschar. Du zeigst das Bild einer einzigen, einer ganz bestimmten und wie ich meine wundervollen Trans-Frau, Du stehst nicht für Andere sondern nur für Dich. Das ist Dein verdammtes Recht als Individuum dieser Gesellschaft, dass Du sein darfst wie Du bist, dass Du Dich so zeigen und so äussern darfst wie es Dir beliebt.

Grad diese Woche sagte ich zu einem lieben Menschen sinngemäss: “Wenn ich für jedes dumme Geschwätz einen Franken bekommen hätte, wäre ich heute Milliardärin”. Wenn wir uns exponieren, können wir es nie allen Recht machen. Es gibt immer Solche, die unsere Art oder unseren Standpunkt blöd finden, uns deswegen auslachen oder kritisieren. Man kann es wirklich nicht allen Recht machen, aber das ist auch nicht unsere Aufgabe. Dante sagte mal: “Geh Deinen Weg uns lass die Leute reden”. Nur so können wir uns selbst treu bleiben.

Ich bin wirklich froh, dass es in der Trans-Szene auch Menschen hat wie Du, die soviel Natürlichkeit ausstrahlen und eine Lebensfreude verbreiten, die den Standpunkt “Transsexuelle sind arme kranke Menschen” in wohltuender Weise relativieren. Ganz ehrlich, wenn ich jemandem sagen würde, dass ich transsexuell bin und derjenige dann entgegnen würde: “dann bist Du also so eine wie Svenja”, dann würde ich stolz “Ja” sagen und wäre froh, dass derjenige sich unter einer Trans-Frau so etwas vorstellt wie Du.

Es würde mir fern liegen, Dich zurück zu berufen, wenn Du einfach keine Lust mehr hast zum bloggen oder keine Zeit. Aber ich protestiere energisch dagegen, dass ein paar Klugscheisser unter Deinen 14000 Lesern Dir das Bloggen versaut. Gib diesen Wenigen nicht die Macht darüber zu entscheiden, ob Du weiter für die Vielen da sein sollst, die Dich schätzen.

Du schreibst für uns, für all die vielen Leser die Deine Schreibweise genauso lieben wie das Frauenbild und das Transfrauenbild, das Du in Deiner persönlichen Lebensschilderung offenlegst.

Bitte bleib uns erhalten, liebe Svenja, ohne Deine Blogbeiträge wäre die Trans-Szene um eine grosse Hoffnung ärmer…… und vielen würde das Licht eines grossen Sterns fehlen.

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Update 26.10.2009:
Juhuiiii, sie ist wieder da und beginnt gleich mit einem “Tussi Schnelltest“, Gott sei Dank, sie ist geblieben, wie viele sie lieben ;-)



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